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Jainismus
Die Philosophie der Gewaltlosigkeit

Ahimsa-Symbol Warum jetzt, kurz vor Weihnachten, dem christlichen Fest der Liebe, ein Artikel über den Jainismus (sprich Dschainismus), eine fast unbekannte indische Religion abdrucken? Gerade jetzt ist ein guter Zeitpunkt, denn das Verbindende zwischen Jainismus und Weihnachten ist die Liebe, die Achtung und Achtsamkeit.

Von: Traudel Pandya

Im Jainismus kommt dies durch AHIMSA (Gewaltlosigkeit) die oberste ethische Regel, zum Ausdruck. Richtiger ausgedrückt wäre noch, ohne Ahimsa gäbe es keinen Jainismus, wobei Ahimsa nicht nur die Abwesenheit von Gewalt, sondern auch Fürsorge und Liebe bedeutet und konsequent wie in keiner anderen Religion interpretiert und gelebt wird.

Ahimsa umfasst für Jains Gewaltlosigkeit in Gedanken, Worten und Taten und ist nicht nur auf eigene Aktivitäten beschränkt, sondern lässt auch keine aktive oder passive Ermutigung anderer zur Gewalt zu. Die ständige Aufmerksamkeit im Umgang mit jedem Lebewesen führt zum tieferen und umfassenderen Verständnis von Ahimsa. Ein ganz einfaches Beispiel ist der Fleischeinkauf, bei dem wir selbst nicht direkt aktiv werden, aber andere zur Gewalt ermutigen. Auch verbale Aggression oder Gedanken, z.B. in Form von schlechten Wünschen anderen Menschen gegenüber, ist Gewalt, die eine Wirkung und auch Rückwirkung auf uns selbst hat.

Als weiterführende Unterstützung von Ahimsa verstehe ich die ANEKANTAVADA, die Lehre von der Relativität, die zweite wichtige ethische Doktrin der Jains. Diese besagt, dass es notwendig ist, eine Sache von allen Seiten zu betrachten, um sie gänzlich zu erfassen. Eine einzige Betrachtungsweise oder Meinung ist nie komplett. So wird eine grosse Toleranz gefordert, da die Realität zu komplex ist, um für einen Einzelnen gänzlich erfassbar zu sein. Jeder kennt die endlosen Diskussionen, die oft im Streit enden, und bei denen jeder Teilnehmer versucht, seinen Standpunkt als den einzig Richtigen darzustellen und ihn den anderen aufdrängen möchte. So wie wir von einer Münze die auf dem Tisch liegt auch nur eine Seite sehen, aber die andere Seite trotzdem existiert, sollen wir uns daran erinnern, dass eine Realität von vielen Seiten gesehen werden kann. So können wir von Beharrlichkeit zurücktreten und eher verschiedene Meinungen zulassen und üben beim Durchsetzen der eigenen Meinung nicht verbal Himsa (Gewalt) aus.

Um die Bedeutung von Ahimsa tiefergehend verstehen zu können, muss man sich näher mit der Philosophie der Jains befassen. Der Jainismus kennt keinen externalen Gott. Das Göttliche ist in jedem Lebewesen: Mensch, Tier und Pflanze, aber nicht in der unbelebten Materie. Es ist eine dualistische Auffassung, d. h. er unterscheidet zwischen JIVA und AJIVA. Jiva ist die Seele, die empfindende Energie, deren Hauptcharakteristika Bewusstheit ist, was sowohl Wissen, als auch Intuition umfasst. Ajiva ist die Materie, die nicht-empfindende Energie und besteht aus den fünf grundlegenden Faktoren – Bewegung, Ruhe, Raum, grobe Materie und Zeit.

