Auf Du mit den Schnecken
Oder: Wie Vegetarier mit dem Schneckenproblem im Garten fertig werden.
Unser Garten liegt an einem nördlich ausgerichteten Hang. Von einem östlich gelegenen Steilhang wird zudem die Sonne bis in den späteren Vormittag hinein verdeckt. Bedingungen also, die das Terrain eher für ein Schneckenparadies als für einen Garten prädestinieren. Trotzdem kommen wir Menschen auf die verrückte Idee, hier einen Garten anzulegen und mit Pflanzen zu bestücken, die eigentlich an trockenen Südhängen, in den Tropen, im Mittelmeerraum oder in den Bergen beheimatet sind.
Dass sich hier nicht alle Pflanzen wohl fühlen und gedeihen,
versteht sich. Viele serbeln dahin und werden von den Schnecken,
welche die Leidenssignale auffangen, verstanden und erlöst.
Andere Pflanzen werden vom Menschen wegen ihres Wohlgeschmacks in den
Garten gepflanzt. Wir kaufen Saatgut und Setzlinge und glauben
deshalb, ein Anrecht darauf zu haben, diese Pflanzen dereinst auch
ernten zu können. Schnecken, die das menschliche Besitzdenken
nie studiert haben, und somit nicht zwischen Dein und Mein
unterscheiden können, begeben sich nachts auf Nahrungssuche, und
verzehren, was ihnen unterwegs begegnet, genau so wie sich die
Menschen auf ihren Spaziergängen an Wildbeeren,
Lindenblüten oder Pilzen gütlich tun. Ungefragt, wem sie
gehören.
Der Mensch vergisst, dass er
es war, der durch die Anlage seines Gartens die Lebensgrundlagen der
früheren Bewohner wie Schnecken, Ameisen und vieler anderer
Kleinlebewesen arg beschnitten, wenn nicht gar zerstört hat. Er
wird auch nicht jene Schnecke, die ihm seinen Setzling im Wert von 20
Rappen gefressen hat, höflich ermahnen, dass dies eigentlich
nicht in seinem Sinne sei, sondern er fährt nach der Manier
mittelalterlicher Feldherren gleich mit starkem Geschütz auf, um
der ganzen Schnecken-Sippe den Krieg zu erklären. Häufigste
Waffe: Schneckenkörner, «garantiert unschädlich,
werden von Hunden und Igeln gemieden.» So steht’s
wenigstens auf der Packung. Könnten die Schnecken die
Packungsdeklaration lesen, so verginge ihnen der Appetit auf
Schneckenkörner wie den Menschen die Lust auf genmanipulierte
Sojabohnen.
Nun, Schnecken kommen im allgemeinen ohne
«Warendeklaration» durchs Leben. Ebenso Igel, Kröten
und Blindschleichen, die sich völlig unvegetarisch zu einem
guten Teil von Schnecken ernähren und deshalb vom Menschen gern
gesehen werden. Aber bei den Schneckenkörnern wird ihnen ihr
Geschmackssinn zum Verhängnis. Den Ersteren, weil sie die
Körner verspeisen und den Letzteren, weil sie sich an den
vergifteten Schnecken gütlich tun. Des Menschen
Salatpflänzchen gedeihen indes prächtig in den
Schneckenkörner-geschützten Beeten.
Vom Regen und vom Giesswasser werden allmählich die Wirkstoffe
der Körner in den Boden eingeschwemmt und dort von den Salat-
und Gemüsepflanzen als Baustoffe aufgenommen. Wenn ich mir nun
so überlege, beginnt jetzt die ausgleichende Gerechtigkeit zu
wirken. Im Laufe der Zeit werden die aufgelösten
Schneckenkörner, die vergifteten Schnecken und die
schneckenkörnerhaltigen Exkremente der Schneckenvertilger zum
Nährboden für das Gemüse, von den Pflanzen aufgenommen
und landen schliesslich auf des Menschen Teller. Wohl bekomms. Falls
nicht, liefern uns die Chemie-Multis, welche die Schneckenkörner
produzieren auch die Arznei gegen Beschwerden und verdienen so gleich
zweimal an uns.
