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KAPITEL 1: Meine Lehrzeit

Am 1. September 1959 begann ich noch als 13jähriges Kind meine Lehrzeit in Forchheim/Oberfranken bei der Metzgerei Mauser. Mein Wochenlohn betrug im ersten Lehrjahr 5.- DM und freie Kost und Logis. Die wöchentliche Arbeitszeit betrug von Montag bis Samstag ca. 70 Stunden.
Als Lehrling wurde man damals besonders ausgenützt, da man nach der allgemeinen Arbeitszeit noch Holz und Sägespäne holen musste und am Abend den Laden ausräumen, Hackstock kratzen und ähnliches verrichten musste.
Am Samstag Nachmittag musste ich oft noch mit dem Meister aufs Land fahren um die Schlachttiere bei den Bauern zu holen. Diese standen dann ohne Versorgung im Stall des Schlachthofes bis zum Montagmorgen, wo sie dann geschlachtet wurden. Montagmorgen konnte man schon von weitem das Brüllen der hungrigen Tiere hören. Der Anlaß für dieses Nichtversorgen war der erwünschte Gewichtsverlust bis zum Schlachttag, da die Tiere erst kurz vor dem Schlachten gewogen wurden und die Bauern dann erst ihr Geld erhielten.
Das Schlachten war damals noch ein richtiges Handwerk - im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schweine wurden mit Strom betäubt, wobei auch einige wieder aufstanden und dann einfach mit einem Genickstick getötet wurden. Manche kamen auch im Brühkessel wieder zu sich und schwammen in dem 70 Grad heißen Wasser und wurden dann mit langen Stangen untergetaucht bis sie tot waren. Das waren aber Ausnahmen, in der Regel ereilte alle Tiere ein schneller Tod.
Ich habe in meinem langen Berufsleben auch kaum vorsätzliche Tierquälerei gesehen, was später dann öfter passierte durch die zunehmende Technisierung und den Zeitdruck, wo immer mehr Tiere in kürzerer Zeit geschlachtet werden sollten. Doch davon später mehr.
1959 war dies noch ein gemütliches Arbeiten. Kälber und Schafe wurden meist mit einem Hammerschlag auf den Kopf betäubt. Nie werde ich diese vertrauensseligen kleinen Kälber vergessen, wie sie mit ins Schlachthaus gingen um dort ihr kurzes Leben zu beenden. Wenn man einem Kalb die Finger ins Maul steckt, dann saugt es daran und läuft willig mit. Der Kopfschlag ist bei einem geübten Metzger ein schneller Tod, da das Tier augenblicklich das Bewusstsein verliert. Natürlich gab es auch hier Stümper, die ihr Handwerk nicht beherrschten.
Rinder wurden in der Regel mit dem Bolzenschussapparat getötet. Eine absolut tödliche Waffe, die in Bruchteilen von Sekunden das Bewusstsein ausschaltet und das Tier wie vom Blitz getroffen zusammenstürzt. Wenn es den Boden berührt ist es schon im Land der Träume. Aus Tierschutzgründen wurden Rindern damals vielfach die Augen verbunden, bevor sie in das Schlachthaus geführt wurden. Bullen haben eine dicke Stirnplatte und darüber noch eine besonders dicke Haut.
Ich erinnere mich an einen Bullen, der zweimal geschossen wurde, aber unerschütterlich stand. Der Viehhändler nahm dann einen großen Hammer und schlug ihn auf die Stirn, was ihm auch nichts ausmachte, worauf der Metzgermeister Sauer, dem der Bulle gehörte, dann auch noch mal draufschlug. Der Bulle brach dann zusammen. Er blutete aus Maul und Nase, rappelte sich aber wieder auf und stand dort und zitterte am ganzen Körper. Mein Lehrmeister nahm dann den Hammer, und mit einem wohlgezielten Schlag beendete er dieses unmenschliche Schauspiel.
Das waren aber Ausnahmen. In der Regel ereilt der Tod die Tiere beim Schlachten mit dem Bolzenschussapparat wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Nicht umsonst haben sich schon viele Metzger das Leben genommen - mit dem Bolzenschußapparat.
Blut ist ein wertvoller Rohstoff, und als Lehrling musste man immer zuerst Blut rühren mit einem Stock, da es sonst stockte. Hier zeigten sich dann 1960 die ersten Vorboten des zunehmenden Chemieeinsatzes in der Lebensmittelindustrie, denn 1960 kam ein weißes Pulver mit dem Namen Fibrisol auf den Markt. Dieses Pulver ersparte das Blutrühren, denn diese Arbeit übernahm nun die Chemie.
