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Professor Walter Willett: «Milchkonsum gegen Osteoporose ist nutzlos»

Professor Walter Willett ist im Vorstand am Harvard School of Public Health Department of Nutrition (Abteilung für öffentliche Gesundheit an der Harvard-Universität). Im Gespräch macht er deutlich, dass unabhängige Untersuchungen notwendig sind, damit bestehende Theorien – trotz konservativer Vorstellungen und wirtschaftlichem Druck – neu überdacht werden können. Die Sache mit der Milch ist dafür typisch.

LaNutrition.fr: Sie haben Hunderte von Studien über die Beziehung von Ernährung und Gesundheit veröffentlicht und der Grossteil davon wurde von Forschern in der ganzen Welt zitiert.

Prof. Walter Willett: Was mich am meisten freut ist, dass ich diese Art von Untersuchungen überhaupt durchführen konnte. Als ich mein Studium im Jahr 1970 beendet hatte, dachten die Wissenschaftler noch, dass es unmöglich sei, die Auswirkung der Ernährung oder des Lebensstils auswerten zu können. Die Abteilung in Harvard, zu der ich 1977 gehörte, hatte aber eine andere Meinung dazu und war gerade dabei, eine grosse Studie zu lancieren, in der unzählige Krankenschwestern untersucht werden sollten. Es handelt sich dabei um die berühmte Nurses' Health Study.1
Diese Untersuchung und auch andere haben bewiesen, dass man die Auswirkung der Ernährung auf den Lebensstil sehr wohl wissenschaftlich nachweisen kann, und somit konnte einiges von dem widerlegt werden, was man zu dieser Zeit noch dachte.
So glaubten zum Beispiel die Wissenschaftler zu dieser Zeit noch, dass Tabak nicht gefährlich sei für Frauen. Nun wissen wir dank dieser grossen Langzeitstudie, dass der Tabak der Hauptgrund ist für Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Gibt es heute noch ähnliche Konflikte dieser Art? Sachen, von denen wir denken, dass sie gut sind für unsere Gesundheit, aber über welche wir in einigen Jahren die Meinung ändern werden?

Die Milch. Dank öffentlichen Kampagnen der Milchindustrie glaubt jeder zu wissen, dass die Milch gut für uns ist. Doch es handelt sich dabei um das gleiche Problem.

Ja, jeder hat den Slogan im Kopf «Die Milch machts». Das wurde uns von klein auf eingebläut!

Aber mir genauso! Ich komme aus dem Mittleren Westen der USA, wo die Viehhaltung sehr wichtig ist. Ich stamme aus einer Familie, in der die Viehhaltung über mehrere Generationen hinweg betrieben wurde, und auch die Milchindustrie war sehr präsent in meiner Region. Die Kampagnen der Milchindustrie liessen uns diese Lügen glauben, wir dachten, dass Milch unmöglich der Gesundheit schaden könne. Wenn es je ein Nahrungsmittel ohne Gefahr geben könnte, dann wäre es bestimmt die Milch. Schlussendlich war es aber nur das, was wir glaubten. Tatsächlich gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür.

Ist die Milch schädlich für uns?

Mehrere Studien zeigen, dass der steigende Milchkonsum zusammenhängt mit einem erhöhten Risiko, an Krebs zu erkranken, zum Beispiel Prostatakrebs bei Männern und Eierstockkrebs bei Frauen. Es gibt ausserdem ein erhöhtes Risiko, an Parkinson zu erkranken.

Was ist die Erklärung dafür?

Wir glauben, dass das Kalzium ein Grund dafür ist, aber es könnten auch die tierischen Proteine sein. Ganz genau wissen wir es jedoch noch nicht. Der konkrete Zusammenhang ist nicht in allen Studien herausgefunden worden und es gibt auch einige Untersuchungen, die nahelegen, dass der Milchkonsum das Risiko von Krebs im Verdauungstrakt reduzieren könnte. Das könnte auch durch Kalzium verursacht werden.

Kalzium ist doch gut für die Knochen, oder etwa nicht?

Es ist interessant, dass Sie das ansprechen. Wir waren ausserstande, einen Zusammenhang zwischen der Qualität der Knochen bei älteren Personen und dem Milchkonsum zu finden. Die Osteoporose wird zu einem Problem, das mehr und mehr zunimmt durch die immer älter werdende Bevölkerung, aber entgegen dem, was die Milchindustrie behauptet, ist der Milchkonsum keine Lösung. Sportliche Übungen können helfen, aber Milch nicht.

Die Milchindustrie wird diese Aussage nicht mögen …

Nein, sie mag sie nicht. Es gibt nicht viele Vereinigungen, in denen ich nicht gerne gesehen bin, aber ich habe zum Beispiel erfahren, dass Wissenschaftler einen Kongress organisieren sollten, der von Kraft Foods2 gesponsert wurde. Dort durften sie alle Personen einladen, die sie wollten – ausser Walter Willett.

Man kann sich diese Art von Reaktionen nur schlecht vorstellen von einer Organisation, die so bekannt und um einen guten Ruf bemüht ist.

Man darf die Macht der Landwirtschafts- und Ernährungsindustrie nicht unterschätzen. Das sind riesige Unternehmen, die einen erheblichen politischen Einfluss ausüben.

Haben Sie keine Angst vor Auseinandersetzungen?

Auseinandersetzungen entstehen nicht nur dadurch, weil Wissenschaftler aufsehenerregende Entdeckungen machen, sondern auch, weil andere Interessengruppen versuchen, diese Ergebnisse zu beeinflussen. Ich habe den Eindruck, dass dies in Europa noch weniger der Fall ist, in den USA hingegen übt die Industrie einen enormen Druck auf die Wissenschaftler aus. Ich glaube, dass die Forscher sich diesem Druck stellen müssen. Schliesslich haben sie eine Verantwortung. Es ist an ihnen, Erkenntnisse aufzudecken, die die bestehenden Vorstellungen erschüttern können. Das ist zwar oft schmerzhaft, aber unumgänglich, um weiter vorwärtszukommen.

Das Interview wurde von Thierry Souccar geführt und Anfang 2008 auf Französisch veröffentlicht.Übersetzung von Bernadette Raschle

Quelle:www.lanutrition.fr

Fussnoten:

  1. Auch unter der Bezeichnung «Womens Health Study» bekannt. Diese US-Studie ist die weltweit bedeutendste Gesundheitslängsschnittstudie, die bereits seit 30 Jahren läuft. Durch die Befragung von Tausenden teilnehmenden Krankenschwestern wurden wichtige Beiträge zur Ernährungskunde und zu Krebsrisiken bei Frauen erbracht.
  2. Kraft Foods ist ein Riese in der Nahrungsmittelindustrie, mit einem Entwicklungsmarkt im Milchsektor in den USA.