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Unterwegs mit dem Grosstierarzt

Mein Kollege ist aktiv als Grosstierarzt unterwegs. Täglich besucht er ungefähr acht Höfe mit seinem professionell ausgerüsteten Auto. Während eines Arbeitstages durfte ich ihn begleiten und hinter die Kulissen der Nutztierhaltung blicken. Er weiss, dass ich als Veganerin dem ganzen System kritisch gegenüber stehe. Umso mehr bin ich dankbar für diese Gelegenheit.


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Station 1: Kastration eines Kalbs

Wir kommen auf einem neuen, sauberen Hof an. Im Stall steht ein Kinderwagen mit einem Baby drin. Es schaut vergnügt den Kühen und einem Kälbli zu. Die Kühe sind beinahe alle festgemacht: Auf den ersten Blick scheinen Sie einfach ausgiebig zu fressen. Auf den zweiten Blick fällt das Gitter auf, welches den Hälsen der Kühe eng anliegt und es ihnen unmöglich macht, ihren Kopf zu befreien.

Das Kälbli dagegen ist alleine in einem Gehege und wartet auf uns.
Der Tierarzt beruhigt es mit einer Spritze in den Hals. Er legt dem Kalb einen Gummizug um die Hoden und zieht ihn voll an. So werden diese in den nächsten Tagen durch die fehlende Blutzufuhr abfallen und das Kalb ist kastriert. Der Tierarzt erklärt mir, dass er mit einer Lokalanästhesie für eine schmerzfreie Behandlung für das Kalb gesorgt hat. Wenn die Wirkung der Spritze nachlässt, wird die Prozedur bis zum Abfallen wohl schmerzen. Dennoch ist dies die tierfreundlichste Behandlung, vor allem, da die Entzündungsrate sehr niedrig ist.

Wir ziehen weiter.

Stationen 2 und 3: Verletzter Huf einer Kuh / Missgebildetes Kalb in Mutterbauch zersägen.

Dieser grosse und schöne Hof gehört einem wohlhabenden Mann. Einen Teil seines Vermögens hat er in diesen Hof investiert. Inwiefern er selbst hier arbeitet, wird mir nicht klar. Es sind einige Angestellte zu entdecken. Davon spricht einer auch deutsch. Sie alle werden wohl als günstige Arbeitskraft genutzt. Mein Tierarzt meint, dass man merke, dass sie keine Ausbildung zum Bauern genossen haben und daher schnell überfordert seien. Ich kann mir vorstellen, dass dies für die Tiere, aber auch für die Angestellten nicht ideal ist.

Der erste Patient ist eine Kuh, deren linker Hinterhuf verletzt ist.
Sie wurde vor einer Woche schon einmal behandelt. Da der Huf geschwollen ist, hat sie auf dem linken Hinterhuf einen Absatz montiert, damit sie ihre Beine nicht zu ungleich belastet.
Mein Tierarzt untersucht den verletzten Fuss, reinigt ihn als erstes mit warmem Wasser und wischt und kratzt den Schmutz und das eingetrocknete Blut weg.

Eigentlich ist ein anderer Tierarzt für diese Kuh zuständig. Dieser hat meinen Tierarzt eingeladen, ihm bei der Behandlung dieses Hufes zuzuschauen, um zu lernen. Da der andere Tierarzt aber noch nicht da ist, hat mein Tierarzt die Kuh nun vorbereitet.
Ein Angestellter bittet meinen Tierarzt, sich eine Kuh anzuschauen. Sie sei komisch. wir folgen ihm.

Die komische Kuh

Sie befindet sich in einem grosszügig bemessenen Gehege, welches gedeckt, aber an der einen Seite offen ist und eine schöne Aussicht offenbart. Sehr viel frisches, duftendes Stroh bedeckt den Boden. Alle Kühe, die hier angebunden sind, sind trächtig und werden bald kalbern.

Unsere komische Kuh steht da und wartet. Sie habe letzte Nacht kalbern wollen, doch es sei einfach nichts raus gekommen. Sie habe gemuht und gedrückt, aber es sei einfach nichts passiert, erklärt uns der Angestellte.
Mein Tierarzt fasst sich den Handschuh, wäscht der Kuh mit Seife den Po, gelt seine Hand ein und untersucht die Kuh. Er spritzt der trächtigen Kuh eine Entspannungsspritze, welche dafür sorgt, dass sich ihre Gebärmutteröffnung lockert und erweitert. Er versucht, zu ergründen, was mit dem Kalb im Bauch der Mutter los ist. Sein erster Befund: es hat Steisslage. So würde es mit dem Po voran rausgedrückt. Dann wären aber seine Beine im Weg. Mein Tierarzt versucht, die Beine nach hinten zu ziehen, damit es mit denen voraus geboren würde.
Doch die Beine lassen sich nicht bewegen, sie sind steif.