In jedem Lebewesen ist Jiva und Ajiva miteinander verbunden, denn ohne Seele wären wir tot, und ohne Materie der Körper nicht sichtbar. Die Verbindung zwischen Jiva und Ajiva wird durch Karma, dem Prinzip der Verursachung, verstärkt oder reduziert. Jeder Gedanke, jedes Wort, jede Tat erzeugt Karma, das im Jainismus als subtile Materie betrachtet wird. Schlechtes Karma, wie z.B. Gewalt, Gier, Hass verursacht stärkere Bindung als gutes Karma, z.B. das Streben nach Wissen und gute Handlungen. Je weniger wir durch Karma gebunden sind, desto mehr ist es uns möglich unser eigenes Potential zu entfalten und nicht in Aktions-, Reaktionsmechanismen verhaftet zu sein. In der Philosophie der Jains gilt es als höchstes Ziel, alle karmischen Bindungen aufzulösen, d.h. die Lösung der Seele von der Materie zu erreichen, so dass die Seele mit dem Tod ins Moksha, in den Zustand der Befreiung eingehen kann und nicht noch einmal den Zyklus des Lebens durchlaufen muss.

Durch das Streben nach Moksha versuchen alle Jains möglichst wenig Himsa auszuüben, was im täglichen Leben zu einer hohen ethischen Einstellung führt. Gelübde sind für Mönche, Nonnen und Laien unterschiedlich streng. Die Basisgelübde der Laien sind: Keine rohe Gewalt, nicht lügen, nicht stehlen, sexuelle Reinheit und Nichtgier.

Diese Einstellung hat Auswirkungen im Alltagsleben. Vegetarismus ist nur eine davon, andere sind z.B., dass Jains nicht betrügen oder die Berufswahl davon beeinflusst wird. Nicht ausgeübt werden Metzger, alle Berufe der Lederverarbeitung u.ä.. Berufe wie Händler, Ärzte, Lehrer usw. werden bevorzugt. Um nicht Insekten beim Atmen zu verschlucken und so Himsa auszuüben, tragen Mönche und Nonnen eines Ordens immer einen Mundschutz, alle anderen Jains beschränken dies auf die Ausübung ihrer Pujas (religiösen Rituale).

Am Ende dieses Artikels stellt sich natürlich die Frage, in wieweit sich diese Lebenseinstellung in Europa konsequent umsetzen lässt? Im allgemeinen kann man sie hier so verwirklichen, aber es gibt Regeln, z.B. nicht nach Sonnenuntergang zu essen, die heute sowohl hier, als auch in Indien, mit dem arbeits-dominierenden Tagesablauf schwer zu vereinbaren sind, für die deshalb Kompromisse gefunden werden müssen.

Fragen zum Jainismus:

Wieviel Jains gibt es in Indien und im deutschsprachigen Raum?
In Indien leben etwa 5 Millionen, im deutschsprachigen Raum ca. 100.
Wie ernähren sich Jains?
Es ist eine vegetarische Ernährung, die auf der indischen Küche basiert. Die indische Küche umfaßt das ayurvedische Wissen, um die Wirkung der Lebensmittel und Gewürze auf den Körper und die Psyche (verdauungsfördernd, psychisch aufhellend etc.). Für Mönche und Nonnen, aber auch für manche Laien, gilt das Gebot, keine Lebensmittel zu essen, die unter der Erde wachsen, da beim Ernten zu leicht Lebewesen verletzt oder getötet werden.
Sind Jains Hinduisten?
Nein. Der Jainismus ist älter als der Hinduismus, denn von den 24 Tirthankara (Religionserneuerer) der Jains werden die ersten drei bereits in den Veden, den heiligen Schriften der Hindus erwähnt, die etwa 4000 v.Chr. geschrieben wurden. Ein wesentlicher Unterschied der beiden Religionen ist, daß der Jainismus keinen externalen Gott kennt.
Gibt es Tempel der Jains?
In Indien gibt es viele sehr schöne Tempel der Jains und es werden auch heute noch neue Tempel gebaut. Auch in England, Amerika und Afrika werden von den größeren Gemeinden der Jains Tempel gebaut.
Wo bekommt man weitere Informationen über die Jains?
Jain Association International (Germany) e.V.
Schweriner Str. 5
24558 Henstedt-Ulzburg
Deutschland
Tel.: 04193 968360, Fax: 04193 968361

Infos auf dem Internet (englisch): http://www.jaina.org
Buch zur Jaina-Philosophie.

Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008

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