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Vegetarische Ernährung an französischen Schulen verboten

Was wäre Ihr erster Gedanke, wenn man Sie zwingen würde, das Fleisch eines soeben getöteten Freundes zu essen? In solchen Situationen wird oft George Bernard Shaw zitiert, der sagen würde: «Tiere sind meine Freunde; meine Freunde esse ich nicht.» Obschon dies zweifellos nur eine Metapher war, gibt es viele Vegetarier, die keine Tiere essen, weil diese für sie Wesen sind, die ihnen selbst ähnlich sind und nahestehen. Tiere also, die, wie Menschen auch, leben wollten und die zu Unrecht für den Fleischkonsum getötet wurden. Menschen zum Fleischessen zwingen zu wollen, ist demnach eine Vergewaltigung ihrer Überzeugungsfreiheit sowie ihrer physischen, emotionalen und ethischen Integrität.

In Frankreich hat die Regierung in diesen Belangen bei den Kindern angefangen. Durch Erlass des Dekrets vom 30. September 2011 sind nun alle schulischen Kantinen und Mensen dazu verpflichtet, bei mindestens 8 von 20 aufeinanderfolgenden Mahlzeiten Fleisch oder Fisch aufzutischen – und zwar allen Schülern.1 In Frankreich wird generell von den Schülern erwartet, dass sie wenigstens ein bisschen von jedem Gericht essen. Dabei ist es den Schülern in den meisten Fällen nicht gestattet, ihr eigenes Essen mit in die Kantine zu nehmen. Folglich werden Familien, die ihre Kinder zu Mittag nicht nach Hause holen können, nahezu zum Fleischverzehr gezwungen.2
Bereits vor Erlass dieses Dekrets waren sie eine Seltenheit, die Kantinen, welche ihren Schülern eine fleischlose Alternative (nie eine rein pflanzliche) anboten. Ihre Zahl war jedoch leicht ansteigend. Auch diese wenigen Betriebe mussten dieses Angebot nun einstellen.

Das «Gesetz zur Modernisierung der Landwirtschaft und der Fischerei», das im Juli 2010 durch das Parlament verabschiedet worden war, beauftragt die Regierung, ähnliche Dekrete für einen Grossteil der kollektiven Restaurant-Betriebe aufzunehmen – von Kindergärten über Uni-Mensen, Krankenhäuser und Gefängnisse bis hin zu Altersheimen. So kann Schritt für Schritt sichergestellt werden, dass sich das Verbot des Vegetarismus über weite Teile der Bevölkerung ausbreiten wird.
Das offizielle Credo dieser Massnahmen lautet «Ausgewogene Ernährung». In Frankreich verbreitet die Gesundheitsbehörde seit mehreren Jahren auf systematische Weise Vegetarier- und Veganer-feindliche Nachrichten. So kann beispielsweise eine Person, die sich gerne über die vegane Ernährung informieren möchte, auf der staatlichen Ernährungshomepage www.mangerbouger.fr als einzigen Ratschlag dazu lesen: «Entscheide dich auf gar keinen Fall für diese Ernährungsform!»3 Anstelle praktischer Ernährungsberatungen werden Risiken systematisch übertrieben dargestellt, ohne jedoch die wesentlichen Grundsätze zur Vermeidung dieser Risiken vorzustellen. Auf diese Grundlage bezieht sich denn auch das Dekret des 30. Septembers, das Fleisch- und Fischkonsum vorschreibt zur «Gewährleistung einer ausreichenden Zufuhr an Eisen und Spurenelementen». Im Gegensatz dazu wird die vegetarische und vegane Ernährung in vielen anderen Ländern als gesundheitsfördernd für jedes Lebensalter gutgeheissen; Vegetarier und Veganer erhalten eine angemessene Ernährungsberatung wie alle anderen. In Gastro-Betrieben sind tägliche vegetarische und oft sogar vegane Alternativen eine Selbstverständlichkeit.4 Umso mehr drängt sich natürlich die Frage auf, wieso dies nicht auch in Frankreich möglich sein sollte.

