KAPITEL 8: Geschichte des Schlachtens
Seit Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies töteten
die Menschen Tiere zu ihrer Ernährung. Zuerst auf der Jagd, und
nachdem die Menschen sesshaft wurden und Ackerbau und Viehzucht
betrieben, wurden Tiere in erster Linie den jeweiligen Göttern
geopfert. Dabei gab es schon in der Frühzeit Vorschriften
über das Töten der Tiere und welche Tiere geopfert werden
durften. Schon bei den Phöniziern, im alten Babylon und auch in
Athen gab es auf Grund der vielen Opfertiere einen regelrechten
Fleischhandel.
Im alten Rom galt Ziegenfleisch als ungesund. Schweinefleisch war
jedoch dermaßen begehrt, dass der Kaiser Severus das Schlachten
von säugenden Mutterschweinen verbot um den Nachschub zu
sichern. Im alten Rom gab es schon Schlachthäuser und
Verkaufshallen.
In Deutschland tauchen die ersten Aufzeichnungen über das
Schlachten um das Jahr 780 auf, wobei hier auch die alten Germanen
dem Gott Odin ihre Pferdeopfer darbrachten. Es wurden auch Rinder und
Schweine geschlachtet, aber alles im häuslichen Bereich.
Bis zur Zeit der ersten Kreuzzüge um das Jahr 1099 nach Christi
Geburt spielte sich das Schlachten meist im häuslichen Bereich
ab und war ein fester Bestandteil im bäuerlichen Jahreslauf. Die
Länder waren dünn besiedelt und erst durch die steigenden
Bevölkerungszahlen entwickelte sich langsam ein
gewerbsmäßiges Schlachten und Verarbeiten. Es gab dann
sogenannte Fleischbänke, wo die Metzger schlachteten und
wursteten. Unter heute unvorstellbaren Bedingungen wurde dann meist
an Flüssen das Schlachten als Gewerbe betrieben. Doch die
Entwicklung ging dann rasch vorwärts. Das erste öffentliche
Schlachthaus in Augsburg, der sogenannte Kuttelhof, wurde im Jahre
1276 durch die Metzgerzunft in Betrieb genommen, und gleichzeitig
ordnete die Stadt Augsburg einen Schlachtzwang für das
öffentliche Schlachthaus an. Grundgedanke waren wohl die
Hygienebedingungen und den Tierschutz zu verbessern, da ja nun das
Schlachten unter städtischer Aufsicht ausgeübt werden
musste.
Dieser Kuttelhof hatte Bestand bis 1849. Erst um das Jahr 1100 herum
ordneten sich dann langsam die Gewerbe. Sicherlich gab es auch vorher
Hausmetzger, die gegen Entgeld die Schlachtarbeiten übernahmen.
Doch dass die Obrigkeit Vorschriften erließ und zum Töten
der Tiere einen Schlachthauszwang einführte, geschah alles um
das Jahr 1100 herum. Die ältesten deutschen Urkunden
diesbezüglich sind Stiftungsbriefe der Stadt Freiburg i.Breisgau
aus dem Jahre 1120. Von der Stadt Medebach und auch über
Augsburg gibt es recht frühe Aufzeichnungen.
Die Menschheit hatte in einer Art Tiefschlaf gelegen, und erst mit
der Hinrichtung Robespierres und am Ende der französischen
Revolution 1794 setzte dann eine rasante Entwicklung ein, die bis in
unsere heutige Zeit nicht abgeschlossen ist. Im Jahre 1850 wurde dann
erstmalig in Augsburg ein neuer Schlachthof gebaut. Die anfallenden
Schlachtabfälle wurden aber immer noch durch eine Öffnung
in der Außenmauer direkt in den angrenzenden Lechkanal
entleert. Man sieht, es war doch ein weiter Weg zu den
High-Tech-Schlachthöfen unserer Zeit.
In meiner Privatsammlung habe ich ein schönes Buch von der
Verwaltung des Augsburger Schlachthofes, 1906 herausgegeben, mit
vielen Bildern und Bauplänen und geschichtlichem
Hintergrundwissen über den Augsburger Schlachthof.
Am Sonntag, dem 7. Oktober 1900, veranstalteten die Angehörigen
des Metzgergewerbes einen festlichen Umzug vom alten Schlachthaus in
das neue, und am Montag, dem 8. Oktober 1900, wurde der
Schlachtbetrieb aufgenommen. Heute, 102 Jahre später, werden
dort Flohmärkte abgehalten. Was sich doch in 100 Jahren alles
ändert.
Der Augsburger Schlachthofdirektor Johannes Schneider betont dabei
die Modernität des Schlachthauses mit seinen Klärgruben,
das damals bahnbrechend war, da vorher die Schlachtabfälle
einfach in die Flüsse geworfen wurden. Blut und Borsten,
ausgestochene Augen, alles landete im Fluss. Da ein Rind drei
Mägen hat und jeder zum Zeitpunkt seines Todes auch gefüllt
ist, kam da einiges an Abfällen zusammen.
1851 war die erste Weltausstellung in London, und in rascher Folge
wurden nun auf allen Gebieten bahnbrechende Erfindungen gemacht.
Amerika, das erst im Jahre 1776 seine
Unabhängigkeitserklärung verfasste und damals nur aus 13
Staaten bestand, sollte auch hier bei der langsam aufkommenden
Industrialisierung den Vorreiter spielen.
Hundert Jahre später gab es in Chicago schon die berühmten
Stocks, wo weltweit zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte
industriell ganze Viehherden geschlachtet und verarbeitet wurden.
Schweine wurden lebend am Fließband abgestochen. Für
Rinder bestand ein ausgeklügeltes System, sie wurden von einem
Leitstier, dem sogenannten Verräter, in die Betäubungsboxen
geführt. Darüber standen mit langen Hämmern die
Töter und brachten die Rinder mittels Kopfschlag zu Fall. Dann
wurden die Rinder am Fuß aufgehängt und weiter
verarbeitet.
Die ersten Schlachtbänder der Geschichte standen also in
Chicago. In Deutschland gab es die ersten Schlachtbänder Ende
der 50er Jahre. In Deutschland gab es um 1900 noch keine
Technisierung. Das Schlachten war auch eine grausame Sache. Kleinvieh
wurde generell nicht betäubt, die Rinder meist per Kopfschlag,
Bruststich oder Genickstich geschlachtet. Tierschutz war noch kein
Thema. Es gab aber immer wieder Metzger, die sich auch Gedanken zum
Tierschutz und zur schmerzfreien Tötung gemacht haben, und damit
eine Entwicklung ermöglicht haben, die für Mensch und Tier
vertretbarer ist.
Ich werde jetzt mal zum Vergleich einige Schlachtmethoden
beschreiben, wie sie lange Zeit üblich waren, oder wie der
Genickstich heute noch in südlichen Ländern üblich
ist. In der Geschichte des Schlachtens gab es sogar eine unblutige
Methode, die sogenannte englische Patent-Schlachtmethode, wobei das
Tier per Kopfschlag betäubt wurde und dann mittels eines
Blasebalges, dessen Kanüle zwischen der vierten und fünften
Rippe eingestochen wird, Luft in den Thorax gepumpt wird, so dass der
Tod infolge Kompression der Lunge durch Ersticken erfolgte. Da kein
Blut entzogen wurde, war dieses Fleisch auch nicht haltbar, und so
setzte sich diese Methode auch nicht durch.
In England wurde auch die Tötung mittels Dynamit versucht, wobei
das Dynamit an der Stirn befestigt wurde und mittels galvanischen
Strom zur Entzündung gebracht wurde.
Die Tötung mittels Luft versuchte man in Meißen, wobei man
einen hohlen Eisenbolzen in das Gehirn der Tiere trieb und dann
komprimierte Luft einströmen ließ. Auch davon ist man
wieder abgekommen.
Weit verbreitet war der Genickstich oder der Genickschlag mit der
Hackenbouterolle, wobei die Tiere zwar augenblicklich
zusammenstürzen und regungslos liegen blieben, doch das
Bewusstsein ist voll da. Das Tier ist nur gelähmt und wird erst
nach vollständiger Blutentziehung bewusstlos. Oft wurden mehrere
Tiere per Genickschlag niedergestreckt um dann nacheinander
abgestochen zu werden. Da die Tiere das bei vollem Bewusstsein
erleiden mussten, kann man das wohl als ausgesprochene
Tierquälerei bezeichnen.
Des weiteren wurden Versuche mit hochgespanntem elektrischem Strom
gemacht. Hier liegt mir eine Beschreibung aus Aachen vor, wobei der
damalige Schlachthofdirektor Bockelmann das Töten von Ochsen und
Pferden mittels Strom beschreibt: "Mit einem blitzartig, den
Körper bewegenden Ruck, zuckte das Pferd so mächtig auf,
dass es einen Moment über dem Fußboden zu schweben schien.
