Kopf SVV-Mitgliedschaft Breite einstellen

Die SVV heisst seit 2014: Swissveg

Unsere neue Homepage finden Sie hier: www.swissveg.ch


Seite veraltet!
Diese Seite wird nicht mehr aktualisiert! Unsere aktuellen Infos finden Sie auf unserer neuen Homepage: Swissveg.


KAPITEL 3: Kopfschlächter in Hamburg

Die Arbeiten in der Wurstküche hatte ich nun hinter mir gelassen, und ich war mit 18 Jahren der jüngste Kopfschlächter auf dem Hamburger Schlachthof.
Von Montag bis Freitag bestand nun mein Tagwerk aus Töten. Montag - Schafe, Dienstag - Schweine, Mittwoch - Kälber, Donnerstag - Rinder, Freitag - Rinder. Freitag schlachteten wir meistens im Seegrenz-Schlachthof ausländische Rinder aus England, Island usw. Diese kamen lebend mit dem Schiff nach Hamburg.
Der Hamburger Schlachthof ist riesig, und die Rinder wurden herdenweise getrieben, also nicht einzeln am Strick. In der alten Rinderschlachthalle wurde noch am Boden geschlachtet, was für die Tiere auch immer Stress war, da sie beim Hereinführen zwischen ihren toten Artgenossen standen. Doch für Emotionen ist in diesem Geschäft kein Platz. Pausenlos werden die Tiere getötet, in der Halle dampfte es, Tiere brüllten, also nichts für zarte Gemüter.
Im Seegrenz gab es schon ein Schlachtband, wo jeder Schlächter nur noch bestimmte Handgriffe verrichtete. Stündlich wurden 50 Rinder getötet und liefen in das Band, da blieb also keine Zeit zum Nachdenken. Ich habe meistens abgestochen. Das betäubte Rind hing mit dem Fuß an einem Laufband und ich musste per Bruststich die Schlagader öffnen. 50 Mal in der Stunde, 400 Mal am Tag. Nach einer Stunde war mein rechter Arm von einer dicken festen Blutkruste über-zogen, aber weggehen vom Arbeitsplatz war unmöglich. Wir waren ein eingespieltes Team, wo sich einer auf den anderen verlassen konnte.
Die Tiere standen lose vor dem Schlachthaus in einem großen Gatter. Ein Schlachter nahm immer einen Strick - holte ein Rind. Nach der Betäubung wurde der Strick wieder abgemacht und das nächste geholt. Solange bis auch das letzte tot war. Danach erst konnte ich mir unter der heißen Dusche die dicke Blutkruste abwaschen, und dann ging es auf die Reeperbahn. Hafen - Schlachthof - St. Pauli, ist ja alles zusammen.
Beim Schweineschlachten war es ähnlich, nur das Geschrei der Schweine war lauter. Schweine schlachteten wir 150 in der Stunde, eine enorme Schinderei. Selbst zum Austreten konnte man nicht weg, sondern urinierte am Schlachtband.
Heute werden bis zu 300 Schweine in der Stunde geschlachtet. Die Menschen müssen irgendwann mal den Verstand verloren haben. Schuld ist hier aber der Verbraucher, wenn er sich mit Billigfleisch vollstopft und seine Ernährung nur billig sein muß. Massentierhaltung mit allen ihren Qualen - Massenschlachtungen bräuchte es nicht geben, wenn sich die Menschen etwas mit Vernunft ernähren würden. Die Tiere können auf Grund ihrer Haltung nicht gesund sein. Gewissenlose Mäster verabreichen ihnen Medikamente, die wir mit dem Fleisch zu uns nehmen. Ich habe viele Schweine tot umfallen sehen, der Stress war zu viel für sie. Die Betäubung ist auch mehr ein Alibi bei dem Tempo. Viele Schweine haben Brühwasser in der Lunge, ein Zeichen, dass sie beim Einwurf in den Brühkessel noch gelebt haben. Ein verantwortungsvoller Umgang mit den Tieren ist bei diesem Tempo nicht mehr möglich.
Die Industrialisierung und der steigende Konsum haben der Menschheit keine Vorteile gebracht. Die Unternehmer maximieren zwar ihren Profit, die Arbeitnehmer werden jedoch ausgenützt und verschlissen und sind mit 40 am Ende ihrer Kräfte. Das Tier, das auch Empfindungen wie Schmerz, Trauer usw. empfindet und vom Menschen als Mitgeschöpf betrachtet werden sollte, wird hier rücksichtslos geschunden und zum blanken Fleischlieferanten degradiert. So dürfte sich unser Schöpfer seine Welt nicht vorgestellt haben. Besserung ist aber nicht in Sicht. Im Gegenteil, die Welt gerät immer mehr aus den Fugen, und Tierquälerei ist im Alltag schon Normalität.
