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Subventionen für die eigene Vergiftung
Keine Branche macht aus Steuermilliarden mehr ökologischen und ökonomischen Unfug als die Landwirtschaft. Doch während sogar bei den Arbeitslosen gespart wird, dreht Bern den Geldhahn in Richtung Scholle weiter auf. Dabei sind sich die unabhängigen Fachleute einig. Je mehr die Bauern staatlich gestützt werden, desto intensiver und damit umweltschädlicher produzieren sie.
«Eine Kuh mach muh, viele Kühe machen Mühe.»
Die Lacher hat Jean-Pascal Delamuraz allemal auf seiner Seite, wenn
er den träfen Spruch wieder einmal zum besten gibt - und dabei
die deutschen Hauchlaute so kraftvoll durch seine frankophone
Luftröhre presst, dass man das Auf- und Zuschlagen des
Kehlkopfdeckels bis ins Auditorium zu hören glaubt.
Doch diesmal schonte der Landwirtschaftsminister seine Stimmorgane,
als er am Montag nach der Regierungssitzung vor die Bundeshauspresse
trat. Dafür um so weniger die Kühe. 230 000 von ihnen will
er bis Ende 1999 zusätzlich auf die Schlachtbank führen.
390 Millionen Franken kostet die Vollstreckung des Massentodesurteils
zusammen mit den diesjährigen Sofortmassnahmen zum Abbau des
unverkäuflichen Fleischberges. 180 Millionen müssen die
Bauern beisteuern, die trotz Rinderwahnsinn und stetig sinkender
Fleischlust der Konsumenten munter am Markt vorbei produzieren - und
210 Millionen die Steuerzahler, auf dass sie «das Vertrauen
wiedergewinnen» in das ramponierte Image des helvetischen
Grilliergutes. Dabei glaubt man nicht einmal im Bundesamt für
Landwirtschaft (BLW), dass sich der Viehbestand damit dauerhaft
senken lässt. Gar nicht zu reden vom Abbau der milliardenteuren
Milchüberschüsse, den man von der Abschlachtung jeder
dritten Kuh eigentlich erwarten dürfte. Wie weggefegt sind
plötzlich die agrarreformerischen Ideen von mehr Markt- und
Naturnähe. Während sogar Taggelder der Arbeitslosen
gekürzt werden, dreht der Bundesrat den Geldhahn für die
Landwirte weiter auf.
Unbeirrt baut Bern ein agrarpoltisches System aus, dessen zwangsläufiges Scheitern in Praxis und Theorie längst bewiesen ist. Nicht weniger nämlich produzieren die Bauern, wenn sie mehr staatliche Unterstützung erhalten, sondern mehr. «Es besteht ein hochgradiger Zusammenhang zwischen dem Niveau der Agrarstützung und der Intensität der Produktion», weiss der Zürcher Agrarwirtschaftsprofessor Peter Rieder. Mit andern Worten: Je mehr Steuergelder in die Landwirtschaft fliessen, desto mehr schadet sie der Natur - und belastet mit ihren Überschüssen erneut die Bundeskasse.
Statistisch belegt hat diese Gesetzmässigkeit die
Welthandelsorganisation WTO in ihrem neusten Bericht
über die Schweiz. In Ländern mit geringer
Agrarstützung, lässt sich dort nachlesen, setzten die
Bauern weniger Dünger ein als in Ländern mit starkem
Protektionismus. Australiens Farmer etwa verdanken nur neun Prozent
ihres Einkommens staatlicher Stützung; dafür setzten sie
pro Hektare Ackerland weniger als 50 Kilogramm Hilfsstoffe ein. In
den USA, wo die Agrarstützung knapp 20 Prozent beträgt,
kommen auf eine Hektare 100 Kilo. Die französischen Agrikulteure
können sich dank 45prozentiger Staatshilfe pro Hektare 300 Kilo
Dünger leisten. Und die Schweizer Bauern schhesslich teilen sich
mit ihren japanischen Berufskollegen den Spitzenplatz: Mit 80 Prozent
staatlicher Stützung und 400 Kilo Dünger pro Hektare
Ackerland sind sie laut WTO weltweit sowohl die bestgeschützten
als auch die umweltschädlichsten Bauern.