Die durch den Strom erzeugte Muskelkontraktion verursachte ein auf 3
Meter Entfernung hörbares Geräusch." Auch von dieser
Methode kam man wieder ab, außer bei den Schweinen, wo der
Strom auch heute noch die allgemein übliche Betäubungsart
ist.
Eine weitere Tötungsart ist das Niederlegen und Fesseln des
Tieres, wonach ohne Betäubung der Schächtschnitt oder der
Bruststich ausgeführt wird. Vom Schächten handelt das
nächste Kapitel. Beim Bruststich wurden die großen
Gefäßstämme am Brusteingang geöffnet, und das
Tier verblutete langsam. Dann wurde ebenso der Herzstich versucht,
was aber alles nicht befriedigend war. Überwiegend wurde der
Kopfschlag mit dem Schlachthammer ausgeführt, dies dürfte
auch in unserem Kulturkreis die wohl älteste Schlachtmethode
sein. Vom Ausübenden wird hierbei aber eine gewisse Kraft und
Gewandtheit gefordert, und auch hier dürften sich viele
unschöne Szenen abgespielt haben. Damit nicht am lebenden Tier
geübt werden musste, hatte man nach Art der Kraftmesser auf den
Volksfesten Apparate gebaut, woran Lehrlinge ihre Geschicklichkeit
üben konnten. Also haben sich die Schlächter doch schon
immer Gedanken gemacht über ihr blutiges Handwerk, und dabei gab
es immer Bestrebungen, unnötiges Tierleid zu vermeiden. Wobei
heute in spanischen Schlachthöfen Stierkämpfer an lebenden
Kühen ihren Todesstoß üben, den sie aber scheinbar
trotzdem nicht beherrschen können, da fast jeder Stier grausam
zu Tode gefoltert wird und nachträglich mit dem Messer genickt
wird. Tja - die stolzen Spanier.
Vorreiter im industriellen Abschlachten war auch die Liebig
Fleisch-Companie, die wir alle durch ihre bunten Sammelbildchen und
den Liebig-Fleischextrakt kennen. Von der Firma wurden in Brasilien
ganze Rinderherden verarbeitet, wobei in einem riesigen Kral vor dem
Schlachthaus ein Lanzenreiter die Tiere mittels Genickstich
niederstreckte, und Arbeiter mittels einer Winde die Tiere auf einen
Rollwagen zogen, wo sie geschächtet wurden. Alles im Akkord.
Doch zurück zum Kopfschlag. Ein gutes Tötungsmittel war
auch die Schlachthacke, die auf der Rückseite einen Knauf hatte.
Das ausschlaggebende war aber immer der Ausübende. Ein Rind
muß mit einem Schlag umfallen, da nach dem ersten Schlag die
Stirnhaut anschwillt und wie ein Polster wirkt. Ich habe da genug
Quälerei gesehen und wäre froh, wenn ich manche Bilder
nicht im Kopf hätte.
Für Kleinvieh gab es noch die Schlachtkeule. Als Verbesserung
kam dann um 1900 ein Schlachthammer, der auf der Rückseite einen
Hohlmeisel hatte und mit dem man die Tiere zuverlässig zu Fall
brachte. Nun setzte eine zügige Entwicklung ein, die den
Schlagbolzenhammer nach Kleinschmidt hervorbrachte. Dabei wurde ein
Bolzen mit einem Aufsatz an den Schädel gehalten, und der Bolzen
mittels eines Holzhammers in das Gehirn getrieben. Ähnlich
funktionierte der Betäubungsapparat von C. Sorge. Danach kam der
Federbolzenapparat plus Nutenbolzapparat.
In Chemnitz gab es einen neu entwickelten Betäubungsapparat. Die
Fa. Renger & Co in Arnstadt erfand eine Schweineschlachtmaschine,
worin die Tiere fixiert und per Bolzenschlag betäubt wurden.
Dann gab es noch die kombinierte Schlachtmethode, wo die Tiere mit
der Hackenbouterolle per Genickschlag niedergestreckt wurden und dann
noch einen Schlag auf die Stirn erhielten. Für Rinder gab es nun
eine Schlachtmaske, die dem Rind am Kopf befestigt wurde. In der
Maske befand sich ein Hohlmeisel aus Stahl, der nun mittels eines
Holzhammers in das Gehirn getrieben wurde. Das Anlegen der Maske war
sehr umständlich, und die Maske passte auch nicht auf jeden
Rinderkopf. Noch schlimmer waren die Pferde dran. Das Pferd hat zwar
von allen Schlachttieren die dünnste Schädeldecke, doch ist
der Pferdekopf viel schmaler als ein Rinderkopf, und dementsprechend
gab es da auch mehr Fehlschläge.
