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Vegetarier behandeln Fleischesser von oben herab

Behauptung: «Vegetarier möchten mit ihrer Überzeugung ständig missionieren und verurteilen mein Verhalten.»

«Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg.» Welcher Vegi hat diesen Spruch nicht schon über sich ergehen lassen müssen. Wissenschaftler haben nun untersucht, was hinter dieser mässig witzigen Äusserung tatsächlich steckt: «Fleischesser hätten oft das Gefühl, dass Vegetarier sie moralisch verurteilten und fühlten sich zu schlechten Menschen degradiert. Und Attacken auf ihr positives Selbstbild wehren Menschen ab, indem sie Angreifer lächerlich machen.» Zu dieser Erklärung kamen Julia Minson von der Universität Pennsylvania und Benoît Monin von der Universität Stanford.1

Unangenehme Vegetarier

Oftmals genügt bereits die blosse Anwesenheit eines Vegetariers, um bei Fleischessern eine innerliche Abwehrreaktion auszulösen. Vegetarier müssen nicht einmal penetrant mit ihrer Entscheidung hausieren gehen, allein dadurch, dass sie ein lebendes Beispiel dafür sind, dass es möglich ist, ohne Fleisch oder sogar ganz ohne tierische Produkte zu leben, kann ein Fleischesser sich in seiner persönlichen moralischen Überzeugung angegriffen fühlen. Auf dieses Gefühl reagiert er nicht selten, indem er die Lebensweise des Vegetariers ins Lächerliche zieht oder indem er seine Ansicht rechtfertigt – ohne dass er überhaupt darauf angesprochen wurde.
Es ist also nicht das Verhalten des Vegetariers, das für Spannung sorgt, sondern das Unterbewusstsein des Fleischessers, das sich bemerkbar macht. Instinktiv spüren viele Fleischesser, dass sich das Töten von Tieren für den Fleischkonsum eigentlich nicht mit dem Gewissen vereinbaren lässt. Um trotzdem Fleisch essen zu können, muss dieser innerliche Widerspruch aufgelöst werden. Bereits Kinder werden mit diesem Thema konfrontiert, sobald ihnen klar wird, dass das Fleisch auf dem Teller einmal ein lebendiges Tier war. Ihnen wird beigebracht, dass Fleischessen normal und notwendig sei, um gesund zu bleiben. Mit dieser Begründung gibt man sich oft zufrieden und lebt in der Überzeugung, dass demnach eine vegetarische Ernährung überhaupt nicht möglich, sprich ungesund, unnatürlich sei. Die Gegenwart eines vegetarisch lebenden Menschen spricht dieses Gedankenmuster an und löst nicht selten eine Verteidigungsreaktion aus, da sie mit der eigenen Überzeugung nicht in Übereinstimmung steht. Denn ganz offensichtlich ist es doch möglich, sich problemlos vegetarisch zu ernähren.

Das Fleisch-Paradoxon

Der Psychologe Bastian Brock hat sich mit diesem Widerspruch, dem sogenannten «Fleisch-Paradoxon» auseinandergesetzt. Warum geniessen Menschen Fleisch und empfinden gleichzeitig Zuneigung zu Tieren?
Sein Ergebnis der Forschung war, dass grundsätzlich Tier und Steak in der Vorstellung getrennt werden. Zudem erscheint die Fleischeslust bei vielen damit gerechtfertigt, dass die geistigen Fähigkeiten von Tieren als sehr gering gelten. Dass zum Beispiel Schweine bekanntermassen ebenso schlau sind wie Hunde – die wir hierzulande nie essen würden –, können die Fleischesser laut dem Psychologen jedoch verdrängen.

Natürlich, es gibt auch die Fleischesser, die wissen, was hinter dem Steak steckt. Ihnen ist durchaus bewusst, woher das Fleisch auf ihrem Teller kommt und dass es vorher getötet werden muss. Diese Fleischesser, die sich offensichtlich mit dem Töten des Tieres auseinandersetzen und auch selber Hand anlegen würden, sind aber ganz klar in der Minderheit. Die Mehrheit isst Fleisch einfach deshalb, weil es ihr schmeckt. Die weitreichenden Konsequenzen, die dieser Gaumenkitzel aber mit sich bringt, müssen vom Unterbewusstsein verdrängt werden. Nebst dem Gefühl des moralischen Angriffs ist es demnach auch die Auseinandersetzung mit dem Töten des Tieres, weshalb sich viele Fleischesser in der Nähe von Vegetariern unbehaglich fühlen. Dieser Zwiespalt, Tiere einerseits zu lieben und sie trotzdem zu töten und aufzuessen, ist es, der bei Fleischessern für Unbehagen sorgt.

Bernadette Raschle

  1. (veröffentlicht in Social Psychological and Personality Science, Bd. 3, S. 200, 2012)