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Eine Veganerin im Schlachthof

Für die angehende Tierärztin «Vega»1 besteht ein Teil des Studiums darin, ein Praktikum in einem Schlachthof zu machen. Die Veganerin hat ihre Erfahrungen während dieser Zeit in einem Tagebuch festgehalten. Die ausführlichen Schilderungen ermöglichen nicht nur einen tieferen Einblick in den Ablauf einer gewöhnlichen Schlachterei, sondern auch in die Gedanken der Menschen, die diese blutige Arbeit täglich verrichten.

Schwein1. Tag

Beim Schlachthof angekommen, frage ich nach dem Weg zum Büro, wo ich mich melden soll. Nachdem ich umgezogen bin, beginnt zusammen mit dem Tierarzt der Rundgang. Alles riecht nach Tod und Blut.

Zuerst geht es zu den Schweinen. Wir beginnen natürlich vorne, wo die Tiere betäubt und geschlachtet werden. Die Tiere hier werden mit CO2 betäubt und müssen dazu in eine Gondel. Natürlich wollen sie da nicht rein. Also wird auf sie eingeschlagen. Der Tierarzt erklärt, was da passiert.

Als Nächstes werden die Tiere entblutet. Dann werden die Schweine gebrüht, das Horn von den Klauen löst sich dabei. Danach werden die Borsten abgebrannt und die Tiere ausgenommen und mit einer riesigen Säge in 2 Teile geteilt. 200 Tiere pro Stunde müssen so sterben.
Weiter geht es zu den Rindern. Heute wird Hallahl geschlachtet, es wird nur anders geschnitten als bei der konventionellen Schlachtung. Betäubt wird mit dem Bolzenschussgerät. Ich sehe, wie das Tier zusammensackt. An der anderen Seite fällt es heraus, wird aufgehängt und ihm werden die Halsschlagadern aufgeschlitzt. Das nächste Rind wartet schon und bekommt alles mit. Ein Rind fängt nochmal an zu zappeln. Damit das Blut besser herausfliesst, werden noch Elektroden angebracht. Unter den Tieren ist eine riesige Blutlache.
Dann werden die Köpfe der Tiere abgetrennt und parallel zu den Körpern «bearbeitet». Die Beine zählen als Risikomaterial und werden mit einer grossen Zange abgetrennt. Die Tiere werden nun ausgeweidet und das Fell wird ihnen in Sekundenschnelle mit einer Maschine abgezogen.

Dann bin ich im Trichinenlabor. Hier werden Fleischstücke abgekocht und untersucht. Es riecht einfach nur widerlich. Im Hintergrund der Lärm der Schlachterei. Zwischendrin fällt der Strom aus. Es springen keine Notaggregate an. Was wohl jetzt vorne mit den Tieren passiert? Was, wenn sie wieder aufwachen und man nichts machen kann? Es dauert fast 15 Minuten, bis es wieder hell wird.
Heute wurden insgesamt 4000 Tiere geschlachtet.

2. Tag

Um 7.30 Uhr komme ich beim Schlachthof an. Wir gehen in die Schweinehalle. Heute muss ich dahin, wo Herz, Lunge und Leber hängen. Meine Aufgabe für die nächste Stunde ist es, die Gallenblase zu entfernen. Quasi als Übung zum Warmwerden.
Ausser den Kettenhandschuhen trägt man keine Handschuhe. Zuerst schneidet man an der Gallenblase ein Stück hoch und reisst sie dann mit der freien Hand nach unten ab. Schnell sind meine Hände voll Blut und Fett aus der Leber. Nicht immer schaffe ich es rechtzeitig. Ich habe nur 5 Sekunden dafür Zeit. Die anderen am Band geben mir Tipps und loben mich. Aber das macht es für mich nicht gerade besser. Ich fühle mich schuldig für das, was ich hier mache.

Ich schneide 3 Stunden lang Gallenblasen ab oder Herzen auf. Überall ist Blut. Ich sehe kaum Organe, die nicht krankhaft verändert sind. Viele Lungen sind mit Blut gefüllt. Das Tier hat also sein eigenes Blut eingeatmet. Einige Herzbeutel sind entzündet, fast alle Lungen haben Abszesse oder alte Entzündungen und landen im Müll. Irgendwann schaltet man innerlich ab. Man steht nur da und arbeitet.
Später weist man mir meinen neuen Platz zu. Ich muss die Nieren überprüfen, den Rachenring wegschneiden und die Mandibular-Lymphknoten anschneiden. Und das alles in weniger als 15 Sekunden. Zum Anfang muss ich auch nur eine Hälfte machen. Es bleibt kaum Zeit, um auf andere Dinge zu achten. Als Nächstes muss ich für die Trichinenproben Fleisch mit einer Zange entnehmen. Um 14.30 Uhr kommt die Hallentierärztin und schickt mich heim.

3. Tag

Heute Morgen stehe ich wieder am Band. 5 Stunden lang.
Es werden Proben für die Trichinen genommen und noch einmal alle angeschaut. Auch hier wieder wenig Zeit.