Der zweite Tierarzt erscheint nun auf dem Hof und wir wenden unsere Aufmerksamkeit wieder der Kuh mit dem verletzten Huf zu, bis die Spritze bei der Schwangeren wirkt.

Deren Wunde war nicht geheilt. Beim Auskratzen der Verletzung spritzt Eiter und sie scheint bis auf das Gelenk tief zu sein. Das ist kein gutes Zeichen. Der Tierarzt wird die Wunde wieder versorgen und der Kuh noch eine Woche geben. Falls die Verletzung bis da nicht heilt, kann man die Kuh notschlachten. Ein solch verletztes Gelenk ist nämlich nicht (wirtschaftlich) heilbar.

Wir gehen zurück zum Kalb mit den steifen Beinen im Bauch seiner Mutter.

Sägen im Mutterleib

Der zweite Tierarzt fasst in die Kuh und ertastet das Kalb. Seiner Einschätzung nach ist es missgebildet und tot. Um wenigstens die Kuh retten zu können, muss das Kalb irgendwie aus ihr herausgebracht werden. Er holt seine Säge. Diese besteht aus zwei dünnen, langen Rohren und einem Draht. Die beiden Rohre sind parallel aneinander befestigt. Dank dieser speziellen Säge kann die Kuh bei dieser Prozedur nicht verletzt werden.

Mein Tierarzt packt sich den Draht und langt wieder in die Kuh hinein. Er legt den Draht um die Stelle, an welcher gesagt werden soll. Also um das erste Hinterbein des Kalbs. Nun schauen die beiden Enden des Drahts aus dem Po der Kuh heraus. Diese Enden werden je in ein Rohr geführt. Danach werden die Rohre wiederum in die Kuh eingeführt, bis sie der Sägestelle anliegen.
Nun hält Tierarzt 1 das Rohr fest und drückt es in die Kuh rein, damit es an dieser Stelle bleibt. Tierarzt 2 fasst sich die Enden des Drahts und zieht abwechslungsweise an ihnen. Er liegt sich voll in die Sache rein, zieht mit aller Kraft hin und her und hin und her, bis Tierarzt 1 ertastet, dass die Stelle durchgesägt ist.

Tierarzt 1 zieht das erste Bein des Kalbes raus. Das Selbe geschieht nun am zweiten Bein. Nachdem dieses auch draussen ist, zieht Tierarzt 1 mit Leibeskräften am Rest des Kalbs, welcher sich noch in der Kuh befindet. Er braucht einiges an Kraft, doch es gelingt ihm.

Nun liegt das hinterbeinlose Kalb auf dem Stroh. Es tut keinen Wank. Die Beine lassen sich auch kaum biegen, die Gelenke sind steif. Das Kalb wird aus dem Stall gezogen und draussen auf den Boden getan. Die Kuh bekommt es nicht weiter zu Gesicht.

Wir gehen weiter zur nächsten Station, in Eile.

Station 4: Müde Muttersau

Nun besuchen wir eine Muttersau - das erste und letzte Schwein, welches wir an diesem Tag behandeln. Diese Muttersau, die nun vor mir in einem Gehege steht, welches gerade noch für noch eine solche Sau reichen würde und die beiden könnten sich nicht mehr bewegen, erscheint ganz apathisch.
Neben der Muttersau tummeln sich zehn Ferkel im selben Gehege. Ein Viertel des Geheges ist in halber Höhe gedeckt, damit sich dort die Ferkel vor der manchmal ungeschickten Mutter in Sicherheit bringen können und nicht erdrückt werden. In diesem Ministall hängt eine Heizung an der Decke, da es für die Ferkel nicht zu kalt werden darf. Im Stall ist es sonst kühl.

Die Abferkelungsanlage

Fünf solcher Gehege befinden sich aneinander in dieser "Abferkelungsanlage". D.h. hier hin kommen Schweine verschiedener umliegender Höfe, die bald werfen. Üblicherweise zehn Ferkel. Dann stehen sie da, säugen ihre Ferkel und fressen.
Wenn die Ferkel keine Milch mehr benötigen, kommen sie in einen anderen Stall mit gleich grossen Gehegen je zu fünft. Nur werden die Ferkel nach und nach immer grösser und der Platz demnach enger und enger. Es liegt Stroh im Stall. Keine weitere Beschäftigungsmöglichkeit. Das ist legitim und gesetzeskonform.

