KAPITEL 3: Kopfschlächter in Hamburg
Die Arbeiten in der Wurstküche hatte ich nun hinter mir
gelassen, und ich war mit 18 Jahren der jüngste
Kopfschlächter auf dem Hamburger Schlachthof.
Von Montag bis Freitag bestand nun mein Tagwerk aus Töten.
Montag - Schafe, Dienstag - Schweine, Mittwoch - Kälber,
Donnerstag - Rinder, Freitag - Rinder. Freitag schlachteten wir
meistens im Seegrenz-Schlachthof ausländische Rinder aus
England, Island usw. Diese kamen lebend mit dem Schiff nach Hamburg.
Der Hamburger Schlachthof ist riesig, und die Rinder wurden
herdenweise getrieben, also nicht einzeln am Strick. In der alten
Rinderschlachthalle wurde noch am Boden geschlachtet, was für
die Tiere auch immer Stress war, da sie beim Hereinführen
zwischen ihren toten Artgenossen standen. Doch für Emotionen ist
in diesem Geschäft kein Platz. Pausenlos werden die Tiere
getötet, in der Halle dampfte es, Tiere brüllten, also
nichts für zarte Gemüter.
Im Seegrenz gab es schon ein Schlachtband, wo jeder Schlächter
nur noch bestimmte Handgriffe verrichtete. Stündlich wurden 50
Rinder getötet und liefen in das Band, da blieb also keine Zeit
zum Nachdenken. Ich habe meistens abgestochen. Das betäubte Rind
hing mit dem Fuß an einem Laufband und ich musste per
Bruststich die Schlagader öffnen. 50 Mal in der Stunde, 400 Mal
am Tag. Nach einer Stunde war mein rechter Arm von einer dicken
festen Blutkruste über-zogen, aber weggehen vom Arbeitsplatz war
unmöglich. Wir waren ein eingespieltes Team, wo sich einer auf
den anderen verlassen konnte.
Die Tiere standen lose vor dem Schlachthaus in einem großen
Gatter. Ein Schlachter nahm immer einen Strick - holte ein Rind. Nach
der Betäubung wurde der Strick wieder abgemacht und das
nächste geholt. Solange bis auch das letzte tot war. Danach erst
konnte ich mir unter der heißen Dusche die dicke Blutkruste
abwaschen, und dann ging es auf die Reeperbahn. Hafen - Schlachthof -
St. Pauli, ist ja alles zusammen.
Beim Schweineschlachten war es ähnlich, nur das Geschrei der
Schweine war lauter. Schweine schlachteten wir 150 in der Stunde,
eine enorme Schinderei. Selbst zum Austreten konnte man nicht weg,
sondern urinierte am Schlachtband.
Heute werden bis zu 300 Schweine in der Stunde geschlachtet. Die
Menschen müssen irgendwann mal den Verstand verloren haben.
Schuld ist hier aber der Verbraucher, wenn er sich mit Billigfleisch
vollstopft und seine Ernährung nur billig sein muß.
Massentierhaltung mit allen ihren Qualen - Massenschlachtungen
bräuchte es nicht geben, wenn sich die Menschen etwas mit
Vernunft ernähren würden. Die Tiere können auf Grund
ihrer Haltung nicht gesund sein. Gewissenlose Mäster
verabreichen ihnen Medikamente, die wir mit dem Fleisch zu uns
nehmen. Ich habe viele Schweine tot umfallen sehen, der Stress war zu
viel für sie. Die Betäubung ist auch mehr ein Alibi bei dem
Tempo. Viele Schweine haben Brühwasser in der Lunge, ein
Zeichen, dass sie beim Einwurf in den Brühkessel noch gelebt
haben. Ein verantwortungsvoller Umgang mit den Tieren ist bei diesem
Tempo nicht mehr möglich.
Die Industrialisierung und der steigende Konsum haben der Menschheit
keine Vorteile gebracht. Die Unternehmer maximieren zwar ihren
Profit, die Arbeitnehmer werden jedoch ausgenützt und
verschlissen und sind mit 40 am Ende ihrer Kräfte. Das Tier, das
auch Empfindungen wie Schmerz, Trauer usw. empfindet und vom Menschen
als Mitgeschöpf betrachtet werden sollte, wird hier
rücksichtslos geschunden und zum blanken Fleischlieferanten
degradiert. So dürfte sich unser Schöpfer seine Welt nicht
vorgestellt haben. Besserung ist aber nicht in Sicht. Im Gegenteil,
die Welt gerät immer mehr aus den Fugen, und Tierquälerei
ist im Alltag schon Normalität.