Die vegetarische Ernährung illegalisieren bedeutet eine starke symbolische Resonanz, wodurch vegetarisch lebende Menschen gesellschaftlich marginalisiert werden können. Und doch: Es gibt sie sehr wohl, die Debatte über die ethische und politische Stellung der Tiere. Sie hat vor Kurzem auch Frankreich erreicht, wie der Erfolg mehrerer zum Thema erschienenen Bücher zeigt, darunter auch Jonathan Safran Foers Werk Faut-il manger les animaux? (deutsche Übersetzung: Tiere essen). Dieser öffentlichen Meinungsdebatte scheint nun eine Antwort gegenüberzustehen: Ja, man soll Tiere essen, man muss es sogar. Im Namen des Gesetzes. Geradezu klassisch kommt diese altbekannte Verfahrensweise daher: Im Namen der öffentlichen Gesundheit wird ein ethischer Diskurs durch einen technischen Nicht-Diskurs ersetzt, der vorgibt, sich auf eine namhafte, objektive Wissenschaft zu berufen, in Tat und Wahrheit jedoch nur ideologischen Vorurteilen folgt und industriellem Druck nachgibt.

Die direkt Betroffenen solcher Massnahmen sind die Vegetarier. Betroffen ist aber beispielsweise auch das Kind, das sich über das Thema Gedanken macht und dessen Überlegungen somit einfach ignoriert werden, weil es gemäss gesetzlicher Regelung gefährlich und verboten ist, keine Tiere zu essen. Betroffen in grösserem Zusammenhang auch die Überzeugungsfreiheit als Prinzip sowie die Debatte-Freiheit der gesamten französischen Bevölkerung. Noch schwerwiegender betroffen von diesem Dekret sind jedoch die direkten Opfer: jene Tiere, die weiterhin zu Tausenden gezüchtet, geschlachtet und gegessen werden. Dies alles aus dem einzigen Grund, weil das Hinterfragen dieses grossen Massakers nun wissenschaftlich unmöglich gemacht wird und diejenigen, die dies gleichwohl tun möchten, marginalisiert oder kriminalisiert werden.5

David Olivier
Übersetzt aus dem französischen von Olivia Villard

Fussnoten:
  1. Das Dekret betrifft alle öffentlichen schulischen Kantinen, staatliche sowie private. Betrieben mit weniger als 80 Gedecken wird eine Anpassungsfrist gewährt. Mindestens 8 von 20 aufeinanderfolgenden Mahlzeiten müssen je Fleisch oder Fisch beinhalten. In jeder Mahlzeit muss zusätzlich zum Hauptgang ein Milchprodukt enthalten sein. Der Hauptgang soll eiweissreich sein, wobei als Eiweisse nur tierische Eiweisse definiert werden (aus Fleisch, Fisch, Eiern oder Käse). Siehe die entsprechenden Passagen der Gesetzgebung auf der Seite der ICDV:tinyurl.com/vegesinterditsenfrance tinyurl.com/BanOfVegetarianismInFrance.
  2. An den meisten Tagen findet der Unterricht morgens und nachmittags statt, mit einer relativ kurzen Pause um die Mittagszeit. 6 Millionen Schüler essen regelmässig in Schulkantinen.
  3. Jugendführer «J'aime manger, j'aime bouger» als PDF auf mangerbouger.fr.
  4. Siehe z.B. den italienischen Artikel «Proteine animali nei menù scolastici – Vegetariani francesi contro il governo», erschienen in der Ausgabe 7. November der Tageszeitung Il fatto quotidiano.
  5. Da die vegane Ernährungsform für alle Lebensalter und besonders für die Kindheit als gefährlich betrachtet wird, werden vegan lebende Familien in Frankreich kontinuierlich bedroht, indem man sie als Misshandelnde deklariert.