Nach einigen Monaten werden die Ferkel wieder auf ihre Höfe zurück gebracht. Die Sonne oder frische Luft haben sie nie zu spüren bekommen. Ich werde auf die Verhältnisse im Ausland hingewiesen. Da kann sich die Muttersau in ihrem Gehege nicht einmal bewegen. Oft wird sie gar gefesselt, damit sie die Ferkel auf dem engen Raum ja nicht erdrücken kann. Ich sehe es ein: etwas Platz ist besser als kein Platz.

Diese Muttersau, welche sich der Tierarzt anschauen soll, ist schwach. Sie frisst nicht. Ihre Ferkel sind ganz mager. Sie erhält einen Spritzencocktail und der Bauer erhält Nachschub, bei Bedarf. Dies erinnert mich an meine Arztbesuche, wo ich nach jedem Besuch verschiedenste Mittel mit nach Hause bekomme. Im Stall ist dies der Massenproduktion geschuldet, welche auch vor dem Tierarzt nicht Halt macht.
Bringt ein Tier nicht die übliche Leistung, versucht man es mit Medikamenten. Falls die nichts nützen, wird die Behandlung zu teuer und das Tier wird notgeschlachtet.

Etwas frische Luft, etwas Bewegung, frisches, tiergerechtes Futter wie Gemüse oder Wurzeln - dies alles ist für einen Bauern im schweizerischen Wirtschaftssystem und der dadurch notwendigen Produktionsmenge nicht möglich, seinen Tieren zu erlauben.

Station 5: Entzündeter Euter einer Mutterkuh

Hier erfahre ich, dass die Entzündung der Milchdrüse zu einer der häufigsten Erkrankungen in der Milchviehhaltung gehört. Durch die weniger starke Beanspruchung des Euters sind Mastitiden bei Muttertieren seltener, kommen aber auch vor. Die hinteren beiden Zitzen dieser Mutterkuh sind so stark entzündet, dass das Kalb nur noch an den beiden vorderen trinkt. Der Tierarzt kann etwas Milch in eine Petrischale spritzen. Mit einer Indikatorflüssigkeit wird bestimmt, ob die Milch entzündet ist. Färbt sie sich rosa, ist sie es.

Diese hier kommt schon geronnen aus der Kuh raus – bei jeder Berührung muht sie laut. Der Fall ist klar. Es wird möglichst viel Milch gemolken, da ein übermässig gefülltes Euter die Kuh schmerzt. Zudem werden durch das melken auch die Erreger im Euter reduziert. Danach spritzt der Tierarzt ein Mittel durch die Zitze in das Euter, um die Infektion zu bekämpfen. Zusätzlich wird ein entzündungshemmendes Medikament direkt in das Blut der Kuh gespritzt.

Diese Kühe hier befinden sich zu dritt in einem grosszügig bemessenen «Freiluftstall» mit Unterstand. Die übrigen Kühe des Besitzers grasen auf der nahen Weide. Grosse Mengen von Urin und Kot der Tiere liegen auf dem Boden des Stalles, doch das ist unvermeidlich bei der Menge an Ausscheidungen dieser Tiere, erklärt mir der Tierarzt.
Wohl unvermeidlich bei der Menge an Tieren, die auf dem Raum gehalten werden, überlege ich mir.

Station 6: Enthornen von drei Kälbli

Die nächsten drei Patienten sind drei kleine Kälbli, welche enthornt werden müssen.
Es sind noch keine Hörnchen sichtbar. Die Kälbli werden mit einer Spritze beruhigt und dann lokal anästhesiert. Sie spüren den Eingriff also nicht.
Mit zwei ca. 30 cm langen Eisenstangen wird der Tierarzt die Stellen, an denen die Hörner wachsen würden, ausbrennen. Danach wachsen keine mehr.