Am dritten Platz läuft das Band mit Herz, Lunge und Leber. Fast alle Lebern haben Parasiten und werden weggeworfen. Was an der Lunge nicht gut aussieht, wird abgetrennt. Der Rest wird zu Hundefutter verarbeitet oder ins Ausland verschifft.

Ich hatte heute Blut im Gesicht und auf den Armen verteilt. Den Geruch bekomme ich auch nach mehrmaligem Waschen nur schwer wieder weg.

Kuh4. Tag

Der letzte Tag der ersten Woche. Heute muss ich nicht ans Band. Ich begleite den Tierarzt, der bei 5 Tieren die sogenannte Kochprobe macht, wobei der Geruch des gekochten Fleisches beurteilt wird. Davor wurden die Tiere ausgemustert. Ansonsten bleibe ich heute im Büro und lese Gesetzestexte zur Fleischhygiene.

Ab Montag muss ich für 2–3 Tage in den Stall. Das heisst, die Tiere bei ihrer Ankunft und vor ihrer Schlachtung sehen.

5. Tag

Heute geht es also in die Ställe. Um 7.30 Uhr bin ich da und suche die zuständige Tierärztin. Sie erklärt mir kurz, was sie sich alles aufschreibt. Sobald ein Transporter mit Tieren ankommt, füllt sie die Tabelle aus. Noch bevor sie die Tiere überhaupt gesehen hat, werden sie für gesund und schlachttauglich befunden. Überhaupt werden fast alle Tiere als gesund befunden, wenn sie nicht gerade reingetragen werden müssen. Als gesund gelten sie auch dann, wenn sie nur auf 3 Beinen gehen oder riesige Umfangsvermehrungen an den Beinen haben.

Die Rinder, die ankommen, sind voller Panik. Kein Wunder: neuer Ort, Transportstress, Hitze, fremde Tiere und der Geruch nach Tod.
Auch bei den Schweinen läuft es nicht besser ab. Die Tiere sind recht neugierig und würden gerne die Gegend abschnüffeln. Stattdessen werden sie mit Schlägen in die Boxen getrieben. Hier stehen oder liegen die Tiere dicht an dicht. Teilweise sogar übereinander, weil kein Platz ist. Einige schauen mich traurig an; ihre Augen sind blau, andere braun. Weiter hinten werden die Tiere zur Schlachtung getrieben. Wieder mit vielen Schlägen. Die Schweine quieken panisch. Es ist hier so laut, dass man kaum sein eigenes Wort versteht.

Draussen ist es sehr heiss. Die Hitze staut sich in den Anhängern; in einem von ihnen liegen 2 Kühe fest. Sie atmen schwer und kommen nicht hoch. Mit etwas Wasser werden sie abgespritzt. Die anderen Kühe werden über sie hinweggetrieben. Der Lieferant hat einen elektrischen Kuhtreiber. «Ist das nicht verboten?», frage ich die Tierärztin. «Eigentlich schon», sagt sie. Das ist die einzige Reaktion auf meine Frage. Keine Konsequenzen.
Später sehe ich, dass zum Treiben der Tiere in Richtung Betäubungsstand ebenfalls diese Methode angewendet wird, obwohl es verboten ist.
Tiere aus biologischer Haltung landen hier ebenfalls. Ihnen ergeht es nicht besser.

Im Laufe des Tages höre ich viele Entschuldigungen und Phrasen, warum die Menschen hier arbeiten. «Das ist die Realität.» – «Irgendwer muss es ja machen.» – «Wir sind deswegen ja keine schlechten Menschen.» – «Keiner von uns macht das hier gerne.» – «Um hier zu arbeiten, muss man gefühllos sein.» Ob sich diese Person wohl bewusst ist, was sie soeben gesagt hat?

6. Tag

Als ich heute früh zum Stall komme, sind die Kuhställe noch alle leer. Aber so leer werden sie heute nicht bleiben.

Die ersten Bullen kommen an. Und eine «alte» Milchkuh. Sie kann kaum noch laufen, eine Klaue setzt sie gar nicht auf. Gemolken wurde sie heute wohl auch noch nicht. Das Euter ist prall gefüllt und Milch tropft heraus. Gemäss Gesetz müssen auch Schlachttiere noch regelmässig alle 12 Stunden gemolken werden. Der elektrische Viehtreiber ist auch wieder im Einsatz. Tierschutz wird hier sehr klein geschrieben.

Hahn7. Tag

Im Labor wartet der zuständige Tierarzt auf mich. Wieder erzählt er mir viel, einiges zum zweiten Mal. Auf dem Tisch liegt ein Stück Fleisch. Es gehört zur Backenmuskulatur eines Rindes. Man hat dort eine Finne gefunden, die für Menschen ansteckend ist. Werden jedoch nicht zu viele im Tier gefunden, dann wird das betroffene Fleisch «brauchbar» gemacht, indem es eingefroren wird. Anschliessend kommt es in den Handel und darf gegessen werden. Das Stück hier will der Tierarzt noch einschicken, um die Diagnose bestätigt zu bekommen. Dazu legt er es in Formalin ein, obschon Formalin hoch krebserregend ist und nicht mit der Haut in Kontakt kommen sollte.
Später geht es hinter die Kühlkammern zum Zerlegebereich. Ich sehe, wie die Tiere zersägt und weiter zerteilt werden. Jetzt sehen sie so aus, wie die meisten Leute sie nur kennen: schön verpackt in Einzelteile. Dann wird mir gezeigt, was mit den Lungen, Lebern und Herzen noch geschieht. Wenn sie einigermassen gut aussehen, landen sie im Hundefutter.
Im nächsten Kühlraum hängen Hunderte von Rinderschädeln. Die Haut wurde abgezogen, die Augen sind aber noch drin. Sie werden in einem anderen Betrieb «weiterverarbeitet», damit man das restliche Fleisch am Kopf nutzen kann.

