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Staatliche Finanzierung für Antibiotika

Interpharma1 möchte staatliche Unterstützung, um neue Antibiotika zu entwickeln. Dies deshalb, weil das Geschäft zu wenig rentiert, aber neue Antibiotika dringend nötig werden, um alte zu ersetzen, die wirkungslos wurden. Ist diese Forderung gerechtfertigt?

Neben besserer Hygiene (insbesondere sauberes Trinkwasser/Kanalisationen) haben hauptsächlich Antibiotika zur heutigen höheren Lebenserwartung beigetragen.
Alleine in Europa sterben heute jedoch nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation rund 25000 Menschen pro Jahr, weil die bisherigen Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirkten.
In den letzten 30 Jahren sind nur gerade zwei neue Klassen von Antibiotika entwickelt worden.
Aber immer mehr der bisherigen verlieren ihre Wirkung gegen die neuartigen Bakterien.

2011 verabreichten Schweizer Bauern ihren Tieren 62 Tonnen Antibiotika. (Information des Bundesrates)

Woher kommen diese neuen multiresistenten Bakterien?

Der Hauptursprung der resistenten Bakterien ist unter Experten längst kein Geheimnis mehr: Ställe der Fleisch-, Milch- und Eierproduzenten.
In der heutigen Massenproduktion werden die Tiere meist vorsorglich mit Antibiotika gefüttert, damit sie bis zum Termin im Schlachthof am Leben bleiben.
In den USA zeigten die neusten Zahlen, dass rund 80% aller eingesetzten Antibiotika nicht für die Behandlung von erkrankten Menschen, sondern für die Gewinnmaximierung der Tierindustrie eingesetzt werden. In der Schweiz ist die Antibiotikaabgabe an Nutztiere zwar stark eingeschränkt. Da die Tierärzte jedoch einen erheblichen Anteil ihres Einkommens aus dem Medikamentenverkauf erwirtschaften, ist das Interesse, diese Einschränkung zu umgehen, sehr gross.
In den USA enthalten heute bereits rund 95% aller Poulets im Verkauf die krankmachenden Campylobacter-Bakterien. Davon ent­hält rund die Hälfte antibiotikaresistente Campylobacter-Bakterien. Und drei Viertel der Salmonellen in Hühnerbrüsten waren zumindest gegen ein Antibiotikum resistent.
In den vergangenen 10 Jahren nahm der Antibiotikaeinsatz in der Nutztierindustrie auch in den USA von Jahr zu Jahr zu.
Zum Beispiel ging der Fleischkonsum 2010 in den USA um 0,2% zurück, der Antibiotikaeinsatz in der Fleischproduktion stieg jedoch um 2%.

«Kälbermast [in Grossbetrieben] ist heute ohne Antibiotika gar nicht mehr möglich.»
Beat Mühlethaler, Geschäftsführer Kälbermastorganisation «Univo»

Bakterienverseuchtes Fleisch: auch in der Schweiz üblich

Jedes dritte Poulet in der Schweiz ist mit den Campylobakter-Bakterien verseucht. Es wird geschätzt, dass jährlich über 80000 Personen deswegen erkranken.2 Tendenz steigend. Wenn die vorhandenen Antibiotika nicht mehr wirken, kommen nebst Durchfall, Krämpfen, Erbrechen und Fieber auch immer mehr Todesfälle als Folge der Infektionen hinzu. Denn ausser wenigen Anti­biotika hat die Schulmedizin nichts, womit sie die Bakterien bekämpfen könnte.
Doch auch bei den gefährlichen E.-coli-Bakterien sieht es schlecht aus. 2011 hat man untersucht, wie hoch der Anteil der E.-coli-Bakterien ist, die gegen die wichtigsten Antibiotikastämme resistent sind. Das Resultat war alarmierend: 32,6% der Mastpouletherden, 7,4% der Schweine und 8,6% der Rinder enthielten solche gefährlichen E.-coli-Bakterien.3

Tricks der Pharmalobby

Wie kommt es, dass Interpharma am 4. Februar 2013 verkünden konnte, dass der Anteil an Medikamentenausgaben im Schweizer Gesundheitswesen gesunken sei?
Dies hat zwei Gründe: Erstens sind die Gesamtkosten im Gesundheitswesen auch gestiegen. Zweitens hat Interpharma die Statistik so manipuliert, dass sie die besonders teuren Medikamente, die in Spitälern verabreicht werden, zu den «stationären Behandlungs-kosten» gezählt hat.

90% der Schweizer Kälber erhalten Antibiotika.4

Braucht die Pharma Geld?

Die Pharmaindustrie, welche den Staat um mehr Geld anbettelt, kann wahrlich nicht als bedürftig angesehen werden. Beispiel Novartis: Gewinn 2012: 9,6 Milliarden Dollar (4% plus gegenüber 2012 bei gleichem Umsatz).
Medikamentenmarkt Schweiz: 2012 Umsatzzunahme um 2,2% auf über 5 Milliarden Franken bei einer Abnahme der Anzahl Medikamentenpackungen von 0,8% (auf 208 Millionen Einheiten).
Im Durchschnitt erhielt 2012 jeder Einwohner der Schweiz rund 8 Medikamente von Ärzten verordnet.
Die Menschen und Tiere werden immer kränker und die Pharmaindustrie wird immer reicher.
Wenn es nun darum geht, wirkungsvolle wichtige Medikamente zu entwickeln, muss der Staat der Pharmaindustrie unter die Arme greifen? Schliesslich rentiert ein Medikament, das eine kranke Person gesund macht, lange nicht so wie eines, das nur ein Symptom behandelt und den Patienten krank bleiben lässt (Diabetesmedikamente, Blutdrucksenker etc.).
Ausserdem hat die Pharmaindustrie nach wie vor grosses Interesse daran, dass ihre Antibiotika möglichst oft verkauft werden (egal ob für Mensch oder Tier). Eine Einschränkung des Antibiotikaeinsatzes in der Tierwirtschaft könnte die Pharmaindustrie sofort mit ihrem hohen Werbebudget verhindern.
Apropos: Es ist bemerkenswert, dass die Pharmaindustrie mehr Geld für Werbung ausgibt als für die Entwicklung von Medikamenten.
Bleibt zu hoffen, dass das BAG den Erpressungsversuchen der Pharmaindustrie standhält.

Renato Pichler

Fussnoten:

  1. Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz
  2. K-Tipp Nr. 3, 13.2.2013: Immer mehr Infektionen – Verseuchte Poulets: Zehntausende erkrankte Personen im letzten Jahr
  3. Bundesamt für Veterinärwesen, 10. 9.2012: Antibiotika in der Veterinärmedizin: weniger Verkäufe – Situation bei Resistenzen weiterhin kritisch
  4. www.vegetarismus.ch/heft/2004-2/antibiotika.htm