Wir stossen zu ihnen, wie sie zu dritt in einem kleinen Gehege à 5 m2 stehen, im Stall. das Licht ist dämmrig. Neben den drei Kälbli stehen drei ältere in einem gleich grossen Gehege und schauen uns zu.
Der Tierarzt geht in das Gehege der drei. Er hält das erste Kalb fest und steckt die Spritze in dessen Bauch. Das Kalb weiss nicht, wie ihm geschieht. Es stackst herum. Versucht sich - komme was wolle - auf den Beinen zu halten. Der noch kleine Sohn des Bauern kommt auch in das Gehege herein und stosst das Kalb herum. Es soll nicht im Weg sein. Es soll ruhig werden.
Das zweite Kalb bekommt die beruhigende Spritze in den Bauch. Es legt sich schon nach wenigen Sekunden auf den Boden und dämmert vor sich hin. Das dritte Kalb erhält die Spritze. Dieses gibt sich wiederum alle Mühe, keine Schwäche zu zeigen.

Nun folgt die Lokalanästhesie. Jeder Hornansatz erhält eine Spritze. Die Beruhigungsspritzen wirken, nun legen sich alle Kälber auf den Boden. Es folgt das Hornausbrennen. Der Tierarzt hockt sich auf Kalb nach Kalb und drückt die heissen Eisen auf die Hornansätze. Es stinkt nicht mehr nur nach stickigem Stall und Fäkalien. Der Geruch versengter Haare brennt in der Nase.

Die ganze Prozedur dauert nicht länger als zehn Minuten. Der Tierarzt gibt sich alle Mühe, die Behandlung für die Tiere so kurz und schmerzlos wie möglich zu machen. Auch mit der hiesigen Vorschrift von Beruhigung und Anästhesie ist er zufrieden. Es sei noch nicht lange her, als die Kälbchen ohne Betäubung gepackt und behandelt wurden. Heute dürfe dies kein Bauer mehr selbständig tun - ausser er hat eine Prüfung dafür abgelegt.

Auch im internationalen Vergleich schneidet die Schweiz - wie es mir während des Tages wiederholt klar gemacht wird - fortschrittlich und tiergerecht ab. Im internationalen Vergleich fortschrittlich, das mag sein. Tiergerecht? Nicht aus meiner subjektiven Warte.

Wir überlassen die Kälber ihrer Erholung. Zwar war der Eingriff so schmerzlos wie möglich. Wenn aber die Lokalanästhesie nachlässt, werden die Schmerzen kommen, sagt mir der Tierarzt. Der Eingriff sei nicht ohne. Aber für die Sicherheit im Stall, für den Bauern und die Tiere selbst - auf dem wie üblich engen Raum - ein Muss.

Station 7: Nachgeburt entfernen

Dieser Patient ist eine Kuh, welche in der vergangenen Nacht Mutter geworden war. Das Kalb ist in seinem separaten Gehege ausserhalb des Stalls. Die Nachgeburt, welche üblicherweise mit dem Kalb aus der Kuh flutscht, blieb bei dieser Kuh einfach im Körper.
Wieder zieht sich der Tierarzt den langen Handschuh an, gelt ihn ein und fasst der Kuh in den Po. Sachte zieht er die Nachgeburt aus der Kuh heraus. Da sie nirgendwo hängen bleibt, erfolgt dieser Eingriff ohne Komplikationen. Wäre die Nachgeburt nicht einfach herauszuziehen gewesen, hätte der Tierarzt der Kuh eine Tablette in die Gebärmutter legen müssen, welche macht, dass sich die Nachgeburt löst. Am Nachmittag hätte er die Kuh wieder besucht und dann die Nachgeburt entfernt.

Station 8: Ist diese Kuh nun schwanger oder nicht?

Bei der Ankunft im nächsten Stall sehe ich einige Kühe auf der Wiese. «Unsere» Kuh steht im Stall. Der Stall ist dunkel und es riecht streng. Der Tierarzt zieht sich den langen Handschuh an, gelt sich ein und langt der Kuh durch den After in den Körper hinein, um zu erspüren, ob ein befruchtetes Ei in der Gebärmutter der Kuh liegt. Da die rektale Wand einer Kuh recht dünn ist, kann man die Gebärmutter durch sie hindurch in die Hand nehmen und zwischen den Fingern durchgleiten lassen. Spürt der Tierarzt wie die Eihäute einzeln durch seine Finger flutschen ist dies ein sicheres Anzeichen dafür, dass die Kuh trächtig ist.