Die Schafe wurden mit dem Bolzenschussapparat oder auch mit Strom
betäubt, dabei gab es kaum Probleme. Die Kälber in Hamburg
waren schon sehr schwer mit kleinen Hörnern - das war auch eine
schwere Arbeit. Nach dem Schlachten wurden die Schlachtkörper
gleich warm und unzerteilt auf große Kühl-Lkws verladen,
was auch eine Knochenarbeit war. Ich habe als 18jähriger diesen
schweren Belastungen stand gehalten, obwohl ja mein Körper noch
nicht ausgewachsen war.
Im Hamburger Schlachthof wurde auch ab und zu geschächtet, aber
selten. Moslems gab es damals noch keine, und die Juden
schächteten in anderen Städten. Darüber mehr im
Kapitel "Schächten".
Mir persönlich war am liebsten der Rinder-Schlachttag.
Allerdings war es mit der Gemütlichkeit, wie in der Lehrzeit,
vorbei. Die Kühe, die 1959 geschlachtet wurden, hatten noch
engen Kontakt zu den Bauern, zogen teilweise noch Fuhrwerke und
wurden mit der Hand gemolken. Man konnte mit ihnen reden und sie
befolgten Kommandos wie ein Hund. Die Rinder, die im Hamburger
Schlachthof geschlachtet wurden, standen überwiegend auf der
Weide, ohne täglichen Kontakt zu den Menschen. Das merkte man
auch an ihrem Verhalten. Ein sprachlicher Kontakt war nicht
möglich. Zudem wurden die Tiere wie in Amerika herdenweise vom
Viehmarkt zum Schlachthaus getrieben.
Die Viehtreiber waren derbe Zeitgenossen, die einem Tier schon mal
ein Auge ausschlugen. Die Metzger selber waren in der Regel human zu
den Tieren, soweit das in diesem Beruf möglich ist.
Der Verdienst war gut und für's Schlachten und Zerlegen im
Akkord konnte man gutes Geld verdienen. Ich zerlegte außer der
Reihe oft im Freihafen Rinderviertel, die dort zerlegt und dann in
andere Länder exportiert wurden. Bezahlt wurde per Stück,
und so arbeiteten wir um die Wette - jeder wollte der Beste sein.
Es war eine schöne Zeit und die Tage vergingen wie im Flug,
zumal ja Hamburg auch in der Freizeit einiges zu bieten hatte. Ich
ging Freitag auf St. Pauli, und erst wieder Sonntagabend nach Hause.
In der Zwischenzeit wurde gefeiert. War auf alle Fälle besser,
als wenn manche Leute ihr Leben vor dem Fernseher verbringen und
diesen Blödsinn für das richtige Leben halten. In einem
Quiz über Fernsehsendungen der 60er Jahre hätte ich null
Punkte, da ich keine Sendung gesehen habe. Meine Heimat war der
Star-Club und die Reeperbahn. Die Mädchen konnte man damals noch
ohne Angst vor Aids lieben, und auch diese ängstlichen und
verstörten Menschen von heute gab es damals nicht. Wir gingen
vom Schlachthaus mit unseren blutigen Kitteln in den "Rosenkeller"
und soffen mit den Damen. Schwachheiten gab es trotzdem nicht - wer
saufen kann, muß auch arbeiten können. Im Hamburger
Schlachthof waren zwei Frauen mit einem Handkarren unterwegs um Bier
an die Schlachter zu verkaufen. Da wurde einiges verzehrt, aber auch
genau so hart gearbeitet.
Den ganzen Dreck von heute - Korruption, Abzocken usw. - gab es
damals noch nicht so. Die Bundesrepublik hat sich da seit den 60er
Jahren enorm in die falsche Richtung entwickelt. Der Umbruch kam
1968. Bei einem Heimaturlaub habe ich die ersten US-Soldaten mit
langen Haaren und Peace-Zeichen auf den Uniformen gesehen. Die
optimistische Beatmusik wurde abgelöst von Psychadelic und
Drogenmusik mit Jimmi Hendrix und ähnlichen Junkies. In Hamburg
waren die ersten Studentenunruhen und alles schien sich
plötzlich zu verändern. Gott sei Dank hatte mich die
eiserne Disziplin in meiner Schlächterkolonne immun gemacht
gegen diese neuen Verführungen. Meine Ansicht war schon immer
"Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott." und "Die schönste Droge
ist ein klarer Verstand."
Hamburg hatte sich verändert und ich fuhr dann auch mal kurz zur
See und heuerte als Kochsmaat auf einem Dampfer an. Doch der Herr der
sieben Meere wurde ich nicht, da ich als Kochsmaat in aller
Frühe auch frische Brötchen hätte backen sollen, und
das ist für mich nichts. Also heuerte ich wieder ab und fing bei
einer Hamburger Schlachterei mit Schiffsausrüstung an. Der Reiz
dabei war, dass ich in der Helgoländer Niederlassung der Firma
arbeiten sollte. 1969 und 1970 arbeitete ich auf Helgoland, und das
war eine sehr schöne Zeit. Diese wunderschöne Hochseeinsel
war genau das was mir gefiel. Viel Natur, eine interessante Arbeit
und viele hübsche Mädchen.
