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Genschutzinitiative und Medizin

Am 7. Juni 1998 werden wir in der Schweiz über die Gen-Schutz-Initiative abstimmen. Die Gegner der Initiative aus dem Lager der pharmazeutischen und chemischen Industrie und deren finanziell abhängigen Forschung und Politik reagieren mit einer noch nie dagewesenen massiven Gegenkampagne, welcher die irrwitzige Summe von 35 Millionen Franken zur Verfügung steht.


Dr. med. Urs Guthauser

Hinter der Initiative stehen viele für Umweltprobleme kompetente Organisationen, Wissenschaftler und Politiker, welche eine sinnvolle, umweltverträgliche, soziale und ethisch verantwortbare Gentechnologie befürworten und wollen. Wir unterstützen im weiteren die Förderung einer medizinischen Forschung, welche den Menschen als sehr komplexes körperlich-geistig-seelisches Wesen begreift, eng eingebettet und verbunden mit seiner Mitwelt.
Die Forderung einer uneingeschränkten Forschung ist deshalb unhaltbar, weil die Geschichte und Gegenwart beweisen, dass alles, was gemacht werden kann, auch gemacht wird, leider oft zum Schaden anderer. Es ist naiv zu glauben, dass alle Wissenschaftler, Politiker und Ökonomen automatisch in ihrer ethischen Motivation unanfechtbar sind, vor allem wenn ökonomische Interessen, Prestige und Karriere dahinter stehen.
Deswegen müssen der gentechnologischen Forschung und ihren Anwendungsbereichen klare Grenzen gesetzt werden.
Die Initiative fordert im wesentlichen drei Verbote:

Die Initiative untersagt:
  • die Herstellung, Erwerb und Weitergabe genetisch veränderter Tiere.
  • die Freisetzung genetisch veränderter Organismen in die Umwelt.
  • die Erteilung von Patenten für genetisch veränderte Tiere und Pflanzen, ihre angewandten Verfahren und ihre Produkte.


Zusätzlich enthält die Initiative verschiedene Bestimmungen in der Anwendung der Gentechnologie. Der Einflussbereich der Initiative betrifft ausschliesslich den Ausserhumanbereich. Die Anwendung der Gentechnologie in der Medizin wird nicht berührt mit Ausnahme der Herstellung und Verwendung von transgenen Tieren, d.h. Tiere, welche im Erbgut manipuliert werden, um in der medizinischen Forschung (Tiermodelle), zur Herstellung von Medikamenten (Bioreaktoren) oder für die Herstellung von Xenotransplantaten (Ersatzteillager) verwendet zu werden.
Alle Anwendungen der Gentechnologie wie die Herstellung von Diagnostika, Medikamenten, somatische Gentherapie, Grundlagenforschung und medizinische Forschung an genmanipulierten Viren, Bakterien, Pflanzen sowie an tierischen und menschlichen Zellen sind weiterhin zugelassen.