Um sicher zu gehen macht dieser Tierarzt einen Ultraschall - mit der Berufserfahrung kommt dann die Gewissheit, nur manuell ertasten zu können, ob eine Kuh schwanger ist. Noch möchte er auf den zusätzlichen visuellen Attest zurückgreifen. Das Ultraschallgerät ist tragbar. An einem buchgrossen Kasten befindet sich per Kabel ein handflächen-grosser Scanner. Der Tierarzt nimmt den Scanner und führt ihn an seiner Hand wieder der Kuh durch den Po ein. Der visuelle stimmt mit dem manuellen Befund überein: Die Kuh ist nicht trächtig.

Ein zünftiger Schleimausfluss ist zu beobachten. Der deutet die Paarungsbereitschaft der Kuh an. So spritzt ihr der Tierarzt ein Mittel, mit dem die Wahrscheinlichkeit der Ei-Einnistung vergrössert wird.
Auf den Mittag muss der Besamer bestellt werden.

Ein Stier, welcher die Deckung der Kuh übernimmt, gehört vor allem in unserer Vorstellung zum Leben dieser Nutztiere. Um die Schwangerschaften planen zu können und ein Verletzungsrisiko durch den Stier zu verringern ist das künstliche Besamen üblich.

Station 9: Kuh zu stierig, Beine verletzt. Attest zur Notschlachtung

Wir treffen auf eine Kuh, alleine im Stall - ihre Kolleginnen sind auf der Weide - welche etwas scheps am Boden hockt. Sie liegt auf ihrem Schwanz. Entweder ist der schmerzunempfindlich oder die Kuh ist am Ende. Letzteres bestätigt der Tierarzt mit der schriftlichen Berechtigung zur Notschlachtung. Doch was war geschehen?

Eigentlich hätte diese Kuh trächtig sein sollen: Ein Tierarzt hatte ihre Trächtigkeit überprüft und für vorhanden befunden. Doch sie war es nicht.
Da diese Kuh also nicht schwanger war, wurde sie stierig. Sie wollte bestiegen werden. Um dies einem Stier anzuzeigen, besteigen sich die Kühe gegenseitig. Dabei wurde diese Patientin zu wild. Sie bestieg eine Kuh und rutschte mit ihren Hinterbeinen je seitlich weg.
Der Bauer sah das und beobachtete sie, doch sie schien keine grössere Verletzung davon getragen zu haben. Sie humpelte einfach ein wenig. Und plötzlich - die Erklärungen des Bauern werden in der Aufregung zwar nicht ganz durchsichtig, aber verstanden habe ich so viel: plötzlich lag die Kuh mit gespreizten Beinen auf dem Boden. Also das linke Hinterbein auf der linken Seite ausgestreckt, das rechte auf der gegenüberliegenden.

Der Tierarzt tastet sie in- und auswändig ab und bemerkt einen grossen Bluterguss. Die Gelenke sind also stark verletzt. Es besteht keine Aussicht auf Genesung. Die Kuh wird notgeschlachtet.

Station 10: Irgendwie kranke Mastkälber

Nun besuchen wir einen Kälbermastbetrieb. Die Kälber der umliegenden Höfe werden auf diesen Betrieb gebracht, für ein halbes Jahr gemästet und dann zum Schlachthof gefahren. Solche Betriebe sind allgemein sehr krankheitsanfällig, sagt der Tierarzt. Jeder Hof hat sein eigenes Spektrum an Krankheitserregern, gegen welche er ankämpft. Sammeln sich nun die Tiere der verschiedenen Höfe an einem Ort, sammeln sich dort auch die verschiedensten Krankheitserreger, gegen welche die Kälber zuerst eine Immunität aufbauen müssen.

Dieser Hof scheint zusätzlich in die Jahre gekommen und irgendwie fehlt es am adäquaten Management. Der erste Stall bietet den Tieren zwar Auslauf, doch ist er dreckig und stinkt stark, obwohl dauernd frische Luft zugeführt wird. Der Patient, ein krankes Kalb, hält sich unsicher auf den Beinen. Der Tierarzt misst die Temperatur des Kalbes rektal. Sie ist nicht erhöht. Die linke Seite des Kalbes ist geschwollen. Wahrscheinlich ist es ausserordentlich gebläht. Mit Hilfe eines Rohres, welches der Tierarzt in den Mund des Kalbes einführt, lässt er das angestaute Gas aus ihm raus. Tabletten und Spritzen werden verabreicht.

Ist das krank oder normal?

Die Besitzer beklagen sich, dass sie das Kalb so nicht schlachten lassen können. Das wäre bei seinem Zustand das günstigste. Doch der Schlachter nimmt so eines halt nicht. Da bleibt ihnen nichts anderes übrig, als es wieder aufzupäppeln.

Die nächsten Patienten befinden sich in einem älteren Stall. Als wir den betreten, sind die Fenster geschlossen, es mieft ausserordentlich, ist dämmrig und äusserst ungemütlich.
Hier finden sich acht Patienten in einem Gehege in der Grösse eines üblichen Wohnzimmers. Daneben ist ein weiteres Gehege mit acht Kälbern. Alle Kälber in diesem ersten Gehege sind komisch. Sie leiden an einer Infektionskrankheit, welche die Nerven betrifft. Wenn sie nicht genügend Medizin bekommen, wird ihr Kopf schräg. Einige der Tiere schauen uns mit schiefem Kopf an. Die Tiere erhalten alle ein paar Spritzen zur Stärkung und Entzündungshemmung.

Und der Arbeitstag ist zu ende.

Ist das gesund oder etwas zu viel?

Ich frage den Tierarzt, wie er zum Einsatz von Antibiotika steht und ob die Tiere seiner Meinung nach viele Medikamente brauchen würden.
Er erzählt, dass es schon solche Fälle von Kälbern mit Lungenentzündung gab, die resistent waren gegen Antibiotika. Dies sind aber einzelne Fälle und ist nicht die Regel. Antibiotika ist etwas Gutes, unterstreicht er, es hilft ja auch in der Humanmedizin - richtig angewendet. Ein Problem ist es, wenn man Antibiotika zu niedrig dosiert. Dann scheint das Kalb gesund, hat aber noch die schädlichen Bakterien in sich. Die haben die Chance sich zu verändern und eine Resistenz auszubilden. Dann wirds gefährlich.
Allgemein empfinde er die Nutztiere als gesund. Er sehe zwar meistens nur die kranken, aber beim Blick aufs Gesamte sind die Nutztiere gesund.

Ich verstehe, dass die Abgabe von Antibiotika in der Nutztierhaltung nötig ist. Doch die Medaille hat zwei Seiten, denn alle Medikamente, welche den Tieren verabreicht werden, landen früher oder später über die Fäkalien der Tiere wieder in der Umwelt. Die Langzeitfolgen davon sind bis heute noch kaum absehbar und ich stelle sie mir auch nicht gerne vor.

Fast jedes Tier, zu welchem wir gerufen werden, erhält einen Spritzencocktail. Dies erinnert mich - wie oben erwähnt - an meine Besuche beim Arzt, wo ich bei einer beispielsweise bakteriell infizierten Verletzung Entzündungshemmer und Antibiotika erhalte. Zum Glück bin ich kaum krank und verletzt, lebe nicht wie ein Schwein in einem engen Stall und muss auch keine körperlichen Höchstleistungen vollbringen.

Was ist Tierliebe?

Neben der körperlichen Höchstleistung ist ein weiterer Unterschied zum Menschen, den ich beobachten kann, der weniger sanfte Umgang: niemand spricht mit dem Tier, kaum jemand streichelt es oder schenkt ihm sonst als Lebewesen soziale Beachtung. Spurt es nicht, wird es geschubst, erhält einen Klaps (vom Tierarzt, aber sehr selektiv) und gekickt (vom Bauern, in dem Moment überfordert mit der Situation).
Allgemein fällt mir die Abfertigung der kranken Tiere auf. Es bleibt keine Zeit, länger auf die Tiere selbst einzugehen. Der Tierarzt muss gleich wieder weiter, da sein Arbeitstag vollgepackt ist und er nicht zu teuer werden kann durch eine lange Aufenthaltsdauer.

Beim Umgang der Bauern mit den Tieren fällt eine stark ausgeprägte Tierliebe auf, welche mich sehr erstaunt. Es ist eine Art Schwebezustand zwischen grosser Tierverbundenheit und zu wahrender Distanz. Der Bauer pendelt zwischen extremer Hingabe an seine Tiere und wirtschaftlicher Abhängigkeit von ihrem Nutzen.

Mir persönlich ist am Ende des Tages klar geworden, dass jeder seine Aufgabe in diesem grossen System der Nutztierhaltung erfüllt. Alle Beteiligten – ob Tierarzt oder Bauer – wirken innerhalb dieser Regeln so gut es ihnen möglich ist. Ich respektiere das so gut ich kann.

Als Veganerin ist es für mich eine Erleichterung, mit gutem Gewissen kein Teil dieses Systems mehr sein zu müssen.

Liliane Bürli