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Vegetarisch oder vegan?

von Klaus Petrus

«Es ist besser, kein Fleisch zu essen, und noch besser wäre es, vegan zu leben.» Hinter dieser weit verbreiteten Auffassung steckt das Bild einer moralischen Leiter, die wir offenbar erklimmen sollten: vom Fleischesser über den Vegetarier hin zum Veganer. Doch ist dieses Bild richtig?

Radikale Vegetarier – inkonsequente Veganer?

In gewisser Hinsicht schon. Immerhin werden nur wenige über Nacht vom Fleischesser zum Veganer, die meisten von ihnen waren zunächst – und nicht selten über Jahre hinweg – überzeugte Vegetarier.
In anderer Hinsicht trifft dieses Bild aber nicht zu. Jedenfalls, wenn damit gemeint ist, dass Vegetarier und Veganer eigentlich dieselbe ethische Einstellung haben, und der einzige Unterschied zwischen ihnen bloss darin besteht, dass Veganer sie konsequenter umsetzen.
Überzeugte Veganer sind keine radikalen Vegetarier. Ebenso wenig sind überzeugte Vegetarier inkonsequente Veganer. Denn genau genommen sind die Auffassungen von Veganern und Vegetariern nicht miteinander verträglich.

Respekt vor Tieren

Veganer sind der Meinung, dass es moralisch falsch ist, Tiere als Rohstoffe zu betrachten, die für uns da sind und die wir nach Belieben ausbeuten dürfen. 1 Der Grund besteht darin, dass diese Tiere empfindungsfähige Wesen sind und damit Subjekte individueller Interessen. Dazu gehört ihr Interesse, Leiden zu vermeiden und – weiterführend – das Interesse, das eigene Leben zu erhalten. Als Subjekte individueller Interessen haben Tiere einen Wert, den sie unabhängig davon besitzen, ob sie für jemand anderen – für uns – wertvoll sind.
Tiere in moralischer Hinsicht ernst nehmen, heisst für ethische Veganer demnach: respektieren, dass sie einen Wert für sich, einen Selbstwert, besitzen.

Das Tier – Eigentum, nicht Mitgeschöpf

Diese Einstellung hat erhebliche Konsequenzen. Immerhin beruht die industrielle Ausbeutung der Tiere wie selbstverständlich auf der Annahme, dass wir deren Selbstwert missachten dürfen.2
Auch das hat seinen Grund: Tiere sind unser Eigentum und unterliegen damit der alleinigen Herrschaft des Menschen. Als Eigentum haben sie keinen Selbstwert, sie haben – wie andere Gegenstände auch – bloss jenen Wert, den sie für ihre Eigentümer besitzen, und zwar je nach Verwendungszweck, den sie für diese Kreaturen vorgesehen haben.
 
Wenn es aber falsch ist, den Selbstwert der Tiere zu missachten, dann ist es im selben Masse falsch, sie als Eigentum zu behandeln. Daher fordern Veganer für Tiere in erster Linie dieses eine Recht: das Recht, nicht unser Eigentum zu sein! Damit einher geht die Forderung nach der totalen Abschaffung – im Englischen heisst dies «Abolition» – sämtlicher Verhältnisse, in denen Tiere als unser Eigentum betrachtet werden.
Geht es um die Rechte der Tiere, sind Veganer also «Abolitionisten»: Sie wollen das Ende jedwelcher Form der Tierausbeutung. Das betrifft natürlich in erster Linie die moderne Tiernutzungsindustrie, und zwar in all ihren Ausprägungen; sie soll abgeschafft und nicht bloss ständigen Reformen unterworfen werden. 3

Von Fleischessern und Vegetariern

Vor diesem Hintergrund wird der entscheidende Unterschied zwischen Vegetariern und Veganern besser sichtbar: Veganer sind Abolitionisten, Vegetarier sind es nicht.
Wer aus Überzeugung Milch- oder Eiprodukte konsumiert, scheint für sich zu akzeptieren, dass wir Tiere für unsere Zwecke nutzen dürfen. Damit aber heisst ein Vegetarier genau das gut, was Veganer oder Abolitionisten schon aus moralischen Gründen verwerfen: dass Tiere überhaupt als Ressourcen, als unser Eigentum behandelt werden dürfen.
Das bedeutet im Übrigen nicht, dass der Vegetarismus keinen Sinn ergibt und man genauso gut Fleisch konsumieren könnte. Die vegetarische Lebensweise hat, praktisch gesehen, durchaus positive Auswirkungen auf das Wohlergehen zumindest gewisser Tierarten.
Von einem moralischen Standpunkt aus unterscheiden sich Fleischesser und Vegetarier allerdings kaum voneinander: Beide betrachten Tiere als Mittel zum Zweck – dem einen dienen sie als Fleischlieferanten, für den anderen sind sie «bloss» Milch- oder Eimaschinen –, beide unterstützen auf diese Art die Ausbeutung und Tötung von Tieren und beide heissen damit im Prinzip gut, dass wir sie auch weiterhin als das behandeln dürfen, was sie in allererster Linie sind: unser Eigentum.