Von der Initiative würden also mehr als 95% der medizinischen Forschung nicht berührt, weil nur weniger als 5% davon mit transgenen Tieren arbeiten. Die Unterstellung, dass die Annahme der Initiative katastrophale Konsequenzen für die Forschung hätte, dürfte schon deshalb widerlegt sein. Es gibt viele wissenschaftliche Einwände gegen die überrissenen völlig irrealistischen Heilsversprechen der Gentechnologen. Die 12 Jahre Forschung mit der Krebsmaus und die Anwendung der Gentherapie in über hundert klinischen Versuchen bei über 600 Patienten hat zu einer äusserst nüchternen Bilanz geführt: Kein einziger geheilter Patient und keine wiederholbaren Verbesserungen des Gesundheitszustandes konnten beobachtet werden.
Berücksichtigen wir die Erkenntnisse der modernen Physik (Quantentheorie, Chaostheorie) und der Entwicklungsbiologie, dann können wir das Ausbleiben von positiven Resultaten verstehen. Diese Wissenschaften beweisen schon längst, dass man biologische Phänomene wie «Leben» und «Krankheit» nicht mit simplen mechanistischen linearen Modellen erklären kann. Allzu leicht wird beim Blick auf die Gene übersehen, dass in unseren Zellen nicht nur das genetische Informationssystem existiert. Die Gene enthalten zwar die Information für die Bildung von Eiweissmolekülen. Doch eine Vielzahl von Umwelteinflüssen und die Fähigkeit der Selbstorganisation in Zeit und Raum von lebenden Systemen spielt eine Rolle dabei, ob, und wann und in welcher Menge Eiweisse gebildet werden, und wann ein Gen aktiviert oder abgeschaltet wird. Ein und dieselbe Genmutation kann vollkommen unterschiedliche klinische Folgen haben, wie man bei der Erbkrankheit der cystischen Fibrose sehr gut erkennen kann. Die einen sind schwerkrank die anderen annähernd gesund.
Der Organismus ist also, dank Selbstorganisation, hoch anpassungsfähig und in der Lage, genetische Defekte zu korrigieren. Damit sind auch die Folgen menschlicher Eingriffe in die Erbsubstanz nicht sicher vorhersagbar.
Aus diesen Gründen erstaunt es nicht, dass eine Studie einer EU-Komission (ECVAM) transgene Tiermodelle als keine idealen Modelle zum Studium von Krankheitsbildern des Menschen definiert. Eine ähnlich nüchterne Bilanz ziehen Wissenschafter aus der OECD-Tagung über Tiermodelle und Gentechnologie in Rom im Jahre 1996.
Trotz grössten finanziellen und wissenschaftlichen Anstrengungen und hunderten von Tiermodellen mit tausenden von Tierleben konnte keine einzige menschliche Erkrankung exakt modelliert werden, was aber mindestens gefordert werden müsste, um eine wissenschaftlich korrekte Aussage zu machen.

Genepharming

Zur Herstellung von Medikamenten mit gentechnischen Verfahren braucht es keine transgenen Tiere. Alle Medikamente sind mit transgenen Bakterienstämmen und transgenen Zellkulturen herstellbar, was ja von der Gen-Schutz-Initiative nicht verboten wird. Das Medikament Alpha-1-Antitrypsin z.B., welches bei der zystischen Fibrose zur Anwendung kommt, wird bereits in Zellkulturen produziert. Neuestens wurde ein Schaf so genmanipuliert, dass es dasselbe Medikament in seiner Milch erzeugt, nur billiger, wie die Herstellerfirma erklärt. Wirtschaftliche Argumente, um den Profit der Pharmakonzerne nochmals zu steigern, wollen wir aber nicht als Rechtfertigungsgrund zur Herstellung von transgenen Tieren zulassen. Die Herstellung von Medikamenten mit transgenen Tieren führt zusätzlich zu einer massiven Rationalisierung von Arbeitsplätzen und Konzentration der Produktion auf wenige Kolosse der Pharmaindustrie, welches sicher nicht im Interesse der Drittweltländer liegen kann.