Das selbe zeichnete sich in der Wurstherstellung ab. Als letztes schlachteten wir montags immer einen kräftigen Bullen. Davon wurden dann zwei Vorderviertel mit in die Wurstküche genommen, gleich zerlegt und warm ausgekuttert, nur mit Salz und Eis. Das war ein gutes bindefähiges Grundmaterial bei der Brühwurstherstellung. Diese Arbeit übernahm dann auch ab ca. 1960 die Chemie, wobei auch hier neue chemische Mittel die Möglichkeiten boten auch mit kaltem und minderwertigem Fleisch eine gute Bindung zu erreichen. Bis 1960 war auch die Rohwurstherstellung eine Kunst, wobei blitzsauber gearbeitet werden musste. Für Rohwurst wurden gerne ältere Tiere mit trockenem Fleisch verwendet, das gefroren wurde und dann mühselig in Naturdärme gefüllt wurde. Die gefüllte Wurst reifte dann wochenlang, kam danach in den Kaltrauch, und so vergingen zwischen Produktion und verkaufsfertiger Ware gut 2 Monate. Dann kam ein neues Gewürz auf den Markt, das auch die Verwendung von anderem Fleisch erlaubte, und die Wurstmasse wurde infolge chemischer Einwirkung binnen einer Stunde hart. Was diese Produkte im menschlichen Körper anrichten, mag jeder für sich selber überlegen. 1960 war in jeder Hinsicht ein Umbruch in der Produktion und auch in den Schlachthöfen gab es die ersten Fließbänder, doch davon mehr in anderen Kapiteln.
Bei meinem Lehrmeister habe ich viel gelernt, auch beim Vieheinkauf zeigte er mir Krankheitszeichen am Tier, die heutige Metzger nicht mehr lernen.
Ostern wurden in der Wurstküche immer kleine Lämmer und Ziegen geschlachtet. Dabei machte ich auch meine ersten Erfahrungen mit dem Schächten, wovon später noch ein Kapitel handelt.
Die kleinen Tierkinder wurden einfach zwischen die Beine gezwickt und mit einer Hand wurde der Mund zugehalten und mit dem Messer in der andern Hand wurde die Kehle durchgeschnitten - ohne Betäubung. So musste ich schon als 14jähriger schächten. Das Gurgeln und Röcheln der kleinen Tiere werde ich nie vergessen.
Ich habe erst viel später eine Wandlung durchgemacht, damals machte mir das nichts aus. Im Gegenteil - Schlachten war mir eigentlich immer das Liebste, was mich auch später zu den Kopfschlächtern führte. Die Wurstherstellung hat mir nicht so gefallen und auch im Verkauf das Genörgel der Kunden war nicht mein Ding. Die Männer, die schlachteten waren einfach unkomplizierter und hatten mehr Elan.
Es gab auch lustige Momente - wenn wir uns beim Schweineschlachten gegenseitig mit abgeschnittenen Geschlechtsteilen von weiblichen Schweinen bewarfen - oder bevor eine Kuh ins Schlachthaus kam, haben wir uns mit ihren vollen Eutern noch mal mit Milch vollgespritzt.
Was mir damals schon nicht gefiel, war wenn die Leute mit ihren Hunden und Katzen in den Schlachthof kamen, um diese billig töten zu lassen. Hier beobachtete ich dann die Angst, die man auch bei den Schlachttieren beobachten kann. Doch davon mehr in einem anderen Kapitel.
Meine Lehrzeit war hart, aber im Nachhinein muß ich sagen, es hat mich geformt und ich möchte mit den heutigen Jugendlichen nicht tauschen. Auch wenn man sich das wirtschaftliche und politische Umfeld jener Zeit betrachtet, war es ein ruhiges und gemütliches Leben. Die Jugendvorstellung kostete im Kino 50 Pfennig, und die Abenteuer von Zorro, Fuzzy oder Tarzan waren unsere einzigen Aufregungen. Diese Unruhe und Angst, die heute die Menschen erfasst hat, die gab es damals nicht. Man war zufrieden, die Weltpolitik erwachte erst 1961 wieder mit dem Bau der Berliner Mauer. Es gab kein Drogenproblem, keine reisenden Verbrecherbanden, keine Arbeitslosen, keine Firmenkonkurse, keine geprügelten Alten, auch die ersten Gastarbeiter kamen damals erst. Aber die Zeit war im Umbruch und Deutschland und auch das Berufs- und Alltagsleben sollte sich nun in immer rasanterem Tempo verändern.
Ich hatte nun meine Lehrzeit beendet, machte meine Gesellenprüfung und wollte nun mit dem Gesellenbrief in der Tasche etwas Neues erleben. Ich kündigte und ging in eine größere Firma an einen anderen Ort. Damals konnte man um 8 Uhr bei einer Firma aufhören und um 9 Uhr bei der nächsten schon wieder anfangen. Ich hatte eine gute Ausbildung bei meinem Lehrmeister und nun ging es darum sich im Alltag zu behaupten, neue Menschen kennen zu lernen und in einer fremden Umgebung seinen Mann zu stehen.
1963 war ich in einem kleinen Betrieb in Bubenreuth, wo ich alleine die ganze Arbeit machte. Nur am Schlachttag half mir ein Landwirt. Ich hätte nun versauern können und wie man so sagt eine ruhige Kugel schieben können. Doch das Schicksal hat mich immer wieder ins pralle Leben gestoßen und für meinen weiteren Weg die Weichen gestellt.
Ich wollte damals mit Freunden zum Zelten fahren, doch mein Chef wollte mir keinen Urlaub geben. In allen Metzgereien in denen ich arbeitete, waren die Meister durchwegs Gemütsmenschen, oft Ringer oder andere Sportler, aber durchwegs umgänglich. Die Frauen waren oft bissig und kleinlich. So auch hier und so dachte ich mir "Junge - dir steht die Welt offen!" und kündigte kurz entschlossen.

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