Helgoland ist bei Sturm in der Nordsee ein Schutzhafen für die
Fischer. Diese kauften auch bei uns ein, erneuerten ihren Proviant
und lieferten sich heftige Trinkgelage in der Südkantine. Einige
verloren dabei auch ihr Leben in der rauhen Nordsee.
Ich belieferte die Hotels und Gaststätten und lieferte die
Bestellungen aus. Das Fleisch kam gefroren aus Argentinien oder
Polen. Frischfleisch erhielten wir aus dem nahen Dänemark und
alles wurde per Schiff angeliefert. Geschlachtet wurde nicht, bzw.
nur einmal im Jahr.
Helgoland ist ein guter Aufenthaltsort für Allergiker. Zum einen
gibt es nicht den Staub und die Abgase wie in einer Großstadt.
In Deutschland mit seiner dichten Besiedlung und umfangreichen
Industrie gibt es ja kaum mehr ein unbelastetes Gebiet, außer
Helgoland. In Helgoland wird einem auch bewusst wie klein man ist,
zumal wenn im Frühjahr und Herbst die Stürme toben. Diese
Welt kann nicht zufällig entstanden sein, dahinter steht eine
exakte Ordnung, darüber später mehr.
In Helgoland schnitt ich auch zum ersten Mal einem toten Haifisch den
Kopf ab, den ein Fischer mit im Netz hatte und den er sich
präparieren lassen wollte. Die Haut von einem Haifisch ist wie
Schmirgelpapier und die Zähne sind scharf wie Rasiermesser. So
hatte ich interessante Begegnungen und die Tage vergingen wie im
Fluge.
Für mich als Bayer war die Insel am Anfang
gewöhnungsbedürftig: kein Baum, kein Berg, doch irgendwie
hat die Insel etwas, dass man sie ins Herz schließt.
Helgoland besteht aus Oberland und Unterland, hat eine interessante
Tierwelt und ist mit seiner einmaligen Hochseelage ein beliebtes
Touristenziel. Ich arbeitete 1969 und 1970 in Helgoland. Die
Lieferungen wurden mit einem Elektro-Muli ausgeliefert, da es in
Helgoland keine Autos gibt, außer Feuerwehr usw.
Wer sich erholen und seine Seele baumeln lassen will, der ist dort
richtig. Ich konnte zum Beispiel stundenlang den Möwen
zuschauen, die wie die kleinen Kinder ihre lustigen Spielchen
trieben.
Im Oberland weideten immer mehrere Schafe, deren Aufgabe es war, das
Gras kurz zu halten, damit es keinen Pollenflug gibt. Leider wurden
sie im Herbst nach der Saison für ihre treuen Dienste mit dem
Tod bestraft. In Helgoland gibt es kein Schlachthaus, und so mussten
wir in unserer Wurstküche diese armen Geschöpfe schlachten.
Ein Helgoländer Bau-unternehmer brachte die Tiere auf seinem
Bau-Lkw gefesselt zu unserer Wurstküche.
Wenn ich jetzt schreibe, die armen Geschöpfe, so muß ich
dazu sagen, dass ich erst später eine innere Wandlung
durchmachte, die mir das Töten mit anderen Augen sehen
lässt. Damals war mir das egal. Wir hatten keinen
Bolzenschussapparat und sonst keine Möglichkeiten zur
Betäubung, und so habe ich alle Schafe geschächtet. Heute
würde ich so etwas nicht mehr machen.
Als ich mich jetzt mit dem Gedanken befasste, dieses Buch zu
schreiben, dachte ich auch wieder an Helgoland und wie es den Tieren
dort wohl im Jahr 2002 ergehen würde, zumal heute auch Rinder im
Oberland weiden. Ich habe deshalb eine schriftliche Anfrage an die
Gemeinde Helgoland gerichtet mit der Bitte um Auskunft.
Alle Tierfreunde können beruhigt in Helgoland Urlaub machen, in
32 Jahren hat sich doch einiges geändert. Auf das Schächten
brauche ich jetzt hier nicht näher eingehen, da kommt noch ein
ganzes Kapitel darüber. Und zur Ehrenrettung der Gemeinde
Helgoland muß ich sagen, dass die sicherlich nichts davon
wussten. Die Antwort der Gemeinde können Sie auf der
nächsten Seite lesen.
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Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008
