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Unabhängiges Gesundheitswesen?

Immer häufiger gerät das Gesundheitswesen in die Schlagzeilen, meist jedoch «nur» wegen der Finanzierungsfrage. Leider sind jedoch die ständig steigenden Kosten des Gesundheitssystems nur ein Symptom, das nicht beseitigt werden kann, wenn man die Ursachen davon weiterhin ignoriert. Zwei Aspekte sind hierbei besonders hervorzuheben. Erster Aspekt: Das Gesundheitswesen konzentriert sich in der Regel auf das Bekämpfen der Symptome (Krankheiten) und vernachlässigt die Vorbeugung bzw. Ursachen fast vollständig. Der zweite Aspekt hängt direkt damit zusammen: Das Gesundheitswesen ist eng mit der «freien» Marktwirtschaft verknüpft und kann deshalb nicht als unabhängig bezeichnet werden.

«Ich kriege immer den richtigen Wissenschaftler mit den 'richtigen' Ergebnissen, wenn ich dafür bezahle»
Aus dem Buch: Käufliche Wissenschaft

Worin äussert sich die Verflechtung der Gesundheitsorganisationen mit Wirtschaftsinteressen? Sehr deutlich sieht man dies in der Werbung für eine gesündere Ernährungsweise: Obwohl die Nachteile von zuviel (tierischem) Fett und Eiweiss in der menschlichen Ernährung längst bekannt sind, werden die Nahrungsmittel mit dem höchsten Fett und Eiweissanteil kaum je in einem Werbespot oder einem Prospekt einer Gesundheitsorganisation angeprangert. Die Schweizerische Krebsliga z.B. wirbt seit einiger Zeit in ihren Prospekten für einen höheren Früchte- und Gemüsekonsum. Was natürlich sehr zu begrüssen ist. Der Verzehr von Fleisch und anderen tierischen Produkten wird jedoch dadurch nur indirekt kritisiert und für die entsprechenden Krankheiten verantwortlich gemacht.
Daran sieht man sehr gut, wie heute eine Organisation agieren muss, um den Wirtschaftsinteressen zu entsprechen: Es ist durchaus erlaubt, für den (Mehr-)Konsum eines Produktes zu werben, man darf jedoch nie von einem bestimmten Produkt abraten, weil dies gewöhnlich zu heftigen Protesten oder gar Klagen der Produzenten führt. Generell kann gesagt werden: Je konkreter man in der Bezeichnung von zu meidenden Nahrungsmitteln wird, desto stärkere Reaktionen aus der Wirtschaft hat man zu erwarten. Z.B. ist es schlimm, vor Fleisch generell zu warnen, etwas schlimmer ist es vor Wurst zu warnen und noch schlimmer wäre eine Warnung vor Landjägern (die übrigens zur Hälfte aus Fett bestehen!). Ist diese Befürchtung übertrieben? Gibt es wirklich kaum noch unabhängige Informationen im Gesundheitsbereich? Urteilen Sie selbst:

Beispiel 1:
Eine grosse amerikanische Gesundheitsorganisation wollte eine Werbekampagne mit folgendem Text publizieren: "Letzes Jahr hinterliessen zwei Millionen Amerikaner den gleichen Selbstmord-Abschiedsbrief." Daneben war ein Einkaufszettel mit folgendem Inhalt abgebildet: Butter, Eier, Mayonnaise, Kartoffelchips, Schinken und Frühstücksspeck.
Ein grosser Kartoffelchips-Hersteller reagierte prompt, und die Anzeige wurde sofort wieder zurückgezogen. Glücklicherweise kaufte anschliessend die Ärzteorganisation "Physicians Committee for Responsible Medicine" (PCRM) die Rechte dieser Anzeige und verbreitete sie trotz der Drohung der Kartoffelchips-Hersteller.
[Iss dich fit, Seite 210]

Man kann die Erkenntnisse der Medizin auf eine knappe Formel bringen: Wasser, mässig genossen, ist unschädlich.
Mark Twain

