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Nena und ihr neues Leben

Wenn ich heute in ihren Augen diesen Glanz sehe, weiss ich, dass es diese Dinge im Leben sind die es so lebenswert machen!

Alles begann im Frühling vor mehr als einem Jahr. Da lernte ich sie kennen, Nena, eine Milchkuh, unter vielen, vielen anderen.

Ich war mit Maya unterwegs zu einem Stall im Thurgau. Wir hatten den Auftrag, das schöne und das traurige Leben der sogenannten Nutztiere“ zu filmen um daraus ein paar Videoclips für Schulkinder herzustellen. Als wir zum Stall von Nena kamen, empfing uns das übliche Bild, ein gewöhnlicher Bauernhof und mit einem Milchautomaten (nicht nur) vor der Tür. Der Stall war auf der Hinterseite vom Haus. Wir hatten uns angemeldet und der Bauer lies uns herein. Ganz nebenbei fragten wir noch, ob wir evtl. ein paar Videoaufnahmen machen dürften um es den Kindern zu zeigen. Ich glaube mit der Begründung, dass die heute ja kaum mehr wissen wie es so auf einen Bauernhof aussieht.
Während ich mich bemühte, Ketten, geschwollene Beine und bis ins endlos gelangweilte Kühe mit meiner Kamera „einzufangen“, war es die Aufgabe von Maya mit dem Bauer zu sprechen, damit ich„ungestörter“ arbeiten konnte. So versuchte ich das alltägliche Bild von diesem null-acht-fünfzehn Kuhstall festzuhalten. Ein nicht sehr hoher, quadratischer Raum, vorne eine grosse Schiebetüre, links und rechts eine Reihe angebundener Kühe vor ihren Futterkrippen. In der Mitte einen paar Haufen Heu und Silofutter. Im Rücken der Tiere Fenster in Schräglage.1 Solche Ställe kannte ich schon aus meiner Kindheit. Mir kamen die Erinnerungen wieder in den Sinn wie wir damals in den Futterkrippen herumsprangen wenn die Kühe auf der Weide waren. Wie wir die Hände den Kälbchen zum saugen hinhielten und darüber lachten wie diese „schmatzten“. Damals war mir dieses Leid alles noch nicht bewusst gewesen oder ich dachte einfach es müsse so sein, weil alle so taten als wäre das eben normal. Heute kommt mir das sehr komisch vor. Wenn ich mir überlege das Leben einer solchen Milchkuh ertragen zu müssen, könnte ich mir gut vorstellen, dass ich wohl innert kürzester Zeit total verrückt wäre.

Nena im StallNena steht hier links mit dem Kopf nach unten

Täglich während 24 Stunden an Ort und Stelle zu stehen ohne sich auch nur einmal um sich selbst drehen zu können – leider noch immer ein ganz „normaler“ Alltag in vielen Kuhställen, auch hier in der Schweiz! Erst ca. 40% der Schweizer Kühe dürfen in einem Laufstall leben. Vorschriftsgemässe müssen Kühe in unserem Land zwar ab und zu von der Kette gelassen werden, aber auch nur gerade mal 90 Tage pro Jahr! Das heisst, es bleiben jährlich weitere 275 Tage ohne Bewegung! Falls der Bauer dieses absolute Grundbedürfnis nicht für „nötiger“ erachtet. Oder um es besser nachzufühlen, es bleiben legale 275 Tage x 24 Stunden, das ergibt 6600 Stunden pro Jahr, an Ort und Stelle, an Ketten angebunden! Das alleine ist schon eine unvorstellbare Qual! Diese Freiheitsberaubung ist eigentlich schon schrecklich genug, aber bei Nena war das noch längst nicht alles was sie ertragen musste! Nachdem wir eine Weile dort im Stall waren, fragten wir den Bauer ganz spontan, ob es allenfalls möglich wäre eine Geburt zu filmen. Er überlegte etwas, dann sagte er, „also diese da bekommt eines, wahrscheinlich heute Nacht.“ Er zeigte mit dem Finger auf Nena. Wir liefen zu ihr! Sie sah schon vor der Geburt total erschöpft aus und hatte einen riesen grossen Bauch. Wir fragten den Bauer ob Nena dann für die Geburt auch hier stehenbleiben würde oder ob man sie wenigstens von der Kette lassen könnte. Aber er wurde nicht mal verlegen und meinte dazu ganz locker, „ach nein, die kann das auch so, die sind sich das gewöhnt.“ Maya und ich verbragen unseren Schock da wir ja nicht als Tierschützer „auffliegen“ durften. „Und der Kuhtrainer?“ doppelten wir aber nach. „Ja, denn könnte ich allenfalls noch über Nacht abschalten, mal sehen, ob ich es nicht vergessen werde.“ Bevor wir den Stall verliessen ging ich nochmals zu Nena und sah sie an. Es graulte mir vor dem was ihr bevorstand. Und sie schien mich anzuflehen, „bitte hole mich da raus!“ Aber ich verschloss mein Herz und ihre Worte prallten daran ab. Ich „konnte“ es einfach nicht hören, denn wie sollte ich sie aus dieser Situation befreien? Ich hätte sie in dieser Nacht stehlen müssen und das hochträchtig! Schweren Herzens drehte ich mich um und lief davon.