Danach gab es noch die Schlachtmaske nach Kögler mit einem
Federbolzen. Außerdem gab es die Schußbouterolle nach
Siegmund, wo in der Schlachtmaske ein geladener Pistolenlauf steckte,
mit einer Kugel. Mit der Entladung krachte es dann laut, und die
Kugel flog dem Tier in den Schädel. Das störte
natürlich den Betriebsablauf, da weitere Rinder, die in der
Schlachthalle auf ihren Tod warteten, durch den Schussknall in Panik
gerieten und versuchten aus dem Schlachthaus zu entkommen. Es sind ja
etliche Metzger durch wilde Tiere zu Tode gekommen. Der Grundgedanke
bei all den Verbesserungen der Schlachtmethoden war immer ein
möglichst schnelles und sicheres Töten der Tiere, und der
Tierschutzgedanke spielte natürlich auch eine Rolle. Kurios,
dass sich immer wieder Metzger, deren tägliches Brot das
Töten von Tieren ist, für den Tierschutz eingesetzt haben.
Umso unglaublicher, dass im Jahr 2002 beamtete Richter, die noch nie
in einem Schlachthaus waren, das Schächten erlauben und das
angeblich im Namen des Volkes. Nun, ich glaube, das Volk ist da
anderer Meinung.
Die nächste Entwicklung war dann die Schußbouterolle ohne
Knall. Findige Köpfe dachten aber immer wieder über
Verbesserungen nach. Bei den Kugelschussapparaten kam es auch immer
wieder zu Verletzungen, und die Kugel musste ja auch wieder gesucht
und entfernt werden. Arthur Stoff aus Erfurt erfand dann einen
Schussapparat mit Schalldämpfer. Die unmittelbar daneben
stehenden Rinder reagierten darauf nicht mehr mit Panik. Über
Jahre wurde mit dem Kugelschussapparat gearbeitet, bis man auf die
Idee kam, einen Schussapparat ohne Kugeln zu konstruieren. Dieses
erste Gerät - den Bolzenschussapparat "Mors" - erfand der
Tierarzt und Schlachthofdirektor Schrader in Brandenburg. Der Apparat
funktionierte zwar, das Problem war nur, dass der Schlagbolzen nicht
automatisch zurückschnellte und beim Sturz des Tieres dann oft
im Schädel abbrach.
Als nächstes kam dann der Bolzenschussapparat "Blitz" von Max
Hermsdoff. Auch hier konnte das Problem des Bolzens noch nicht
gelöst werden. Ein Bolzenschussrohr mit Zünder des
Tierarztes Flessa in Hof bewährte sich nicht und verschwand auch
wieder in der Versenkung. Doch dem Bolzenschussapparat gehörte
dann doch die Zukunft, und nach vielen Verbesserungen gelang es dann
doch einen funktionsfähigen Schussapparat zu konstruieren. Die
Metzger und Tierärzte hatten den Weg geebnet, und findige
Tüftler trugen das ihre dazu bei. Und das Tempo der heutigen
Schlachtbänder wäre ohne eine eigene, sichere und schnelle
Betäubung gar nicht möglich. Entscheidenden Anteil hatte
dabei auch die Firma Kerner mit ihren zuverlässigen
Schussapparaten.
1954 machten sich die Schlächter des Kemptener Schlachthofes
Gedanken über eine Schweinebetäubungsbucht, damit die
anderen Tiere nicht mehr beim Töten ihrer Artgenossen zusehen
mussten. Das muß man diesen Männern hoch anrechnen, dass
sie bei ihrer Arbeit den Tierschutzgedanken nicht vergaßen.
Die technische Entwicklung ging nun jedoch rasant vorwärts, die
Bodenschlachtung war überholt, und heute gibt es in den
Schlachthöfen ausschließlich das Schlachtband. Ob das ein
Fortschritt ist mag dahingestellt sein. Wenn heute in modernen
Schlachthöfen bis zu 300 Schweine in der Stunde geschlachtet
werden, kann sich jeder ausmalen wie das abläuft. Die Geschichte
des Schlachtens ist im Jahre 2002 also nicht zu Ende, sondern es
kommen immer neue Kapitel dazu. Ob diese Entwicklung gut ist, mag
jeder für sich entscheiden.
zurück zum Kapitel 7 - weiter zum Kapitel 9
[Zurück zur Übersicht] [Startseite]
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008