Beispiel 2:
Am 5. November 1993 befürworteten die beiden Gesundheitsorganisationen «American Medical Association» (AMA) und «American Dietetic Association» (ADA) einhellig die Verwendung des Rinderwachstumshormons BST. Welche Gründe hatten diese zwei angesehenen und einflussreichen Organisationen dazu bewogen, ein gentechnisch hergestelltes Präparat zu befürworten, welches keinen gesundheitlichen Nutzen hat und noch unbekannte Gefahren mit sich bringen könnte, bloss damit Kühe mit gleich viel Futtermitteln mehr Milch produzieren? Eine mögliche Erklärung:
Die Firma Monsanto, einer der grössten Produzenten von BST, sponserte mit 30’000 Dollar eine Fernsehsendung der AMA, in der die Verbraucher über BST «unterrichtet» wurden. Und gar 80’000 Dollar investierte die Monsanto in ein Verbrauchertelefon der ADA, damit darüber (unter anderem) positive Informationen über BST weitergegeben werden. [Iss dich fit, Seite 97]
In Europa ist BST übrigens ebenso wie in Kanada immer noch verboten. In die Schweiz darf jedoch hormonbehandeltes Fleisch importiert werden. Die Schweizer Zulassungsbehörde stützt sich dabei auf die amerikanischen Unbedenklichkeitserklärungen.

Beispiel 3:
Der Verein gegen Tierfabriken, Schweiz (VgT) wollte anfangs 1999 folgende Werbung auf einem Bus der Verkehrsbetriebe Luzern anbringen lassen: «Im Kanton Luzern leben mehr Schweine als Menschen – warum sehen wir sie nie?»
Da gerade in diesem Kanton sehr viele Schweine gehalten werden, ist dies ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Es erstaunt deshalb nicht, dass diese Werbung abgelehnt wurde. Werbung für höheren Fleischkonsum findet man hingegen in allen Variationen und wird nie zensuriert.
[Neue Luzerner Zeitung, 23.2.99]

Was bringt den Doktor um sein Brot?
a: die Gesundheit, b: der Tod.
Darum hält der Arzt, auf dass er lebe, uns zwischen beiden in der Schwebe.
Eugen Roth

Beispiel 4:
Im Dezember 1997 sollten in einigen Zügen der SBB einen Monat lang Plakate für einen geringeren Fleischkonsum werben. Text: «Essen sie heute vegetarisch – Ihrer Gesundheit und den Tieren zuliebe.» Diese Werbeaktion wurde mitten drin abgebrochen, da es Einsprachen von der Fleischlobby gab.
Interessanterweise gab es jedoch schon öfters Fleischwerbung in den Zügen.

Beispiel 5:
Ähnlich erging es dem geplanten Werbespot des VgT. Er sollte im Schweizer Fernsehen DRS ausgestrahlt werden. Der Sender lehnte diese bezahlte (!) Werbung jedoch ebenso ab.

Beispiel 6:
1993 wurde der Wissenschaftler Hans U. Hertel wegen der Veröffentlichung seiner Studienergebnisse über Mikrowellengeräte verurteilt. Die Schlussfolgerung der Studie war: «Im Mikrowellenofen gekochte oder aufgetaute Nahrung zeigt im Blut Veränderungen, die auf den Beginn eines pathogenen Prozesses hinweisen, wie sie auch bei der Auslösung eines Krebsgeschwüres vorliegen.» Der Fachverband Elektroapparate für Haushalt und Gewerbe Schweiz (FEA) verklagte ihn deshalb und bekam über alle Instanzen bis hinauf zum Bundesgericht Recht: Dr. Hertel wurde verboten, seine Resultate öffentlich nochmals zu erwähnen. Er bekam also einen «Maulkorb» verpasst. Zudem musste er alle Prozesskosten von total Fr. 65’000.– übernehmen. Ausnahmsweise gibt es bei dieser Geschichte doch noch einen positiven Fortgang: Der Gerichtshof für Menschenrechte entschied am 25. August 1998 für die Meinungsäusserungsfreiheit des Wissenschaftlers.

Informationen zur Mikrowelle:

Diese Liste der Beispiele liesse sich noch fortsetzen. Doch entscheidend ist: Was nützt es, dies alles zu wissen?