In der Nacht träumte ich von einer weinenden Kuh, unschwer zu erraten wer das war. Sie schrie unter den Schmerzen ihrer Geburt.„Es tut mir leid Nena“ war das Einzige was ich meinem Herz darauf zu „antworten“ wusste. Natürlich dachte ich damals schon darüber nach sie irgendwie zu retten. Aber erstens hatte ich keine Ahnung von Kühen. Und was würde das überhaupt bewirken? Und was war mit all den anderen die da auch an Ketten Löcher in den Boden standen und im gleichen Dilemma wie Nena waren? So vieles war mir unklar aber ganz deutlich wurde mir bewusst vor wie viel Leid ich da eigentlich stand! Wenn eine Kuh hier in diesem Stall ein Kalb gebärt, muss sie das ebenfalls, wie eine Maschine machen. Und wenn das Kalb in der Nacht kommt, dann liegt es eben da hinten am Boden bis am anderen Morgen. Die Mutter kann sich nicht einmal zu ihrem Neugeborene umdrehen um es abzulecken. (Aber das spielt eh keine Rolle), denn es wird ihr sowieso sofort weggenommen und dann wird es alleine in eine kleine Box, oder ins Iglu, eingesperrt, ebenfalls ohne jeden Mutterkontakt. Dieses Kalb ist drei Tage alt und hatte eben die Ohrenmarken bekommen, das ist Vorschrift so. Ich fing an zu verstehen, dass das Leben für diese Kühe eigentlich noch viel schlimmer ist, als man sich das überhaupt vorstellen kann!

Da wir in der Nacht, als Nena ihr Kleines, an den Ketten, zur Welt brachte, nicht dabei sein konnten, besuchten wir diesen Stall drei Tage später nochmals und baten darum das Junge von Nena sehen zu dürfen. Der Bauer war nicht da und die Tochter zeigte uns den Weg, nachdem sie mit kalter Stimme meinte, „ach ja, ist wieder eines gekommen, dann müsste es eigentlich in der Box sein.“ Und dort war es auch, in einer Art Kiste, welche nur knapp etwas grösser als das kleine Wesen selbst war. Diese stand beim Eingang an der Wand in einer Ecke. Vorne hatte es Gitter, die drei anderen Wände waren mit Spannblatten abgedeckt. Es konnte die anderen Kühe nur riechen, und es schien mit jeder Faser ihres Daseins danach zu fragen, wo denn nur ihre Mama blieb! Bis vor kurzem war sie doch noch so tief mit ihr Verbunden gewesen! In den Augen von diesem kleinen Kalb spiegelte sich Tapferkeit vermischt mit der Unverständlichkeit über dieses anormale Leben und dennoch schien es irgendwie schon zu merken, dass es bereits verloren war. Maya streckte die Hand durch das Gitter. Das kleine Kälbchen saugte dankbar daran. Es versuchte seinen Instinkt zu stillen, ob nun so oder an der Flasche mit dem Milchersatz welche sie erhielt. Der Bauer kam in der Zwischenzeit und erzählte uns, dass das Kleine jetzt noch ca. zwei Wochen hier drin bleibe bis der Tierarzt käme und es dann seine erste Narkose bekommen werde, damit man die Hörner verätzen kann. Und das im zarten Alter von nur drei Wochen! Ein Elend! Maya und ich fluchten innerlich. Für den Bauer war das aber alles „das normalste der Welt“. Etwas das er gar nicht anders kannte. Er sei schon so gross geworden und habe den Hof von seinem Vater übernommen. Er schien das was natürlich wäre gar nicht mehr zu fühlen, geschweige denn schien er in der Lage zu sein um zu spüren für wie viel Schmerz er in seinem Stall verantwortlich war. Sein Herz schien irgendwie als Kind auch verätzt worden zu sein!