Xenotransplantation

Die Xenotransplantation birgt unkalkulierbare Risiken. Es ist anmassend zu behaupten, man könne diese eines Tages gänzlich beherrschen. Im Genom eingebaute unerkennbare Virengene (Retroviren) können so auf den Menschen übertragen werden und neue gefährliche Krankheiten wie AIDS verursachen. Das menschliche Immunsystem hat gewaltige Mechanismen aufgebaut um fremde Eiweisse (Gewebe, Organe, etc.) zu erkennen und abzustossen. Das gilt für fremde menschliche Organe und insbesondere für tierische Organe. Damit hat sich die Natur in Millionen von Jahren Evolution eine Sicherung aufgebaut, um z.B. Krankheitsübertragungen zwischen den verschiedenen Arten zu verhindern. Um nun diesen Verteidigungswall zu hintergehen, wenden die Genetiker alle erdenklichen Tricks an. Sie versuchen oder hoffen, dieses sehr weise Abwehrsystem ausschalten zu können, indem sie in Tiere Menschengene einschleusen, so dass deren Organe einen menschlichen Überzug bekommen, um vom menschlichen Abwehrsystem nicht mehr erkannt werden zu können. Der Wolf im Schafspelz sozusagen. Es werden also Tier-Mensch-Chimären erzeugt. Transplantierte Organe verstreuen ihre Zellen im ganzen Organismus des Empfängers (in andere Organe, Haut etc.). Der Mensch wird so zu einem Mensch-Tier-Mischwesen mit den besten Voraussetzungen, neue Krankheiten wie AIDS oder noch schlimmere entstehen zu lassen. Weil Tierorgane viel weniger lange leben (Schwein ca. 15 Jahre) als der Mensch, müsste ein Mensch im besten Fall gleich mehrere Male in seinem Leben organtransplantiert werden, was eine grosse Belastung für einen Patienten bedeuten würde. Wie das menschliche Immunsystem auf tierische Organe auf lange Zeit reagieren wird, kann zudem ohne Menschenversuche nicht sicher genug abgeklärt werden. Unserer Meinung nach ist eine Mensch-Tier-Chimäre für den Menschen wie für das Tier unethisch. Wir müssen uns heute die Frage stellen, ob der Mensch wirklich das Recht hat, die Natur derart zu vergewaltigen, nur um das wenig verständliche Streben nach Unsterblichkeit zu befriedigen. Ich glaube, wer lernen kann zu akzeptieren, dass der Tod eine Seite des Lebens ist, kann eine solch unsinnige Tat wie die Xenotransplantation nicht hinnehmen.

Würde der Kreatur

Jegliche Manipulation am Genom von Tieren verletzt die Integrität des Tieres und beraubt es seiner Bestimmung zur Selbstverwirklichung und zum Selbstzweck. Wir betrachten unsere Mitwelt immer noch als Ausbeutungsobjekt und Manipuliermasse, wie es unser menschenzentriertes Nutzungsdenken gerade für richtig hält.
Das Recht auf Leben und Würde ist ein grundsätzliches Recht, denn jede Form von Leben ist einzigartig und müsste unabhängig von ihrem augenblicklichen Nutzwert für den Menschen respektiert werden. Der Mensch hat die Fähigkeit erlangt, sich selber zu definieren und hat sich selbst Rechte und eine Ethik abgeleitet, mit welchen er seine Mitwelt auch misshandelt. Heute ist aber dringendst eine Bioethik zu fordern, welche nicht mehr die Bedürfnisse des Menschen ins Zentrum der Schöpfung stellt, dafür aber unsere Verantwortung für das Wohl der Mitwelt.
Ethik, Moral, Empathie, Fürsorge, Selbsterkenntnis und Intelligenz sind alles dem Menschen zugeordnete Attribute, welche uns nach der allgemeinen Auffassung von der Tierwelt trennen. Gemäss den neuesten Erkenntnissen der kognitiven Ethologie sind sie aber keine menschlichen Erfindungen, sondern alle als Komponenten in der Tierwelt bereits vorhanden. Der grosse von uns konstruierte Unterschied zwischen Mensch- und Tierwelt schwindet mehr als die meisten Leute gerne wahrhaben möchten. Hinweise die uns dazu führen sollten, unser Verhältnis zu den Tieren zu verändern, um endlich anders mit ihnen umzugehen.
Genmanipulation am Tier bedeutet absolute Versachlichung von Mitlebewesen und degradiert sie zu Maschinen und Ersatzteillagern.
Dies verstösst gegen den Verfassungsartikel (BV 24 novies), welcher die Würde der Tiere gewährleistet.

Eine humane Medizin, welche den Anforderungen des kranken Menschen gerecht werden will, kann nicht auf erzeugtem Elend unserer Mitkreaturen aufgebaut sein. Es gibt vielversprechende alternative Methoden, um Krankheiten zu studieren und Therapiemethoden zu entwickeln, auch mittels Gentechnologie und ohne genmanipulierte Tiere. Nur hätte diese Forschung Geld nötig, welche heute einseitig und fast ausschliesslich in die Forschung mit transgenen Tieren gesteckt wird.

Deshalb ein kräftiges Ja für die Gen-Schutz-Initiative am 7. Juni 1998

Dr.med.Urs Guthauser,Chirurg FMH,Mitglied bei "Ärzte für Umweltschutz"

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