  1. Das durch die Werbung vermittelte Wissen ist meist darauf ausgelegt, bestimmten Produzenten einen grösseren Umsatz zu verschaffen. Dies gilt leider sehr oft auch für bestimmte Ernährungsempfehlungen, die in wissenschaftlicher Aufmachung z.B. in der Boulvardpresse verbreitet werden. Wie obige Beispiele zeigen, werden immer häufiger auch offizielle Behörden und scheinbar unabhängige Organisationen durch bestimmte Lobbies gelenkt.
  2. Auch die in den Medien verbreiteten «wissenschaftlichen Erkenntnisse» sind nur selten hundertprozentig objektiv. Es ist deshalb immer zu berücksichtigen, wer eine Studie in Auftrag gab, wer sie durchführte und welcher Journalist sie schliesslich publizierte.
  3. Gerade im Ernährungssektor wurden in letzter Zeit grosse Fortschritte gemacht. Ältere Schulmediziner, die sich nach ihrem Studium nicht in diese Richtung weitergebildet haben, vertreten leider auch heute noch völlig veraltete Lehrmeinungen. Es gibt sogar noch heute Ärzte, die tatsächlich behaupten, ohne Fleischkonsum könne man nicht überleben.
    Ernährungswissenschaftler und Gesundheitsberater sind in dieser Hinsicht meist kompetenter.
  4. Der Mythos von der rein objektiven Wissenschaft sollte längst der Vergangenheit angehören. Die Selbstverantwortung kann uns keine Studie abnehmen. Hätte jemand in den letzten Jahrzehnten sich ständig gemäss den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen ernährt, müsste er alle paar Jahre seine Ernährung völlig umstellen.
    Damit jedoch keine Missverständnisse entstehen: Natürlich gibt es sehr kompetente Ärzte, Ernährungs- und Gesundheitsberater, die auch über langjährige praktische Erfahrung auf ihrem Gebiet verfügen. Diese Kompetenz (im Bereich der vegetarischen und veganen Ernährung) kann jedoch nicht bloss wegen eines Doktortitels oder Diploms als gegeben angenommen werden. Insbesondere wenn man weiss, dass zur Ausbildung als dipl. Ernährungsberater keine vegetarisch lebenden Personen zugelassen werden! Näheres dazu im Vegi-Info 1997/2. Auch hier gilt es kritisch zu bleiben und am besten ein Vertrauensverhältnis zu einer Beraterperson, von deren Kompetenz man überzeugt ist, aufzubauen.
    Bei der SVV kann übrigens auch eine Liste von Ärzten bezogen werden, die gegenüber der vegetarischen/veganen Lebensweise offen sind. (Bestell-Nr.: B11)

Renato Pichler

Weitere Informationen zum Thema:

  • Werbemassnahmen der Pharmaindustrie, Vegi-Info 2009/2
  • Ernährungsberater-Ausbildung auch für Vegetarier?, Vegi-Info 1997/2
  • Werbung für vegetarische Ernährung wird zensuriert – Fleischwerbung erlaubt!, Vegi-Info 1998/1
  • S. Goldbeck-Wood: Medical community is outraged at tobacco funded chair, BMJ, Volume 313, 27.7.1996.
  • Gill Langley: Legal, decent, honest, and truthful,BMJ, Vol. 311, 25.11.1995, Seite 1442.
  • Till Bastian: Krankheit auf Rezept? Die populären Irrtümer der Medizin. Kindler, 1998, ISBN: 3-46340351-X
  • A. Bultmann und F. Schmithals: Käufliche Wissenschaft, Knaur Taschenbuch, 1994, ISBN 3-426-77115-2 (leider vergriffen)
  • Bernhard Merkel: Wenn Forscher zu Fälschern werden, PULStip September1998.
  • F. Di Trocchio: Newtons Koffer – Geniale Aussenseiter, die die Wissenschaft blamierten, Campus-Verlag, 1998, Fr. 46.–
  • F. Di Trocchio: Der grosse Schwindel, Campus-Verlag,ISBN: 3-59335116-1, 1995
  • Luc Bürgin: Irrtümer der Wissenschaft - Verkannte Genies, Erfinderpech und kapitale Fehlurteile. 'Und sie hatten doch recht', Gondrom-Verlag, 1998, ISBN 3-8112-1655-4, SFr. 16.-
  • M. Finetti, A. Himmelrath: Der Sündenfall. Betrug und Fälschung in der deutschen Wissenschaft, J. Raabe, 1999, ISBN: 3-88649351-2
  • Anthony Grafton: Fälscher und Kritiker. Der Betrug in der Wissenschaft, Fischer-Tb, ISBN: 3-59612772-6, DM 19.90
  • Jean-Francois Revel: Die Herrschaft der Lüge. Wie Medien und Politiker die Öffentlichkeit manipulieren, Zsolnay, 1991, ISBN: 3-55204214-8