Ich ging nochmals zu Nena. Sie sah noch viel müder und vor allem auch trauriger aus, als vor der Geburt. Kein Wunder! Ihr kleines Kalb, welches sie neun Monate tapfer über die Runden brachte, das sie nährte und das mit ihr atmete; sie durfte es kaum sehen. Sie konnte es nicht einmal trocken lecken, nie bei sich spüren. Noch konnte es von ihrer Milch trinken, welche von ihrem Körper ja extra für das Kind produziert wurde! Sie resignierte, sie hatte keine andere Wahl! Für was das alles? schien ihr auf der Stirn geschrieben
zu stehen. Für was all das Wunder von einem neuen Leben? So hatte sie schon ihr letztes geboren und das vorletzte auch. Ihre Augen waren matt und hatten jedes Licht verloren! Sie sah irgendwie durch mich hindurch und sagte nichts mehr. Ich sah durch sie hindurch und mein Herz weinte!„Wie soll ich dich denn da raus holen? Ich weiss nicht wie! Bitte entschuldige. Und all die anderen? Und was würde es ändern? Und wo soll ich dich denn hinbringen?“ Ich war wütend und traurig. Ich wünschte mir zaubern zu können, den ganzen Schmerz einfach wegzaubern zu können, oder ihn erst gar niemals gekannt haben zu müssen.„Nena es tut mir leid!“ flüsterte ich ihr noch leise zu bevor ich sie stehen liess.

Der „ganz normale“ Stall liess mich in der folgenden Zeit nicht mehr los. Auf den Videoaufnahmen sah ich sie immer wieder, Nena und ihre Leidensgenossinnen, wie sie alle dastanden, gelangweilt, angekettet, verdorben. Sie hatten alle solche Augen, matt und trüb, hilflos. Auch die anderen„Nutztiere“, vom traurigen Part, hatte es nicht besser. Keines von diesen 11‘400 Küken die auf dem Video waren, keiner der Schweine oder der Kaninchen, sie alle wurden ihren absolut nötigsten Grundbedürfnissen beraubt, bis auf die Knochen ausgebeutet, gequält, missachtet, waren unverstanden und verloren, und das alles nur für den blanken Konsumwahn der Menschen! Allerdings war dann der schöne Part der Videoarbeit auch die pure Erholung! Hühner die in grossen Ausläufen herumrannten und im Sand badeten. Schweine die draussen auf Erkundungstour konnten, Kaninchen die Luftsprünge machten und Kuhfamilien die auf weiten Weiden grasten. Leider die Minderheit der „Nutztiere“ in der Schweiz, nur ein paar „Tropfen“, aber immerhin!