Auch die weiteren Killertips wie abbrühen, entzweischneiden, Bierfallen sind Vegetariern unwürdig. Wo liegt da die Logik, den Tieren zuliebe auf Fleisch zu verzichten und anderseits für einen Salat Tiere zu töten, die nichts anderes wollen als wir: Den Salat essen.
Die Vertreibung aus dem Garten durch einsammeln und aussetzen am Waldrand erwies sich ebenfalls als Flop. Die verbleibenden Schnecken sahen sich einem reichen Nahrungsangebot gegenüber, das sie nicht allein bewältigen konnten und produzierten munter Nachkommenschaft. Jedenfalls wurde auch nach jahrelangem Ablesen die Zahl der Schnecken nie kleiner, obschon die Zuwanderung durch Strassen- und Häuserbegrenzung sehr behindert wird.
Erfolgversprechender ist der Einsatz eines Pfau-Schneckenzaunes, der ein sinnreiches Profil aufweist und den Schnecken ein Überklettern verunmöglicht, allerdings nur, solange das Gras ringsum konsequent niedrig gehalten wird. Ferien ade!
Was nun? Im eigenen Garten haben sich selbst in
zwei regenreichen schnecken-förderlichen Jahren folgende
Massnahmen bewährt:
Giessen der Pflanzen nur wenn unbedingt nötig, dann aber
reichlich und immer konsequent am Morgen. So haben die Schnecken
nicht mehr die ganze Nacht zum genüsslichen Schlemmen, sondern
werden bald von der Sonne vertrieben.
Setzlinge werden, wenn immer möglich, in Pflanztöpfchen an
schneckensicherem Ort angezogen und mit Wurzelballen ausgepflanzt. So
wird der Pflanzschock gemindert. Ist das nicht möglich, z.B. bei
geschenkten Setzlingen, werden diese unter Tontöpfchen ein paar
Tage beschattet, bis sie angewachsen sind. Giessen über die
Töpfchen hinweg.
Zarte Setzlinge werden zu Beginn mit einer 10 cm breiten Sperre aus
Holzasche, Holzruss oder Sägemehl geschützt und diese
Sperre nach Regenfällen erneuert, bis die Pflanzen erstarkt
sind. Schnecken meiden dieses Hindernis.
Die verwelkten unteren Blätter von geernteten Salaten sowie
gejätete Unkrauthäufchen bleiben im Beet liegen, bis der
Platz neu bepflanzt wird.
Sie verwelken und bieten Schnecken, Asseln und andern Kleintieren
Nahrung und Lebensraum, die mit Ihrem Kot wieder Nährstoffe
für neue Pflanzengenerationen produzieren.
«Schneckenfutter» wie Dahlien, Begonien usw. verbannen
wir aus unserem Garten. Stattdessen finden viele schöne
Wildblumen und schmucke «Ackerunkräuter» Eingang,
die erst beim Verwelken Schneckenfutter abgeben. Nicht nur wir,
sondern auch viele Schmetterlinge und Wildbienen freuen sich an
unserem reichblühenden Garten.
Verdünnte Pflanzenjauche bietet dem Gemüse Nahrung und
verhilft ihm zu einem kräftigen und schnellen Wuchs.
Sogenannte Unkräuter (z.B. Gänseblümchen) in den
Wegen werden so weit wie möglich belassen. Es schützt den
Garten vor Austrocknung und bietet Kleintieren Lebensraum und
Nahrung.
Ab und zu nehmen auch heute noch die Schnecken etwas, was wir lieber
selbst geerntet hätten. Doch die Schäden halten sich sehr
in Grenzen. Die Schnecken holen sich einfach Ihren
«Zehnten», wie das Steueramt unsere Steuern. Zudem sind
Schnecken, wenn sie nicht gerade ihre verunfallten Artgenossen
verspeisen, Vegetarier wie wir, also gleichsam unsere
Gesinnungsfreunde und Bundesgenossen.
Nur schon deshalb verdienen sie unsere Sympathie. Und wer erst den
Schnecken bei ihrem innigen Liebesspiel zugeschaut hat, wird sie
künftig mit ganz anderen Augen betrachten.
Fredy Forster, Holgasse 20, 5465 Mellikon, Telefon: 056 7243 14 70
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