8. Tag

Heute muss ich erst um 8 Uhr da sein. Ich ziehe mich um und gehe als Erstes ins Labor. Da heute zu wenige Leute da sind, soll ich alleine im Trichinenlabor arbeiten. Dies bedeutet für mich, den ganzen Tag mit anverdautem, gekochtem Fleisch zu hantieren.

9. Tag

Der Tierarzt teilt mir mit, dass ich heute zu den Rindern muss, um BSE-Proben zu entnehmen. Danach soll ich noch etwas Büroarbeit machen.
Wir gehen also in die Rinderhalle. Er erklärt mir, was die nächsten 2 Stunden meine Aufgabe sein wird. Die enthäuteten Rinderköpfe kommen hier bei mir an. Zuerst soll ich das Rückenmark mit dem Finger lösen. Dann führt man einen schmalen Löffel in den Hinterkopf ein und dreht ihn um. Nun muss man noch direkt am Knochen langkratzen, um das Gehirn zu lösen. Zumindest den Teil, den man für die Untersuchungen braucht. Zuerst kommen 39 Kälbchen, danach noch einige Bullen, die aber auch so jung sind, dass der BSE-Test nicht vorgeschrieben ist. An ihnen soll ich üben.
Nach 105 Tieren ist es endlich geschafft. Nun kommen die Tiere dran, bei denen der Test vorgeschrieben ist. Damit ich nicht aus Versehen die Gehirne kaputt mache, die dann nicht mehr untersucht werden könnten, muss ich gehen. Eine andere Arbeiterin weiter hinten macht die Aufgabe jetzt.
Der Chef will mir noch zeigen, wo der Abfall landet, der in die Rinnen geworfen wird. Der Schlachthof ist unterkellert. Zur Seite hin ist er aber offen, damit die Container abgeholt werden können. Das gesamte Blut, das beim Schlachten abfliesst, wird hier gesammelt. Wir stehen vor riesigen Behältern mit Blut. Zwei für die Rinder gehen bis zur Decke, also gut 4 bis 5 m hoch. Er erklärt mir, dass das Blut gekühlt wird, noch etwas Chemie zugesetzt wird, damit es nicht gerinnt. Zwei Mal pro Woche wird das Blut abgeholt. Daraus werden Wurst und Lebensmittelzusatzstoffe hergestellt.
Eine Halle weiter werden die Häute der Rinder gesammelt. «Heute sind sie nicht mehr viel wert», wird mir erklärt. Auch das Fett wird gesammelt. Daraus wird später Industriefett gemacht. Noch eine Halle weiter werden die Pansen der Rinder gesäubert und aufbereitet. Teils für den menschlichen Verzehr, teils für Hunde. Etwas weiter hinten werden die Därme der Schweine und die restlichen Mägen der Rinder gereinigt. Rinderdarm gehört zur Risikoklasse 3 und landet somit in der Biogasanlage. Alle Reste, die nicht mehr zum Essen gedacht sind, landen entweder in der Biogasanlage oder im Kompost. Aus dem Kot, der nach der Schlachtung noch in den Därmen ist, wird Erde gemacht. Teilweise wird die Gülle auch gesammelt und über die Felder gestreut.

Schaf10. Tag

Heute steht nur Büroarbeit an. Ich muss die geschlachteten Tiere auflisten, bei denen Blut genommen wurde.

11. Tag

Erst einmal ist wieder etwas Laborarbeit angesagt. Die Blutproben von gestern müssen bearbeitet werden. Später im Büro unterzeichnet der Chef meine Praktikumsbescheinigung. Er wünscht mir alles Gute und fügt noch hinzu: «Ja, hier werden gesunde Tiere geschlachtet. Aber dafür werden sie nun mal gezüchtet. Das ist die Realität!»
Ich verlasse das Gebäude und gehe zum Auto. Kaum habe ich das Gelände verlassen, fange ich an zu weinen. Aber diesmal sind es Freudentränen. Ich habe es geschafft und überstanden. Kaum zu fassen. Mindestens noch 5 Minuten sitze ich so im Auto und starre die Bescheinigung an. Für das bisschen Papier musste ich meine Seele verkaufen.
Es war das Schlimmste, was ich je durchmachen musste.

Ich wünsche diese Erfahrungen keinem. Weder Tier noch Mensch.

Fussnote:

Wir respektieren die Privatsphäre der Autorin und verwenden deshalb nicht ihren richtigen Namen.

 

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