Ein paar Monate später war der Videoauftrag abgeschlossen. Meine Gedanken an Nena begleiteten mich aber weiter. Auf meinem Pult lagen kleine Zettel wo ihr Name drauf stand. Obwohl ich mir wünschte, ich würde das alles vergessen, wollte sich mein Herzen immer wieder an Nena erinnern. Ich nahm im folgenden Jahr ein paar Mal telepathisch Kontakt zu Nena auf. Ich liess sie spüren, dass ich immer noch an sie dachte und fragte sie nach einer Möglichkeit um sie da raus zu holen. Ich verstand, dass sie mir mittlerweile auf eine Art „recht“ gab. Was für einen Sinn hätte es sie zu retten, während das „Grauen“ ihrer Herdenkolleginnen hier weiterging. „Nimm doch bitte eines meiner Kinder da raus, ich bleibe“, empfing ich einmal bei einem weiteren Kontakt mit ihr. Anfangs fand ich
diesen Gedanken auch „besser“, aber dann schien es mir trotzdem doch wieder nicht der „richtige“ Weg zu sein. Ich musste einfach auch mehr über Kühe lernen, damit ich wissen konnte ob und vor allem wie so eine Kuhrettung überhaupt glücken kann. Ich las und in einen Buch erfuhr ich, wie es um die Herdenstrukturen bei Kühen steht. Es wurde mir somit ganz klar, dass eine Kuh unbedingt andere Kühe braucht. Ich wusste, wenn ich sie retten wollte, dann musste das „Hand und Fuss“ haben, sonst würde ich es nicht schaffen. Vor Weihnachten kam mir dann zum Glück endlich ein guter Plan in den Sinn von dem ich mir vorstellen konnte, dass er funktionieren könnte. Ich rief beim Stall an. Ich war nervös als ich die Nummer wählte, aber ich wusste, man durfte mir das auf keinen Fall anmerken. Anfangs tat ich so, als wolle ich mich einfach mal nach der Nena erkundigen. Was ich dann aber zu hören bekam, bestätigte meine Sorge vollkommen. Sie sei in der Milch nicht mehr so 100%ig, aber sie sei jetzt wieder trächtig. Er überlege sich aber sie bald schlachten zu lassen! Zwar etwas schade wegen dem Kalb, aber er brauche den Platz im Stall eben.2 Er hätte da ein paar gute Junge die nachkommen. Ich schluckte meinen zweiten Schock herunter und versuchte weiterhin locker und unwissend zu klingen. Dann erklärte ich dem Bauer, dass ich für einen Gnadenhof anrufe, der zurzeit eine einzelne Kuh beherberge und man dort gemerkt habe, dass das nicht ganz ideal sei. Es folgte, dass ich eben daran gedacht habe, ob nicht die Nena vielleicht eine gute Gesellschaftskuh dort sein könnte. Er lachte. Natürlich hörte er so etwas wohl zum ersten Mal. Ja es ist im Prinzip einfach eine Frage vom Preis, (für die Maschine), liess er mich wissen. Ich stellte mich auf komplett doof. Das wollte ich ihn eben fragen, da ich überhaupt keine Ahnung habe, was denn so eine Kuh kostet. Er sprach von 6000.-CHF, je nachdem. Die Nena wäre eigentlich eine sehr gute Kuh, so ganz plötzlich wieder. Ich musste ganz behutsam vorgehen, denn ich Grunde meines Herzens durfte ich auf keinen Fall um Nena pokern. Ich musste schlau sein, denn Bauern wäre gefitzt im Verhandeln, auch dass hatte ich gelesen. Aber wenn er sie schlachten lassen würde, dann hätte er ja auch nicht mehr so viel davon, oder? „Doch, doch der Schlachtpreis natürlich. So, ca. 2500.-CHF bekäme er noch gut für ihr Fleisch. Die „gute“ Nena würde schon noch was rechtes auf die Waage bringen“ meinte er kalt. Ich sagte ihm, dass ich beim Gnadenhof mal nachfragen werde was dieser den für die Nenaüberhaupt bezahlen könnte und dass ich dann allenfalls wieder anrufen würde. Er war damit einverstanden. Ich legte das Telefon auf und weinte. Ich dachte über das traurige Leben von Nena nach und jetzt sollte sie noch „trauriger“, falls das überhaupt geht, sterben? NEIN! Ich sprach mit Dani darüber und bat ihn darum mit mir am Nena zu helfen. Die Frage war nur wie! Wenn der Bauer bereit wäre sie uns wirklich zu verkaufen, wo sollen wir sie denn dann hinbringen? Das mit dem Gnadenhof war ja nur so eine erfundene Geschichte. Ich schickte einen intensiven Aufruf für einen Kuhpensionsplatz in die Welt hinaus. Per Internet, per Telefon, ich erkundigte mich bei Bauern direkt in der Umgebung, bat Gnadenhöfen und andere Kuhstationen um Rat und Hilfe. Ich wusste es musste schnell gehen, sonst wäre Nena verloren. Ich
wusste, dass ich *trotzallem* daran glauben musste, dass sich irgendwo eine Türe für Nena öffnet, um sie und ihr Kleines da herauszuholen, für ein neues Leben. Die Suche war aufwendig, aber von vielen Seiten kamen Ideen und Tipps wo ich noch anfragen könnte. Mein Herz war hellwach und rief in viele Winkel, klopfte an unbekannte Türen, trieb mich vorwärts. Ich betete auch zu Gott! Und zu Nena flüsterte ich vor dem Einschlafen, „ich suche für dich, halte durch. Ich kann dir noch nichts versprechen, aber ich suche nach einer Lösung für euch. “

Dann kam ein Email, eines unter vielen, aber es klang besonders. Ein Laufstall im Kt. Nidwalden, wo es schon eine andere gerettete Kuh gab. Ich meldete mich und wurde am nächsten Tag von einer sehr lieben Person zum neuen Hof begleitet. Er hatte die Idee, mir das zu zeigen und er war genau richtig. Als ich mein Auto auf dem Vorhof parkte und den Stall ansah, war ich etwas erstaunt, denn auch hier sah es so gewöhnlich aus, aber zum Glück ohne Milchautomat davor. Ich ging zu den Kühen die ich durch die kleine Stalltür sehen konnte. Ich begrüsste sie und sah sie an. Ich fragte sie ob es ihnen gut geht und dann sah ich es, ihre Augen! Ich sah den Glanz ihrer Augen und war wie benommen. Es war mir gar nicht bewusst gewesen, wie schön diese strahlen können wenn die Tiere anständig gehalten werden. Ich lernte erst den Bauer kennen, er war ein Freund von der Person die mich hierherbrachte. Jemand mit einem sehr ruhigen Gemüt. Ob man das bei den Kühen lernen kann? Dann kam die Bäuerin, sie kam gerade von Ausritt mit ein paar Kindern zurück, alle sassen auf einem Pferd. Sie stieg herunter und gab mir die Hand zur Begrüssung. Ich empfing eine vertraute Wärme. Wir liefen durch den Stall und sie zeigte mir wie die Kühe hier leben. Wo sie schlafen können, wenn sie wollen, wo sie herumlaufen können, wenn sie wollen. Eine bunt gemischte Kuhfamilie, helle, dunkle, grosse, kleine, mittlere, mit oder ohne Hörner. Zwischen den zwei Gebäuden war der Freiluftauslauf und wenn es besser Wetter war könnten sie links und rechts noch auf die Weide. Im Sommer gehe sie zudem mit der ganzen Herde auf die Alp für ca. 4 Monate, dann seien alle zusammen Tag und Nacht draussen unter freiem Himmel. Ich trank noch ein Kaffee mit der Bauerfamilie. Der Austausch wurde noch vertrauter. Ich hörte
Geschichten über die verschiedenen Persönlichkeiten der Kühe. Sie zeugten von der Liebe und dem Respekt den man ihnen hier entgegenbrachte. Mein Herz war tief erleichtert! Auf dem Heimweg rief ich innerlich Nena die gute Nachricht zu. Mit den neuen Bauern hatte ich abgemacht, dass ich darüber schlafen werde und mich dann melde. Wir hatten einen Pensionspreis ausgemacht und es hiess nun für mich, daran zu denken, wie ich das hinbekommen würde. Zudem wollte ich erst auch noch mit Dani reden und ihm von diesem Stall erzählen. Nena ist 7 ½ Jahre jung. Damit liegt sie, so im Durchschnitt, am Lebensende einer „Industrie“ Milchkuh. Aber sie kann gut doppelt oder sogar dreimal so alt werden. Das heisst also, ihre Pensionszeit kann noch lange andauern und ich musste mir bewusst werden was das finanziell bedeutet. Es ist kein Zuckerschlecken, gewiss nicht, aber es ist ein Sonnenstrahl für den es sich zu leben lohnt! Entscheidungen dieser Grösse kann man nicht alleine mit dem Kopf bewältigen und was das Herz dazu sagte brauche ich hier wohl gar nicht lange weiter zu erklären. JA! Jetzt waren da aber noch die Verhandlungen über den Verkauf mit dem anderen Bauer. Eine grosse Hürde, bei der ich auf keinen Fall „versagen“ durfte. Behutsam bereitete ich mich auf das neue
Gespräch vor. Ich hätte mit dem Gnadenhof nun gesprochen, die würden Nena gerne nehmen, doch mehr als 1000.-CHF könnten sie nicht dafür bezahlen. Das sei zu wenig, bemerkte er ohne Pause, das Schlachten von ihr würde ihm dann doch mehr einbringen.

Ein paar Tage später rief ich nochmals an und erzählte ihm, dass da noch jemand 200.-CHF dazu spenden würde und mein Vater gäbe dann vielleicht noch einen Rest, dieser wolle aber Nena zuerst sehen, sonst würde er nicht bezahlen. Wir gingen an einem Sonntag zu einem Besuch in den Stall. Nach über einem Jahr sah ich Nena wieder! Sie war still, immer noch an diesen Ketten am genau gleichen Ort wie damals. Mein Vater wurde natürlich zuvor in das Spektakel eingeweiht und hatte das ungefähre „Drehbuch“ vorher erhalten, so dass der Ablauf einigermassen in die richtige Richtung ging. „Ja, also 800.-CHF würde ich vielleicht noch für sie dazu bezahlen.“ Aber die sehe ja wie viele andere auch aus und wäre nichts besonderes, sagte er gemäss vorangehender Anweisung. Mein Herz pochte, als ich nun die entscheidende Frage stellte. „Dann haben wir 2000.-CHF zusammen, würden sie Nena dafür verkaufen?“ Er zögerte, dann meinte er, sie habe ja noch das Kleine im Bauch. Aber das wäre ja beim Schlachten sowieso auch verloren, konterte ich schnell. Dann willigte er ein. Ich gab ihm sofort 1000.-CHF als Anzahlung und sagte, dass ich den Rest bei der Abholung mitbringen werde, in den nächsten Tagen, wenn wir den Transport organisiert hätten. So hatte ich schon etwas in der Hand, wenn auch noch nicht die „ganze“ Nena. Diesmal lag ein feines Lächeln auf meinen Lippen, als ich diesen Stall verliess. Ich freute mich, trotz dem Gedanke daran, dass ich nicht gradealle hier retten konnte. Jetzt war aber noch das mit dem Transport zu meistern. Es sollte schnell gehen, nicht das noch etwas dazwischen kommt. Ich fürchtete mich vor einem Anruf des Bauers. Falls er den „Braten“ gerochen hat und merkte dass ich unbedingt Nena retten wollte, würde er sicher versuchen mehr Geld herauszuholen.
Nach einem Tag am Telefon und im Internet und wieder auch mit Gottes Hilfe, hatte ich für am übernächsten Tag einen Transport organisiert. Eine versierte Fahrerin, die mir von einer Rettungsorganisation empfohlen wurde. Allerdings war das alles andere als billig. Aber draussen war noch etwas Schnee und wer weiss wie es am Mittwoch auf den Strassen aussehen würde. Dann ist jemand mit viel Erfahrung noch „wertvoller“. Ich rief nochmals an und bat auch darum, dass die Papiere von Nena zu diesem Zeitpunkt dann auch
bereit waren.

Nena im Transporter

Der Luxustransporter für Nena!

Und am 6. Januar, am Drei Königs Tag, war es endlich soweit! Ich konnte in der vorangehenden Nacht kaum schlafen so aufgeregt war ich. Zudem hüpfte mein Herz die ganze Zeit hin und her und machte Freudentänze. Vor dem Einschlafen hatte ich Nena nochmals „gerufen“. „Wir kommen morgen Nena und holen dich und dein Baby ab, dann fahren wir euch ins neue Zuhause. Verabschiede dich von den anderen.“ Sie antwortete in Kurzform mit „gut und danke.“ Die Abholung verlief zum Glück nach Plan. Dani ging am morgen noch zur Bank und holte die anderen 1000.-CHF für Nena. Als wir mit dem Transporter erneut beim Bauernhof (mit dem und den Milchautomaten) einbogen, stand die Familie schon auf dem Vorhof bereit. Wir stiegen aus und schon kam der Sohn mit Nena am Schlachthofhalfter aus dem Stall. Sie hatte die Augen weit geöffnet und war ängstlich. Natürlich brauchte sie nun eine riesen Portion Vertrauen, dass es jetzt nicht an den „falschen“ Ort hingehen würde. An diesen Ort welcher Name ihr Halfter trug. Sie lief in den
Transporter und die Fahrerin zog ihr das Halfter ab und ein anderes an. Das war schon mal gut. Ich streckte das restliche Geld hin und bat den Bauer das mitgenommene Brot noch dieser Kuh geben zu dürfen, die vor Kurzem ein Kalb, natürlich leider auch an der Kette, geboren hatte. Er führte mich zu Lisa. Sie lag angebunden vor dem Futtertrog, war total erschöpft und nahm nicht mal das Brot das ich ihr auf den Rand hinstellte. Ihr Neugeborenes lag draussen vor dem Stall im Iglu im Stroh, ebenso verloren und traurig, wie seine Mutter. Lisa mit dem Brot und ihr Neugeborenes alleine in der Kälte vor dem Stall Die Temperaturen draussen lagen um den Nullpunkt und ich fragte ob es denn nicht zu kalt habe so kaum einen Tag alt, immer noch in der Hoffnung sein Herz würde sich irgendwie wieder einmal bemerkbar machen. „Ja, es hat ja Stroh“ und es wäre sowieso grad ideal so, dann würde es sich schön abhärten. Am ersten Tag ihres Lebens! Wahrscheinlich wäre die Muttertrennung dafür schon absolut ausreichend gewesen! Ich hatte schon lange genug, aber es war leider nicht die letzte Geschichte, die ich hören musste! Ob es dann „wenigstens“ tagsüber gekommen sei, wollte ich noch kurz nachfragen.“ Ja, das jetzt schon“, aber vor einiger Zeit wäre eines wieder in der Nacht gekommen und bei diesem wäre (leider) die Fruchthülle nicht geplatzt. So lag es eben am nächsten Morgen Tod da hinten am Boden. Das sei schon ein blöder Verlust gewesen. Mein Herz schreite! Worte kamen über die Lippen. „Sehen sie, wenn die nicht angebunden wären, vor allem nicht bei der Geburt, wäre das nicht passiert.“ Die Mutterkuh hätte natürlich ohne Problem die Fruchthülle aufgebissen. So aber musste sie zusehen, wie das Kind, welches sie eben geboren hatte, hinter ihr erstickte. Sie konnte nicht helfen weil sie sich wegen den Ketten nicht einmal umdrehen konnte. Das ist grausam! Eine Seelenqual! Kurz bevor ich zum Auto ging kam aber eine kleine erlösende Antwort vom Bauer. „Ja, sie würden den anderen Hof auf der gegenüberliegenden Strassenseite auch noch übernehmen und im Sommer dann beide zusammenlegen. Dafür sei der Bau von einem Laufstall geplant. Für dieses Grauen hier in Nena‘s altem Stall war also ein Ende in Sicht. Ich sah Lisa an. Für Nena wäre das aber ohnehin alles zu spät gekommen, denn sie wäre vorher geschlachtet worden. Aber vielleicht für Lisa kommt es besser, überlegte ich und tief für sie hoffend. Und vielleicht auch für eines der Kinder von Nena, das auch schon angekettet in der Reihe stand. Ich lief zu ihm, so jung war es noch! Es nahm mein Brot.

Der Bauer stand daneben und meinte (fast etwas reuig) die Nena hätte immer gute Kälbchen zur Welt gebracht und diesmal wäre sie sogar noch mit einem recht teuren Samen „bestückt“ = künstlich Befruchtet, worden. Es sei eigentlich schade drum. Unverblümt fragte er mich dann, ob er das Junge von Nena im Mai abholen könne und er würde mir dafür einfach ein anderes geben, ein weniger gutes. Ich hatte mich auf so vieles vorbereitet, damit Nena’s Rettung glücken konnte. Ich hatte mich auf so viele, allenfalls mögliche, Fragen vorbereitet, aber auf diese Situation wäre ich nie im Leben gekommen! Was sollte ich nur auf so etwas antworten? Mein Herz kreischte und Gott half mir aus diese schwierigen Lage und das sogar souverän. „Nein, das geht nicht. Wissen sie, Nena kommt jetzt an einen Ort wo man sie lieb haben wird und man wird auch ihr Kind lieb haben. Etwas das man liebt kann man nicht einfach so austauschen.“ Er überlegte und verstand das dann, vielleicht weil er daran dachte, dass wenn man einfach so eines seiner Kinder oder seine Frau austauschen würde, dass das auch nicht so schön wäre. Aber dass es sowas wie Liebe auch im Zusammenhang mit den Tieren gibt, schien ihm heute zu ersten Mal in den Sinn zu kommen! Hoffentlich hat es einen weiteren Samen bei ihm gesetzt, wenn er sich einmal wieder an die Kuh Nena erinnert. Jetzt wollte ich nur noch so schnell wie möglich von hier weg, zudem sollte auch Nena nicht mehr warten. Keine Sekunde länger! Ich stieg ins Auto und wir fuhren los. Nachdem wir ein paar Meter weit weg von diesem Stall waren kam eine Welle von „Riesenfreude“ über mich, denn nun wusste ich es zu hundert Prozent, dass Nena und ihr Kleines endlich frei und in Sicherheit waren. Der Transport glückte ebenfalls. Wir fuhren schön langsam und konzentrierten uns auf den Weg. Wir konnten Nena sogar mit einer Videokamera während der Fahrt beobachten. Sie war die meiste Zeit recht ruhig.

Als wir ankamen und die Transporttüre öffneten wollte Nena aber nur noch hinaus. Kühe machen keinen Schritt rückwärts wenn sie vorhaben vorwärts zu gehen! Das war meine erste praktische Kuhstunde. Kühe sind sehr gradlinige Wesen! So stemmte sie locker ihre ca. 600kg gegen die Absperrkette, die wir so, anfangs nicht mehr zu öffnen vermochten. Ich konnte sie verstehen! Nena nur ein bisschen zurücklehnen, bitte, dann kannst du sofort heraus. Es funktionierte tatsächlich. Am neuen Ort wurde schon alles für ihre Ankunft vorbereitet. Während die erwachsenen Kühe mit Futter abgelenkt waren, lief die Bäuerin mit Nena an ihnen vorbei und zeigte ihr den Stall. Die Einund Ausgänge, die Schwellen, wo sie sich einen Schlafplatz aussuchen konnte und mit ruhiger Stimme wurde ihr mitgeteilt, dass sie keine Angst vor dem Plastikvorhang und den anderen Kühen zu haben brauchte. Ich filmte, aber ich konnte mich nicht besonders gut darauf konzentrieren. Es war alles so spannend und mit so viel Herzlichkeit. Die Kleinen, welche nicht mit den grossen mitassen, waren die Ersten, welche neugierig den Hals zu Nena ausstreckten um sie zu beschnuppern. Ganz zuvorderst stand ein kleines Schwarzes. Nena begrüsste es, mit einem lauten und tiefen MHHHHHUUUUUUUUUUUU. Ihre imposante Stimme klang zwar noch etwas verunsichert, aber auch einladend.

Nena in ihrem neuen StallNena in ihrem neuen Stall

In ihrem früheren Leben hatte Nena nie die Möglichkeit einen solchen Kontakt zu haben auch wenn sie das gerne getan hätte, bzw. es einfach natürlich ist, wir sind ja auch mit unseren Kindern zusammen. Dann kamen noch mehr kleine Köpfe und Nena schien sich wohl zu fühlen, auch wenn sie etwas gefordert war. Alle beschnupperten sich gegenseitig. SO SÜSS! Später kamen dann auch die grossen Kühe dazu. Auch der Ochse und der Muni hatten natürlich den Geruch der Neuen schon längst erfasst. Dann wurde an Nena noch gezeigt wo es Futter gibt und sie stellte sich schon zu den anderen in die Reihe an die Futterkrippe, fast so, als würde sie seit jeher hierhergehören. Ich staunte wirklich ob ihr! Der Muni kam dazu und beschnupperte sie ausgiebig. Die Leitkuh der Herde liess sie passieren, beobachtete sie aber auch ganz genau. Niemand schien etwas verpassen zu wollen aber die meisten Tiere taten schlicht und einfach so, als würden sie doch nicht richtig hinschauen. So interessant diese Herdenstrukturen zu beobachten! Ich konnte auch fast kein Auge verdrücken, obwohl ich ebenfalls versuchte, das alles so gewöhnlich wie möglich zu betrachten. Schliesslich lernt man ja bei den Tieren immer viel! Ich hätte noch stundenlang zusehen können. Es was allerdings ziemlich kühl geworden und der Einladung zum Tee konnte ich nicht widerstehen. Zudem wäre Nena so auch mal ein bisschen ohne meine intensiven Blicke und die Kamera, dachte ich mir. Schliesslich war das ja vor allem auch ihr grosser Moment!
Im Haus redeten wir noch über ihre Hufe. Hinten rechts schien Nena schmerzen zu haben. Es stellte sich im Verlauf heraus, dass sie da schon seit längerem ein Klauengeschwür hatte. Dahinter gab es Blutergüsse und Eiter. Etwas das man mir allerdings vorher verschwiegen hatte. Warum denn auch nicht, schliesslich kaufte ich eine Schlachtkuh und schlachten hätte man sie ohnehin problemlos auch so können! Aber solche Hufprobleme seien bei Milchkühen mit hohen Leistungen auch häufig bekannt. Wir schauten die Papiere an. Darauf stand was die (Maschine) Nena bis anhin schon alles geleistet hatte. In ihrem „besten“ Jahr gab sie 9600 Liter Milch! Das sind ungefähr fast 30 Liter pro Tag. (Ca. 42 Tage Trockenzeit= vor der Geburt abgerechnet) Es ist unglaublich! Man könnte damit ganze Schulhäuser versorgen, mit nur einer Kuh. Selbst einem Laien wird hier klar, dass „dieses System“ komplett ungesund sein muss. Darum sind viele Milchkühe schon nach weniger als der Hälfte ihres Lebens „kaputt“, ausgesaugt und ausgelaugt. Sie sind eigentlich schon fast gestorben, noch bevor sie geschlachtet werden. Aber der Mensch erlaubt es sich anstandslos auch hier verschwenderisch zu sein, es hat ja genug von den neuen Milchmaschinen! Genug Nena’s.

Für Nena ist dieses Leben jetzt aber zum Glück vorbei und sie kann diese traurige Zeit hinter sich lassen. Und für mich gibt es sowieso nur eine Nena! Diese Milchkuh, eine unter vielen die leider unvorstellbares erdulden müssen, aber diese eine, die ich auch mit eurer Hilfe, retten durfte!

DANKE und im Namen von Nena ein grosses MUUUUUHHHHH!

Pascale & Animals

Wie es Nena in ihrem neuen Heim geht, können Sie im nächsten Vegi-Info lesen.

 

Fussnoten:

  1. Anbindehaltung ist leider noch immer ein ganz «normaler» Alltag in vielen Kuhställen. Erst ca. 40% der Schweizer Kühe dürfen in einem Laufstall leben. Vorschriftsgemäss müssen Kühe zwar ab und zu von der Kette gelassen werden, aber auch nur gerade mal 90 Tage pro Jahr.
  2. In der Schweiz ist es erlaubt, trächtige Kühe zu schlachten.