Die Schafe wurden mit dem Bolzenschussapparat oder auch mit Strom betäubt, dabei gab es kaum Probleme. Die Kälber in Hamburg waren schon sehr schwer mit kleinen Hörnern - das war auch eine schwere Arbeit. Nach dem Schlachten wurden die Schlachtkörper gleich warm und unzerteilt auf große Kühl-Lkws verladen, was auch eine Knochenarbeit war. Ich habe als 18jähriger diesen schweren Belastungen stand gehalten, obwohl ja mein Körper noch nicht ausgewachsen war.
Im Hamburger Schlachthof wurde auch ab und zu geschächtet, aber selten. Moslems gab es damals noch keine, und die Juden schächteten in anderen Städten. Darüber mehr im Kapitel "Schächten".
Mir persönlich war am liebsten der Rinder-Schlachttag. Allerdings war es mit der Gemütlichkeit, wie in der Lehrzeit, vorbei. Die Kühe, die 1959 geschlachtet wurden, hatten noch engen Kontakt zu den Bauern, zogen teilweise noch Fuhrwerke und wurden mit der Hand gemolken. Man konnte mit ihnen reden und sie befolgten Kommandos wie ein Hund. Die Rinder, die im Hamburger Schlachthof geschlachtet wurden, standen überwiegend auf der Weide, ohne täglichen Kontakt zu den Menschen. Das merkte man auch an ihrem Verhalten. Ein sprachlicher Kontakt war nicht möglich. Zudem wurden die Tiere wie in Amerika herdenweise vom Viehmarkt zum Schlachthaus getrieben.
Die Viehtreiber waren derbe Zeitgenossen, die einem Tier schon mal ein Auge ausschlugen. Die Metzger selber waren in der Regel human zu den Tieren, soweit das in diesem Beruf möglich ist.
Der Verdienst war gut und für's Schlachten und Zerlegen im Akkord konnte man gutes Geld verdienen. Ich zerlegte außer der Reihe oft im Freihafen Rinderviertel, die dort zerlegt und dann in andere Länder exportiert wurden. Bezahlt wurde per Stück, und so arbeiteten wir um die Wette - jeder wollte der Beste sein.
Es war eine schöne Zeit und die Tage vergingen wie im Flug, zumal ja Hamburg auch in der Freizeit einiges zu bieten hatte. Ich ging Freitag auf St. Pauli, und erst wieder Sonntagabend nach Hause. In der Zwischenzeit wurde gefeiert. War auf alle Fälle besser, als wenn manche Leute ihr Leben vor dem Fernseher verbringen und diesen Blödsinn für das richtige Leben halten. In einem Quiz über Fernsehsendungen der 60er Jahre hätte ich null Punkte, da ich keine Sendung gesehen habe. Meine Heimat war der Star-Club und die Reeperbahn. Die Mädchen konnte man damals noch ohne Angst vor Aids lieben, und auch diese ängstlichen und verstörten Menschen von heute gab es damals nicht. Wir gingen vom Schlachthaus mit unseren blutigen Kitteln in den "Rosenkeller" und soffen mit den Damen. Schwachheiten gab es trotzdem nicht - wer saufen kann, muß auch arbeiten können. Im Hamburger Schlachthof waren zwei Frauen mit einem Handkarren unterwegs um Bier an die Schlachter zu verkaufen. Da wurde einiges verzehrt, aber auch genau so hart gearbeitet.
Den ganzen Dreck von heute - Korruption, Abzocken usw. - gab es damals noch nicht so. Die Bundesrepublik hat sich da seit den 60er Jahren enorm in die falsche Richtung entwickelt. Der Umbruch kam 1968. Bei einem Heimaturlaub habe ich die ersten US-Soldaten mit langen Haaren und Peace-Zeichen auf den Uniformen gesehen. Die optimistische Beatmusik wurde abgelöst von Psychadelic und Drogenmusik mit Jimmi Hendrix und ähnlichen Junkies. In Hamburg waren die ersten Studentenunruhen und alles schien sich plötzlich zu verändern. Gott sei Dank hatte mich die eiserne Disziplin in meiner Schlächterkolonne immun gemacht gegen diese neuen Verführungen. Meine Ansicht war schon immer "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott." und "Die schönste Droge ist ein klarer Verstand."
