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Magnus Schwantje

Zuflucht Schweiz.
Zum 50. Todestag Magnus Schwantjes

Weihnachten 1934 überschritt ein politischer Flüchtling aus Deutschland die Grenze zur Schweiz. Mit 57 Jahren ging er in die ungesicherte Existenz eines Exils, das 16 Jahre dauern sollte. Der Todestag dieses Mannes, Magnus Schwantje, eines der wichtigsten Denker, Schriftsteller und Organisatoren auf den Gebieten der Ethik, des Tierschutzes und des Vegetarismus, jährt sich am 11. September 2009 zum 50. Male.
Wenige wissen, dass das Wort «Ehrfurcht vor dem Leben», das heute allgemein Albert Schweitzer zugeschrieben wird, schon ab 1902 von Magnus Schwantje verwendet wurde, dass es sogar wahrscheinlich ist, dass Schweitzer selbst dieses Wort unbewusst von Schwantje übernommen hat.1
Magnus Schwantje, am 3. Juni 1877 in Oldenburg geboren, war ursprünglich Buchhändler und Redakteur, setzte sich schon ab 1897 in Schriften über die Jagd und die Vivisektion mit Themen des Tierschutzes auseinander.

Radikale Ethik

Seine besondere Bedeutung liegt darin, dass er den inneren Zusammenhang der gegen Gewalt und Unterdrückung gerichteten Bestrebungen aufwies, sei es im Bezug auf das Verhältnis der Menschen zu den Tieren oder der Menschen und schliesslich auch der Staaten untereinander. «Tiermord und Menschenmord» gingen für ihn zusammen. Daher sprach er vom Tierschutz und den «verwandten Bestrebungen», unter denen er vor allem die Friedensbewegung und alle auf eine humanere, sozialere und weniger grausame und gewalttätige Gesellschaftsordnung gerichteten Bemühungen verstand.2 Später – im Ersten Weltkrieg – entwickelte er den Begriff der «radikalen Ethik», einer Ethik, die wirklich die Wurzel (daher radikal von lateinisch radix = Wurzel) aller gesellschaftlichen Übel angehen wollte. Diese sah er in der Gewöhnung der Menschen an Grausamkeit, an rücksichtslose Durchsetzung egoistischer Strebungen auf Kosten schwächerer Lebewesen, wie sie insbesondere die Gewohnheit des Fleischessens zwangsläufig mit sich bringt. Denn da der Mensch ohne Fleischnahrung gut bzw. sogar besser leben kann als mit, widerspricht es allen ethischen Prinzipien, aus Genusssucht anderen Lebewesen die Leiden zuzufügen, ohne die eben deren Fleisch nicht zu erlangen ist.3

Ethische Rundschau

Vegetarismus und radikaler Tierschutz

Vegetarisch zu leben war für Schwantje die zentrale Forderung des Tierschutzes, durch keine andere Massnahme könne mehr an Leiden für die Tiere und Grausamkeit der Menschen vermieden werden. Analog zum Begriff der radikalen Ethik prägte er den Begriff des «radikalen Tierschutzes», der gegen die schlimmsten Bereiche des Tiermissbrauchs gleichermassen vorging: gegen das Fleischessen, gegen die Vivisektion und gegen die Jagd und dabei deutlich über das hinausging, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Tierschutz verstanden wurde.

Speziesismuskritik

Denjenigen, die meinten, dass die Behandlung der Tiere von untergeordneter Bedeutung sei, hielt er entgegen: «Die Ansicht, dass eine Handlung, die einem Wesen schadet, das einer andern Gattung als der des Handelnden angehört, nach andern Grundsätzen beurteilt werden müsse als eine, die einem Angehörigen der Gattung des Handelnden schadet, ist ganz unbegründet.»4 Heute benutzt die Tierrechtsbewegung hierfür den Begriff des Speziesismus.
Die Begriffe Tierrechte und Tierschutz, die heute oft als entgegengesetzt und unvereinbar aufgefasst werden, wurden von Schwantje noch synonym gebraucht. Er hat sich immer um praktischen Tierschutz und die Vermittlung der weitreichenden Ziele der radikalen Ethik und des radikalen Tierschutzes bemüht und pflegte einen Lebensstil, den wir heute als «vegan» bezeichnen.

