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Vitamin B12
Vitamin B12 und Kalzium gehören zu den Nährstoffen,
deren Supplementierung durch Nahrungsergänzungsmittel oder
Medikamente nach wie vor umstritten ist. Wissenschaftlich anerkannte
Standardwerke der Ernährungslehre (1,2,3) betonen, dass Vitamin
B12 weder von Tieren, noch von Pflanzen, sondern ausschliesslich von
Mikro-Organismen gebildet werden kann.
Demzufolge findet sich Vitamin B12 nicht in Pflanzen, es sei denn,
dass diese nicht gewaschen und daher noch mit Vitamin B12-bildenden
Bakterien verunreinigt sind.
Ausserdem wird darauf hingewiesen, dass Vitamin B12 nur im unteren
Dünndarm absorbiert werden kann, so dass das Vitamin B12,
welches die Bakterien im Dickdarm synthetisieren, nutzlos den
Körper verlässt, weil es im Dickdarm nicht resorbiert wird.
Demgegenüber hat anlässlich des 1. Internationalen
Kongresses für vegetarische Ernährung im März 1987 in
Washington der Wissenschaftler V. Herbert in einer Studie
darüber berichtet (4), dass auch strenge Veganer im allgemeinen
keinen Vitamin B12-Mangel entwickeln, da auch pflanzliche
Lebensmittel trotz Säuberung über die stets vorhandenen
Verunreinigungen genügend Vitamin B12 enthalten, welches im
Dünndarm resorbiert wird. Ausserdem genügt nach seinen
Untersuchungen die Aufnahme von 1 Mikrogramm Vitamin B12 pro Tag.
Ferner wies er darauf hin, dass Vitamin-B12-Mangel meistens nicht
wegen eines mangelhaften B12-Angebots, sondern wegen mangelnder
Vitamin-B12-Resorption, aufgrund fehlenden Intrinsic Factors,
entsteht. Schon vor Jahren wurde in einer anderen Studie nachgewiesen
(5), dass bestimmte Bakterien im Dünndarm, nämlich
Klebsiellen und Pseudomonas, ausreichende Mengen an Vitamin B12
produzieren können. Ein im Jahre 1991 erschienene, sehr
sorgfältige Studie (6) geht noch weiter und stellt fest, dass
selbst bei laborchemisch nachgewiesenem Vitamin B12-Mangel die
hämatologischen Befunde in 30 % der Fälle normal sind und
umgekehrt auch bei normalen Vitamin-B12-Werten neurologische Symptome
vorkommen können. Das heisst, der laborchemische
Vitamin-B12-Status ist nicht spezifisch für einen klinisch
relevanten Vitamin-B12-Mangel und gestattet keine Aussage für
mögliche gesundheitliche Schäden. Die Autoren der Studie
sprechen deshalb dem Vitamin-B12-Status jedwede diagnostische
Bedeutung ab. Allerdings befürworten die Autoren die Gabe von
Vitamin B12 bei vorliegenden klinischen Hinweisen auf einen
Vitamin-B12-Mangel. Sie empfehlen dies auch im Hinblick auf die
Tatsache, dass neurologische Ausfallerscheinungen aufgrund eines
Vitamin-B12-Mangels meistens irreversibel sind. Auch die
International Association of Hygienic Physicians (IAHP) hat sich in
einem Konsensus-Papier bei Vorliegen eines klinischen Verdachts auf
einen Vitamin-B12-Mangel für eine Supplementierung von Vitamin
B12 ausgesprochen (7), ebenso wie der bekannte amerikanische
Ernährungswissenschaftler Joel Fuhrman (8). Sie bestätigen
damit die bereits im Jahre 1978 von dem Nestor der
Ernährungswissenschaften, T.A.B. Sanders nach 25 Jahren
sorgfältiger Nachbeobachtungen gemachte (9) und im Jahre 1983
bestätigte pragmatische Einstellung (10) zu dem Thema
Vitamin-Supplementierung: Sanders konnte bei Erwachsenen keine
B12-Mangelzustände beobachten (11). Bei Kindern treten
Vitamin-Mangelzustände lediglich bei jenen Kindern auf, die in
annähernd sterilen Verhältnissen grossgezogen werden, weil
dann die vitaminspendenden Bakterien von der veganen Nahrung entfernt
worden sind. Es muss sich allerdings um wahre
Reinlichkeitsfetischisten handeln, denn gemäss (12) enthält
z. B. der ungewaschene Kopfsalat 10.000 bis 1 Million Keime je
Quadratzentimeter, der gewaschene Kopfsalat immerhin noch 1.000 bis
100.000 Keime je Quadratzentimeter. Offenbar ist diese Restverkeimung
für die Vitamin-B12-Versorgung ausreichend.
Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors der Ausgabe 4/1996 von «Medizin kontrovers» entnommen.
Quellen: