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SVV-Gespräch mit Jean Ziegler:

«Die vegetarische Information ist eine Waffe des Widerstandes»

Anlässlich seines neu erschienenen Buches haben wir Jean Ziegler zum Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Welthunger befragt.

Jean Ziegler, Foto von J. Revillard


Renato Pichler: Gratulation zum neuen Buch: «Wir lassen sie verhungern – Die Massenvernichtung in der Dritten Welt». Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen dem Welthunger und der vegetarischen Ernährung?

Jean Ziegler: Die Weltgetreideernte beträgt in normalen Zeiten ungefähr 2 Milliarden Tonnen. Von den 2 Milliarden gehen 500 Millionen, also ein Viertel, weg für das Futter in der Intensivhaltung von Schlachtvieh. Das ist eine totale Absurdität! Einerseits fördert dies den Hunger in der Dritten Welt. Und andererseits steigen bei uns massiv die kardiovaskulären Krankheiten, die auf den Fleischkonsum zurückgehen. Auch andere schwere Gesundheitsschäden, die hier wiederum unglaubliche Gesundheitskosten verursachen. Vegetarismus ist ganz sicher eine effiziente Waffe, um gegen das tägliche Massaker des Hungers unserer Mitmenschen zu kämpfen.

In den Medien hört man mehr über das Biosprit-Problem. Vom Fleischkonsum wird weniger geredet, wenn es um den Hunger in der Welt geht. Worauf führen Sie das zurück?

Ganz sicher sind die Nahrungsmittel- und Fleischkonzerne dafür verantwortlich, die eine unglaubliche politische, ideologische und ökonomische Macht haben. Und die Medien sind sehr anfällig für deren Einflussnahme, besonders jetzt in der Krise.

Der Schweizer Wohlstand scheint ein Vorbild für viele Nationen zu sein. Gilt dies auch für unsere Ernährung? Denken Sie, dass ein starker vegetarischer Trend in der Schweiz Vorbildwirkung auf ärmere Länder haben könnte?

Ganz sicher. Die Schweiz hat erstens ein grosses internationales Prestige. Und wenn sich hier die gesellschaftlichen Gegebenheiten ändern würden, sprich ein deutliches Zeichen gegen den Fleischkonsum und für die vegetarische Ernährung gesetzt würde, dann wäre das ganz sicher ein internationales Zeichen, das gehört würde.

Der Fleischkonsum hat gemäss der Welternährungsorganisation (FAO) von allen persönlichen Handlungen den grössten Einfluss auf das Klima. Dennoch wird die Reduzierung des Fleischkonsums von der FAO nicht als Lösungsansatz in Erwägung gezogen. Weshalb?

In der FAO sind es besonders die grossen fleischproduzierenden Länder wie Brasilien, Argentinien usw., die einen ganz entscheidenden Einfluss haben. Insbesondere der neue FAO-Generaldirektor ist ein Brasilianer und war früher Kontinentaldirektor für Lateinamerika für die FAO, und da spielt die politische Einflussnahme eine grosse Rolle.
Die Nahrungsmittelindustrie ist, das sagt auch die Weltbank, die am besten organisierte Industrie noch vor der Erdölindustrie und allen anderen Industrien. Lobbymässig ist sie die gesellschaftspolitisch einflussreichste Interessengruppe.

Durch die Viehhaltung, insbesondere aber auch die Haltung von Ziegenherden in Afrika wird die Versteppung begünstigt, was langfristig die Ernährungssicherheit gefährdet. Ist dies in der UNO ein Thema?

10 Millionen Hektar bebaubarer Boden verstauben jedes Jahr. Die Sahara schreitet jedes Jahr 5 km mehr nach Süden vor. Schon heute zählt die UNO in Afrika 35 Millionen sogenannte ökologische Flüchtlinge. Diese Flüchtlinge sind nicht der UNO-Flüchtlingskonvention von 1951 unterworfen, weil sie nicht aus rassistischen, religiösen oder politischen Gründen verfolgt werden. Diese Flüchtlinge verlassen ihre Dörfer, weil deren Böden verdorrt sind. Beispielsweise im Horn von Afrika, wo eine 5-jährige Trockenheit herrscht. Der Grundwasserspiegel liegt dort 50–60 m tief. Das Wasser kann mit der traditionellen Seil- und Eimertechnik nicht mehr gefördert werden. Der Boden ist dort so hart wie Beton und mit letzter Kraft gehen die Menschen weg. Sie flüchten von dort in die Slums der Küstenstädte. Dort herrschen Kinderprostitution, permanente Arbeitslosigkeit, Unterernährung, zerstörte Familien. Das ist eine grosse menschliche Tragödie.

Die eigentliche Ursache dafür wird aber nie thematisiert.

Nein, das wird sie nicht. Sie wird einfach objektiv als Klimaauswirkung benannt, aber tatsächlich wird der Boden durch die intensive Tierhaltung geschädigt. Oder was auch absolut tabu, aber bekannt ist: Der Krieg in Darfur ist ein Krieg um Wasser, insbesondere zwischen den Nomaden und den Bauernvölkern. Auch der nord-malische Konflikt hat diese Dimension zwischen den Nomadenvölkern des linken Nigerufers und den Bauern entlang der fruchtbaren Uferzone. Das ist ein struktureller Konflikt zwischen der Tierherden haltenden Bevölkerung im Niger zum Beispiel (22 Mio. Tiere [weisse Kamele, Ziegen usw.]). Das Problem der Naturverwüstung und bodenschädigenden massiven Tierhaltung wird kaum je erwähnt.

Nicht nur in Afrika, sondern auch in Industrienationen spürt man die negativen Auswirkungen der Fleischproduktion (Senkung der Grundwasserspiegel). Weshalb wird diese sich anbahnende Katastrophe nicht mehr öffentlich diskutiert und stattdessen nur der Biosprit für den Welthunger verantwortlich gemacht?

Für die Herstellung von Biosprit braucht es sehr viel Wasser. Ein Liter Ethanol braucht 4000 Liter Wasser. Die Grosskonzerne, die auf die Wasserprivatisierung aus sind, bekämpfen den Biosprit. Es ist nicht deren Anliegen, dass weniger Nahrungsmittel verbrannt werden, um gegen den Hunger zu kämpfen. In Wirklichkeit geht es um die Wasserprivatisierung, von der sie sich neue Riesenprofite versprechen.

In den letzten Jahrzehnten haben wir gesehen, dass alle Probleme eigentlich nicht neu sind, aber es wird immer alles gravierender. Wie sehen Sie die Zukunft der Gesellschaft?

Ich sehe das ähnlich wie bei der Titanic im April 1912. Die sank ganz langsam über 8 Stunden und während im unteren Deck die Menschen schon ertranken, tanzten oben noch die Reichen. Das ist das perfekte Bild dessen, was wir jetzt erleben. Die vorläufig Verschonten, das sind wir in den Herrschaftsländern, die tanzen und verschwenden fröhlich weiter. Alle 5 Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren. Das sind FAO-Zahlen. 57 000 Menschen sterben jeden Tag an Hunger und fast eine Milliarde Menschen sind schwerst permanent unterernährt.
Das tägliche Massaker des Hungers ist menschengemacht und kann von Menschen aus der Welt geschafft werden. Vegetarier sind Widerstandskämpfer. Die vegetarische Information ist eine Waffe des Widerstandes, eine Alarmglocke gegen diese Situation, und da ist die Hoffnung, dass der Aufstand des Gewissens kommt. Die Staaten sind dem Finanzkapital unterworfen und dessen Interessen. Aber die neu entstehende Zivilgesellschaft, das neue historische Subjekt – Greenpeace, Attac, die Vegetarierbewegung u.a. – schafft ein immer breiteres Bewusstsein. In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht, wir können verfassungsmässig alles tun, um diese kannibalische Weltordnung zu brechen.

Und trotzdem kann die Bevölkerung vor Abstimmungen beeinflusst werden.

Auf jeden Fall. Aber was ich jetzt ganz nah erlebe: Die JUSO-Initiative gegen die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel wird unglaublich intensiv unterzeichnet. Und den Kampf können wir gewinnen. Ich bin so besorgt wie Sie, was die tatsächlich erlebte Realität angeht. Aber ich bin sehr hoffnungsvoll, was die Bewusstseinswerdung betrifft.

Sie denken also, dass die Veränderung von der Basis herkommen muss?

Nur!

Das ist sicher ein guter Ansatz, denn die Ernährung kann jeder bei sich persönlich ändern.

Haargenau! Auch das Kaufverhalten. Es gibt im europäischen Raum die Transparenzpflicht, was z.B. gentechnisch veränderte Nahrung betrifft. Und wenn diese Produkte nicht gekauft werden, bekommen mächtige Konzerne wie z.B. Monsanto Probleme. Die sind auf uns als Käufer angewiesen. Und wir können fairtrade kaufen. Wir können jeden gegensaisonalen Konsum verweigern.
Da haben Sie absolut recht, wir als Konsumenten haben da eine ganz grosse entscheidende Macht, wenn wir uns dieser Macht bewusst werden.
Aber ich wiederhole es: Als Bürger und Bürgerinnen einer Demokratie können wir unmittelbar und friedlich entscheidende Strukturreformen durchsetzen.
Der französische Schriftsteller George Bernanos schreibt: «Gott hat keine anderen Hände als die unseren.» Entweder wir brechen diese kannibalische Weltordnung oder sonst tut es niemand.

Vielen Dank, Herr Ziegler, für dieses interessante Gespräch.

Renato Pichler

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