Modernes Denken

Er war in vielerlei Hinsicht ein sehr moderner Denker, der – ohne akademische Ausbildung – zu einer Zeit, als «Gebildete», Professoren und Schriftsteller oft hemmungslos Vorurteile und Pauschalisierungen verbreiteten, immer sehr genau analysierte und vor allem immer betonte, dass jeder einzelne Mensch und jeder einzelne Fall für sich beurteilt werden müsste. Er wandte sich gegen die Vorverurteilung ganzer Völker oder Gruppen, z.B. als Tierquäler wie im Falle Spaniens, und riet, doch auch bei den gewohnten einheimischen Tierquälereien genau hinzusehen. Er bezeichnete sich als «Internationalist von Jugend auf» und die Zahl seiner Briefpartner und Besucher aus vielen Nationen bestätigt es. Auch Antisemitismus, Rassismus oder die damals populäre «Rassenhygiene» trafen auf seinen energischen Widerspruch ebenso wie die Herabsetzung behinderter, auch geistig behinderter Menschen. Ebenso wenig hatte er Vorurteile gegen die Betätigung von Frauen in der Politik und im Tierschutz. Unter den Intellektuellen der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik war er durchaus bekannt und respektiert. So hatte z.B. die Deutsche Friedensgesellschaft ihm 1912 die Eröffnungsrede zu ihrem 5. Kongress in Berlin übertragen.

Sittliche Gründe gegen das Fleischessen

Nationalsozialistische Verfolgung und Exil

Sein pazifistisches Engagement trug ihm Hausdurchsuchungen und Verhaftung ein und zwang ihn schliesslich zur Flucht in die Schweiz. Hier half er zuerst Dr. Ludwig Fliegel bei der Fertigstellung des Buches «1000 Ärzte gegen die Vivisektion», startete Tierschutzinitiativen, z.B. gegen das Essen von Froschschenkeln oder Insektenfangen der Kinder, hielt Vorträge, arbeitete auch inoffiziell als Redakteur der Zeitschrift «Der Vivisektionsgegner» und verfasste Artikel für vegetarische Zeitschriften. Seine Arbeiten sind zum grossen Teil im Internet in einem virtuellen Archiv zu lesen unter der Adresse www.magnus-schwantje-archiv.de. Auch die in der Schweiz erschienenen Schriften aus den Jahren 1935–1950 sind dort zu finden, der Link «Flugblätter» enthält eine eigene Rubrik für diejenigen aus der Zeit des Schweizers Exils.
Magnus Schwantje kehrte 1950 nach Deutschland zurück, wo er trotz grosser finanzieller und gesundheitlicher Probleme bis zu seinem Tode am 11. September 1959 weiter im Sinne der radikalen Ethik wirkte. Seine Schriften, in denen er scharfe Analysen und genaue Argumentationen mit tiefem Mitgefühl und umfassendem und unbestechlichem Gerechtigkeitsempfinden verband, sind zeitlos und heute zum grossen Teil noch ebenso aktuell wie vor achtzig Jahren.

Renate Brucker

Fussnoten:

  1. Schwantje berichtet, dass er den Begriff ab 1902 verwandt habe. Im Druck veröffentlicht wurde er zuerst 1912, Albert Schweitzer berichtet, dass er ihn 1915 gefunden habe, öffentlich verwandt hat er ihn zuerst 1919. Schwantje hat zu der Zeit, als Albert Schweitzer dort lebte, eine Reihe von Vorträgen im Elsass gehalten, über die Presseberichte erschienen, sodass Schweitzer diesen Begriff möglicherweise gelesen hat. Siehe auch Magnus Schwantje, Ehrfurcht vor dem Leben, Brüderlichkeit und Vegetarismus, 1949 in: www.magnus-schwantje-archiv.de.
  2. Schwantje, Magnus; Die Beziehungen der Tierschutzbewegung zu andern ethischen Bestrebungen, insbesondere zu denen der Vereine für soziale und strafrechtliche Reformen, für Bekämpfung des Alkoholismus, für Erhaltungdes Friedens, für Erweiterung der Frauenrechte, für Kinderschutz und Erziehungsreform, für Reform der Lebensund Heilweise, der christlichen, der theosophischen und der monistischen Vereine usw., Rede, gehalten am 8. Juni 1909 auf dem Internationalen Tierschutz- und Antivivisektionskongress in London, Berlin, o.J.
  3. Ders., Hat der Mensch das Recht, Fleisch zu essen? 2. Aufl., Dresden 1923, S. 22, ders., Sittliche Gründe gegen das Fleischessen. Erweiterte dritte Auflage der Schrift «Hat der Mensch das Recht, Fleisch zu essen?», Zürich 1942.
  4. Ders., Hat der Mensch das Recht ..., S. 22.
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 8.10.2009

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