Die moralische Leiter – ein schräges Bild

Aus Sicht der Veganer hat das eingangs erwähnte Bild der moralischen Leiter somit etwas Zynisches an sich. Wenn es falsch ist, Tiere als Mittel zum Zweck zu behandeln, wie kann es dann richtig oder nur schon «besser» sein, kein Fleisch zu essen und stattdessen «bloss» Milch- oder Eiprodukte zu konsumieren?
Wenn das moralisch richtig sein soll, dann müsste es auch richtig sein, Kälber unter meist erbärmlichen Bedingungen zu mästen und zu schlachten oder Milliarden von männlichen Küken zu vergasen. Denn darin besteht eine unmittelbare Konsequenz der vegetarischen Lebensweise und damit der Auffassung, dass es zulässig ist, wenigstens bestimmte Tiere als Ressourcen zu betrachten, die für uns da sind: als Milchkühe oder Legehennen.
Wer hingegen davon überzeugt ist, dass es grundsätzlich falsch ist, in Tieren bloss ein Mittel für unsere Zwecke zu sehen, wird den Umgang mit ihnen in all seinen Facetten überdenken. Das betrifft nicht nur, wie man zunächst meinen könnte, die Ernährung. Das «Eigentum Tier» begegnet uns in allen Lebensbereichen, sei das nun als Zuchttier, Masttier, Schlachttier, Versuchstier, Pelztier, Zirkustier oder auch in Gestalt unserer Haustiere. In letzter Konsequenz gilt es, diese «Umwandlung» empfindungsfähiger Wesen in reine Gebrauchsobjekte zu boykottieren. Tatsächlich ist der Verzicht auf «tierische Produkte» aller Art Ausdruck einer solchen – veganen – Einstellung. 4

Vegan leben – nicht der letzte, sondern der erste Schritt

So gesehen ist der Veganismus nicht die letzte Stufe einer moralischen Leiter hin zu einem ethisch vertretbaren Umgang mit den Tieren. Vielmehr ist er die Grundlage, die Basis, einer tierrechtlichen Position, die besagt, dass es keinerlei Rechtfertigung dafür gibt, Tiere als unser Eigentum zu betrachten, als Kreaturen, deren Sinn und Zweck einzig in unserem Nutzen besteht.
Natürlich wird es zunächst schwierig sein, diese Überzeugung in die Tat umzusetzen. Schliesslich leben wir in einer nichtveganen Welt. 5 Auf der anderen Seite benötigen wir, um Veganer zu werden, keinen Verein, wir müssen nicht an Demonstrationen teilnehmen, Flugblätter verteilen oder uns vorweg mit all diesen vertrackten, philosophischen Argumenten rund um Tierrechte auseinandersetzen.
Was es braucht, ist der Entscheid, ab hier und jetzt nach dem Grundsatz zu leben, Tiere nicht weiterhin als Eigentum zu behandeln. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text greift ein heikles Thema auf, wo die Meinungen sicher weit auseinandergehen. Wie sehen Sie den Unterschied zwischen einer veganen und einer vegetarischen Lebenseinstellung? Bitte schreiben Sie uns Ihre Meinung in unserem Online-Forum: www.vegetarismus.ch/forum/ in der Vegi-Info-Rubrik.

Fussnoten:

  1. Es gibt viele Gründe, vegan zu leben (z.B. religiöse, ökologische, gesundheitliche). Ich rede im Folgenden von ethischen Veganern und damit (natürlich sowohl von weiblichen wie männlichen) Personen, die aus moralischen Gründen auf sämtliche tierische Produkte verzichten.
  2. Für die Geschichte der modernen Tiernutzung vgl. Charles Patterson, «Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka». Über die Ursprünge des industriellen Tötens (Frankfurt a. M.: Zweitausendundeins, 2004).
  3. Vgl. dazu meinen Beitrag «Die Wurzel des Übels: das Tier als Eigentum», Vegi-Info 2008-1.
  4. Vgl. dazu Kath Clemens, Vegan (Göttingen: Echo Verlag, 1996); zu den Grundlagen der veganen Ernährung vgl. Gil Langley, Vegane Ernährung (Göttingen: Echo Verlag, 1999).
  5. Wie es ist, sich vegan in einer nichtveganen Welt zurechtzufinden, schildern Bob und Jenna Torres in ihrem engagierten Buch Vegan Freak (Tofu Hound Press, 1999).

Weitere Infos:

Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 23.10.2012

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