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Eisen-Überangebot:
Wie Sie Ihren «Rost» wieder loswerden
von Dr. med. Neal D. Barnard
Dr. med. Neal D. Bornard ist Vorsitzender des «Physicians Committee for
Responsible Medicine» (etwa: ärztliches Komitee
für verantwortungsbewusste Medizin) und ausserordentliches
Mitglied der Leitung des Institutes für Verhaltensforschung an
der medizinischen Fakultät der George Washington
University.
Die meisten von uns wurden in der Überzeugung gross gezogen, Fleischwaren seien unsere beste Quelle für die Versorgung mit Eisen. So erscheint es nicht weiter verwunderlich, wenn man immer wieder die Meinung hört, dass eine Umstellung auf rein vegetarische Kost mit dem Absenden einer schriftlichen Einladung an die Eisenmangel-Anämie gleichzustellen wäre. In Wirklichkeit aber verhält es sich so, dass Vegetarier auch nicht häufiger von einer solchen «Blutarmut» betroffen sind, und dass ihnen zudem andere gesundheitliche Probleme im Zusammenhang mit Eisen erspart bleiben, wie sie durch den Verzehr von Fleisch hervorgerufen werden.
Freie Radikale: Eine kostspielige Angelegenheit
Während jedermann bekannt ist, dass wir Eisen benötigen,
um den Transport von Sauerstoff im Blut zu gewährleisten, sind
sich nur wenige Zeitgenossen dessen bewusst, dass ein
Überangebot an Eisen in hohem Masse abträglich ist für
den Zustand unserer Gesundheit. Genau wie das Zusammenwirken von
Eisen und Sauerstoff zu einer Oxidationsbildung in der Form
führt, die wir als Rost bezeichnen, läuft ein ganz
ähnliches Geschehen auch im inneren unseres Körpers ab.
Eisen begünstigt dort nämlich die Entstehung von freien
Radikalen und ihren schädlichen Folgeerscheinungen.
Bei freien Radikalen handelt es sich um instabile, destruktiv
wirkende Moleküle. Sie treten in vielerlei chemischen Formen
auf, die bei allen Unterschiedlichkeiten jedoch eine Eigenschaft
gemeinsam haben: sie können in aggressiver Weise mit
benachbarten Molekülen reagieren und sie so schädigen, dass
sie ihre Stabilität einbüssen und ihrerseits wieder dazu
übergehen, noch weitere Moleküle anzugreifen, was dann
Kettenreaktionen von zerstörerischen Vorgängen auf
zellulärer Ebene in Gang bringt. Sie attackieren also genau jene
Zellgewebe, die letztlich unseren Organismus ausmachen.
Wenn Eisen wie ein Munitionszünder wirkt
Dr Randall B. Lauffer arbeitet als Biocherniker an der Harvard
University. Aus seinem Buch «Iron Balance» (etwa:
Ausgewogenheit beim Eisen) geht hervor, dass Eisen wie eine
Zündkapsel in einem Munitionslager wirken kann. Nach den
Ausführungen von Dr. Lauffer «bildet Eisen einen
grundlegenden Bestandteil der auf freie Radikale aufgebauten Theorie
über krankhafte Erscheinungen». Diese Rolle wurde vor
einiger Zeit entdeckt, und bei der ständigen Fortentwicklung
unserer Kenntnisse im Laufe der Jahre wurde uns deutlich, dass das
Eisen sich gewissermassen mitten im Zentrum dieser ganzen chemischen
Vorgänge befindet. Eisen wirkt als Katalysator bei der
Herausbildung der freien Radikale mit, die dann das umliegende Gewebe
schädigen. Haben wir überhaupt grössere Mengen von
überschüssigem Eisen in unserem Körper? Diese Frage
muss leider positiv beantwortet werden. Der männliche Organismus
sammelt während seiner gesamten Erwachsenenphase immer mehr
Eisen an. Bei den meisten Frauen wird das Übermass an Eisen erst
zu einem Problem, nachdem der Menstruationszyklus zum Stillstand
gekommen ist. Die Schädigungen, die von jenen über den
Katalysator Eisen entstandenen freien Radikalen hervorgerufen wurden,
schätzt man heute vielfach als eine Art von Zündfunken ein,
der sowohl Herzerkrankungen als auch krebsartigen Entwicklungen zum
Durchbruch verhelfen kann, und der zusätzlich noch zu einer
Verschlimmerung von Alterungsprozessen beiträgt.
Und woher beziehen wir denn nun all dieses Eisen, das uns soviel
Kopfzerbrechen bereitet? Aus Fleischprodukten in allererster Linie.
Fleisch enthält eine Form dieses metallischen Elements (die
HämEisenverbindungen), die geringfügig leichter vom
Körper aufgenommen wird als das Eisen aus pflanzlicher Nahrung.
Diese Tatsache hielt man früher für einen Vorteil, doch
mittlerweile hat man erkannt, dass ein Überangebot an Eisen
für die gesundheitlichen Probleme von mehr Patienten
verantwortlich zu machen ist als ein etwaiger Eisenmangel. Die
Ernährungsweise auf der Grundlage von Fleischerzeugnissen, wie
sie in der westlichen Zivilisation vielfach gang und gäbe ist,
steuert dazu den bestmöglichen Katalysator für die Heraus
bildung von freien Radikalen bei. Auch in Gemüse, Bohnen und
Getreideprodukten kommt Eisen vor, doch ist der Organismus bei diesen
Nahrungsquellen besser in der Lage, die Aufnahme des Elements in
Grenzen zu halten.
Eine Kostform, die stimmig ist
«Die Abänderungen in der regelmässigen
Ernährung, wie sie heute von vielen Menschen versucht werden, um
ihre Fettund Cholesterinwerte herabzusetzen, bringen im Endeffekt
dann auch eine Verringerung der Eisenwerte mit sich»,
erklärt Dr. Lauffer. «Und so steht die augenblickliche
Tendenz hin zu einer mehr auf vegetarischer Linie befindlichen Kost -
mit dem Verzehr von weniger Fleisch und dafür mehr
Früchten, Gemüse und Vollkornprodukten - ebenso voll und
ganz im Einklang mit allem, was man über das Eisen in Erfahrung
gebracht hat.» Im Gegensatz zur weitverbreiteten Auffassung
steuern Vegetarier eben nicht geradewegs auf einen bedenklichen
Eisenmangel zu. Vielmehr hat ihr Körper weniger grosse, sichere
Mengen an eingelagerten Eisenreserven zur Verfügung.
Der besondere Wert von Obst und Gemüse beruht auf der Art von
Eisen, das sie liefern, und auf ihrem reichen Gehalt an Vitaminen,
die Oxidationsprozessen entgegenwirken, ebenso wie auf der Tatsache,
dass bei diesen Lebensmitteln kein Cholesterin vorkommt. Ein hoher
Cholesterinspiegel erscheint uns schliesslich genauso wenig
wünschenswert wie lange Schlangen von Lastkraftwagen, die
ständig auf jeder Strasse hin- und herfahren. Unfälle
passieren immer wieder. Je mehr Cholesterin in Ihrem Blut gelöst
ist, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit, dass einige der
LDL-Moleküle in eine aggressive Reaktion mit freien Radikalen
verwickelt werden.
Dr.med.Neal D. Barnard
Siehe auch das Eiseninfoblatt der SVV
Diesen Artikel haben wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus der Zeitschrift «Fit fürs Leben », Ausgabe 3/1996 (Waldthausen Verlag, ISSN 0943-6618) übernommen.
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