Diesen peinlichen Weltrekord will man im BLW allerdings nicht
akzeptieren. «Beinahe kriminell» sei die WTO-Statistik,
ärgert sich Hans-Jörg Lehmann von der
BWL-Koordinationsstelle für Ökologie. Von Land zur Land
unterschiedliche Kriterien für die Bestimmung der
Ackerfläche wirft er den internationalen Agrarexperten vor und
veraltete Zahlen. Völlig unberücksichtigt lasse ihre
Statistik, dass der Düngereinsatz in der Schweiz
rückläufig sei.
Tatsächlich setzen die helvetischen Landwirte heute weniger
Hilfsstoffe ein als noch Ende der achtziger Jahre. Um immerhin einen
Fünftel haben sie ihre Einkäufe von Phosphorsäure,
Reinstickstoff und Reinkali inzwischen gedrosselt. Aber
ökologische Kirchenlichter sind sie deswegen noch lange nicht.
Nach wie vor stammen von den 40000 Tonnen Nitrat, die jährlich
in das Schweizer Grundwasser gelangen, 37000 Tonnen aus
Bauernhöfen. Für die gesamte Stickstoffbelastung von Luft
und Wasser ist der Nährstand zu 40 Prozent verantwortlich. Dabei
gehorchen die Bauern nur dem ökonomischen Prinzip des
abnehmenden Grenznutzens: Sie steigern die Produktion so lange, als
ihnen das letzte zusätzlich aus dem Boden geholte Kilo mehr
einträgt, als es sie kostet. Da diese Schwelle wegen der
weltrekordwürdigen Agrarstützung hier höher hegt als
anderswo, produzieren die Schweizer Landwirte auch dann noch
drauflos, wenn ihre ausländischen Kollegen den Bettel
längst hingeschmissen haben.
Punkto Traktorendichte Spitze
Kaum eine Landwirtschaft der Welt kann es sich leisten, so viele
Maschinen einzusetzen, um derart wenig Nahrungsmittel herzustellen
wie die schweizerische. Während in Australien laut einer
Statistik der Uno-Ernährungsorganisation FAO auf zehn
Quadratkilometer Ackerland, sieben Traktoren kommen und in England
oder Frankreich knapp 80, sind es in der Schweiz 270. Und die Tendenz
ist weiterhin steigend. Über 120000 Traktoren gibt es bereits im
Land. deutlich mehr als einer pro Hof, Hobby- und
Nebenerwerbsbetriebe mitgezählt.
Auf die Natur wirkt sich die Übermaschinierung ähnlich
verhängnisvoll aus wie die Überdüngung. Laut einer
WWF-Studie entfallen im Landwirtschaftsgebiet bereits 55 Prozent der
ökologischen Gefahr auf mechanische Bodenbelastung; und 45
Prozent auf stoffliche Probleme wie die Freisetzung von Stickstoffen
und Schwermetallen, Wobei die mechanische Belastung, anders als die
stoffliche, künftig weiter zunehmen werde.
Noch kaum bekannt ist hingegen, wie stark der Nährstand die
Luft belastet. Obwohl er nur 3,5 Prozent der Bevölkerung
ausmacht, setzt er beinahe doppelt so viele Treibhausgase frei wie
die Industrie oder das Dienstleistungsgewerbe. 17 Prozent
beträgt der Anteil der Landwirtschaft am in der Schweiz
produzierten Klimaeffekt, wie Jürg Fuhrer und Anton Gruber von
der eidgenössischen Forschungsanstalt für Agrikulturchemie
und Umwelthygiene berechnet haben. Heftiger setzen der
stratosphärischen Schutzschicht nur der Verkehr (31 Prozent) und
die Haushalte (20 Prozent) zu.
Hauptverursacher der überproportionalen Schädigung des
lebenswichtigen Schutzschildes sind die Kühe. Über die
Gärungsprozesse beim Wiederkäuen sowie über den Kot
und Urin gelangen die hochwirksamen Treibhausgase Methan
(CH4),und Lachgas (N2O) in die Atmosphäre.
Was dabei pro Kuh und Jahr anfällt, erwärmt die
Ersatmosphäre gleich stark wie viereinhalb Tonnen Kohlendioxid
(CO2). Dies entspricht dem Treibhauseffekt, der bei der
Verbrennung von 2000 Litern Benzin entsteht. Dies wiederum ist
doppelt so viel, wie ein durchschnittlicher Personenwagen bei
durchschnittlicher Fahrleistung jährlich verbraucht (13000
Kilometer pro Jahr, acht Liter Benzin auf 100 Kilometer). Eine Kuh
erwärmt die Atmosphäre mithin gleich stark wie zwei VW
Golf. Oder anders: Ein 75-PS-Motor aus Wolfsburg produziert nur halb
so viel CO2, wie eine Kuh aus Madiswil.
Demnach müsste die Massenschlachtung von 230 000 Kühen
ökologisch ähnlich segensreich sein wie ein Fahrverbot
für eine halbe Million Autos. Doch das ist graue Theorie. Denn
die Schlachtungen werden auf drei Jahre verteilt. Dadurch bleibt den
Bauern genug Zeit, um möglichst viel Nachwuchs nachzuziehen. Die
rund 200000 Rinder, die bisher alljährlich zu Fleisch
verarbeitet wurden, führten schliesslich auch nicht zu einer
Reduktion des Viehbestandes.
Unter dem Strich dürfte sich die ökologische und
ökonomische Bilanz der Landwirtschaft also kaum verbessern. Und
die sieht alles andere als vorteilhaft aus: Die Bauern erwirtschaften
einen Gesamtertrag im Wert von neun Milliarden Franken. Davon sind
7,2 Milliarden nur möglich, weil die übrige
Bevölkerung je rund dreieinhalb Milliarden in Form von Steuern
und überhöhten Preisen zuschiesst. Ohne jeglichen
Agrarschutz betrüge die jährliche Wertschöpfung also
lediglich 1,8 Milliarden Franken. Unter Weltmarktbedingungen heisst
das: Die Bauern, 3,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung, tragen
gerade mal ein halbes Prozent zum einheimischen Bruttosozialprodukt
bei. Dies dürfte nicht zu viel mehr reichen, als die
Umweltschäden zu decken, die sie dabei verursachen. «Per
saldo», glaubt deshalb der Freiburger Ökonomieprofessor
Henner Kleinewefers, «ist die Landwirtschaft im Mittelland der
umweltschädlichste Sektor der Schweizer Volkswirtschaft
überhaupt.»
Ungenutztes Potential
Anders als beim Verkehr oder bei der Industrie hege bei der
Landwirtschaft immer noch ein riesiges ökologisches Potential
brach, glaubt denn auch der Schaffhauser Kantonschemiker Roger
Biedermann. Im Auftrag von Landwirtschaftsminister Delamuraz und
Innenministerin Ruth Dreifuss leitet er seit anderthalb Jahren eine
Expertengruppe, die aufzeigen soll, wie dieses Potential genutzt
werden kann: allein mit der geplanten Agrarreform, soviel hat das
Gremium bereits herausgefunden, jedenfalls nicht. Um rund einen
Viertel lässt sich laut den unveröffentlichten Berechnungen
der Stickstoffanfall durch die «Agrarpolitik 2002» zwar
reduzieren. Doch Biedermann strebt mindestens die Halbierung dieser
verhängnisvollen Emissionen an. Erst dann, schrieb er in der
Augustausgabe des Fachblattes «Lebensmitteltechnologie»,
«wären wir einen Schritt weiter».
Aber Biedermann lässt nicht locker. Schliesslich zeigten
volkswirtschaftliche Berechnungen deutlich, schreibt er, «dass
Massnahmen in der Landwirtschaft pro Tonne reduzierter
Stickstoffemission weitaus billiger zu stehen kommen als
zusätzliche Massnahmen in den Bereichen Gewässerschutz und
Lufthygiene». Am wirksamsten wäre dabei ein radikaler
Abbau der Agrarstützung. Denn mit den Staatsgeldern, gesteht
sogar ein Landwirtschaftsforscher im Bundesdienst,
«subventionieren wir unsere eigene Vergiftung». Seinen
Namen wünscht der Mann allerdings nicht in der Zeitung zu sehen.
Offen dürfen eben selbst einschlägig akademisch dekorierte
Beamte nicht sagen, was seit Jahren unstrittige Lehrmeinung der
Agrarwissenschaft ist.
Von Martin A. Senn
Artikel aus: DIE WELTWOCHE Nummer 38 vom 19. September 1996
Weitere Informationen zu obigem Thema:
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