Hamburg hatte sich verändert und ich fuhr dann auch mal kurz zur See und heuerte als Kochsmaat auf einem Dampfer an. Doch der Herr der sieben Meere wurde ich nicht, da ich als Kochsmaat in aller Frühe auch frische Brötchen hätte backen sollen, und das ist für mich nichts. Also heuerte ich wieder ab und fing bei einer Hamburger Schlachterei mit Schiffsausrüstung an. Der Reiz dabei war, dass ich in der Helgoländer Niederlassung der Firma arbeiten sollte. 1969 und 1970 arbeitete ich auf Helgoland, und das war eine sehr schöne Zeit. Diese wunderschöne Hochseeinsel war genau das was mir gefiel. Viel Natur, eine interessante Arbeit und viele hübsche Mädchen.
Helgoland ist bei Sturm in der Nordsee ein Schutzhafen für die Fischer. Diese kauften auch bei uns ein, erneuerten ihren Proviant und lieferten sich heftige Trinkgelage in der Südkantine. Einige verloren dabei auch ihr Leben in der rauhen Nordsee.
Ich belieferte die Hotels und Gaststätten und lieferte die Bestellungen aus. Das Fleisch kam gefroren aus Argentinien oder Polen. Frischfleisch erhielten wir aus dem nahen Dänemark und alles wurde per Schiff angeliefert. Geschlachtet wurde nicht, bzw. nur einmal im Jahr.
Helgoland ist ein guter Aufenthaltsort für Allergiker. Zum einen gibt es nicht den Staub und die Abgase wie in einer Großstadt. In Deutschland mit seiner dichten Besiedlung und umfangreichen Industrie gibt es ja kaum mehr ein unbelastetes Gebiet, außer Helgoland. In Helgoland wird einem auch bewusst wie klein man ist, zumal wenn im Frühjahr und Herbst die Stürme toben. Diese Welt kann nicht zufällig entstanden sein, dahinter steht eine exakte Ordnung, darüber später mehr.
In Helgoland schnitt ich auch zum ersten Mal einem toten Haifisch den Kopf ab, den ein Fischer mit im Netz hatte und den er sich präparieren lassen wollte. Die Haut von einem Haifisch ist wie Schmirgelpapier und die Zähne sind scharf wie Rasiermesser. So hatte ich interessante Begegnungen und die Tage vergingen wie im Fluge.
Für mich als Bayer war die Insel am Anfang gewöhnungsbedürftig: kein Baum, kein Berg, doch irgendwie hat die Insel etwas, dass man sie ins Herz schließt.
Helgoland besteht aus Oberland und Unterland, hat eine interessante Tierwelt und ist mit seiner einmaligen Hochseelage ein beliebtes Touristenziel. Ich arbeitete 1969 und 1970 in Helgoland. Die Lieferungen wurden mit einem Elektro-Muli ausgeliefert, da es in Helgoland keine Autos gibt, außer Feuerwehr usw.
Wer sich erholen und seine Seele baumeln lassen will, der ist dort richtig. Ich konnte zum Beispiel stundenlang den Möwen zuschauen, die wie die kleinen Kinder ihre lustigen Spielchen trieben.
Im Oberland weideten immer mehrere Schafe, deren Aufgabe es war, das Gras kurz zu halten, damit es keinen Pollenflug gibt. Leider wurden sie im Herbst nach der Saison für ihre treuen Dienste mit dem Tod bestraft. In Helgoland gibt es kein Schlachthaus, und so mussten wir in unserer Wurstküche diese armen Geschöpfe schlachten. Ein Helgoländer Bau-unternehmer brachte die Tiere auf seinem Bau-Lkw gefesselt zu unserer Wurstküche.
Wenn ich jetzt schreibe, die armen Geschöpfe, so muß ich dazu sagen, dass ich erst später eine innere Wandlung durchmachte, die mir das Töten mit anderen Augen sehen lässt. Damals war mir das egal. Wir hatten keinen Bolzenschussapparat und sonst keine Möglichkeiten zur Betäubung, und so habe ich alle Schafe geschächtet. Heute würde ich so etwas nicht mehr machen.
Als ich mich jetzt mit dem Gedanken befasste, dieses Buch zu schreiben, dachte ich auch wieder an Helgoland und wie es den Tieren dort wohl im Jahr 2002 ergehen würde, zumal heute auch Rinder im Oberland weiden. Ich habe deshalb eine schriftliche Anfrage an die Gemeinde Helgoland gerichtet mit der Bitte um Auskunft.
Alle Tierfreunde können beruhigt in Helgoland Urlaub machen, in 32 Jahren hat sich doch einiges geändert. Auf das Schächten brauche ich jetzt hier nicht näher eingehen, da kommt noch ein ganzes Kapitel darüber. Und zur Ehrenrettung der Gemeinde Helgoland muß ich sagen, dass die sicherlich nichts davon wussten. Die Antwort der Gemeinde können Sie auf der nächsten Seite lesen.

Gemeinde Helgoland Brief

zurück zum Kapitel 2 - weiter zum Kapitel 4