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Sponsoren beeinflussen wissenschaftliche Studien

Wissenschaft sollte sich ausschliesslich an der Natur und der Faktenlage orientieren und somit völlig unabhängig sein von denjenigen, die eine Studie finanzieren. Neuste Untersuchungen bestätigen nun aber den Verdacht, dass die Finanzquellen einen starken Einfluss auf die Resultate der Studien haben.

In Hunderten Studien wurden die Vor- bzw. Nachteile von Getränken wie Milch, Säften und Limonaden untersucht. Einen Grossteil daGeld - Schweizer Frankenvon finanzierten zumindest teilweise die entsprechenden Wirtschaftsverbände.
Eine neue Übersichtsstudie1 untersuchte 538 dieser Getränkestudien daraufhin, ob sie von den entsprechenden Wirtschaftskreisen finanziert wurden und ob die Resultate positiv oder negativ für die Sponsoren ausgefallen sind.
Dabei musste man feststellen, dass bei den Studien, die vollständig von der Industrie finanziert wurden, die Resultate fünfmal häufiger zu ihren Gunsten ausfielen als dagegen. Wenn eine Studie ganz ohne solche Sponsoren durchgeführt wurde, war das Verhältnis der positiven zu den negativen Resultaten praktisch ausgeglichen (1,2 zu 1).
Dies belegt eindeutig, dass die in Fachpublikationen veröffentlichten Studien stark von den dahinterstehenden Sponsoren abhängen.
Allgemeines Phänomen
Auch wenn diese Untersuchung sich nur auf Milch, Cola und andere Getränke beschränkte, kann man diese Resultate sicher auch auf andere Bereiche der Nahrungsmittelindustrie übertragen.
Dieses Phänomen führt dazu, dass es heute viele Studien gibt, welche Produkte, hinter denen starke Wirtschaftskräfte stehen, vorbehaltlos loben, und nur wenige Studien davon setzen sich kritisch damit auseinander.
Je stärker ein Industriezweig ist, desto mehr wird sein Produkt von der Wissenschaft gedeckt. Die Pharma-, Fleisch- und Milchindustrie haben viel mehr finanzielle Mittel zur Verfügung als Gemüse- und Früchteproduzenten oder gar die Produzenten vegetarischer Fleischalternativen.
Früher war in den USA auch die Tabakindustrie so stark, dass die Öffentlichkeit nicht wusste, welchen Studien über die gesundheitlichen Auswirkungen von Tabak sie glauben sollte: denjenigen, die alles verharmlosten (und von der Tabakindustrie gesponsert wurden), oder denjenigen, die auf die Gefahren hinwiesen.

Wie ist das möglich?

Das Sponsorengeld kann wohl kaum die Naturgesetze und somit die Studienresultate verändern. Dennoch lässt es sich erklären, woher der Zusammenhang der Gelder zu den Resultaten kommt:
Die Studien befassen sich mit dem Einfluss der Nahrungsmittel bzw. Getränke auf die menschliche Gesundheit. Die Schulmedizin weiss aber erst ansatzweise, wie der menschliche Körper funktioniert. Ausserdem werden sämtliche psychischen Aspekte bei den Studien in der Regel vollständig ignoriert. Deshalb ist die Schulmedizin nicht in der Lage, klare Aussagen zu machen, wie: Sie bekommen in 2 Monaten Brustkrebs, oder in 10 Jahren sind Sie übergewichtig. Das Einzige, was die Schulmedizin kann, ist eine Wahrscheinlichkeit zu errechnen, mit der man unter bestimmten Rahmenbedingungen an einer Krankheit eventuell erkranken könnte. Solche statistischen Aussagen lassen sich aber schwer beweisen und noch schwerer widerlegen, da man damit für einzelne Personen überhaupt keine Aussagen machen kann.
Oft passiert es dabei, dass ein Wissenschaftler (unbewusst) die statistische Auswertung der experimentellen Ergebnisse so durchführt, dass das Resultat herauskommt, das er zu Beginn der Studie haben wollte.2
Der Herausgeber der renommierten medizinischen Fachzeitschrift «British Medical Journal», Dr. Richard Smith, schrieb 1991: «Nur 1% der Artikel in medizinischen Fachzeitschriften sind wissenschaftlich fundiert.»

The Lancet BMJ

Trotz Selbstkontrolle sind nicht alle Ergebnisse von Studien, die in den renommierten Fachzeitschriften publiziert werden, auf rein wissenschaftliche Forschungsarbeiten zurückzuführen. Auftrag- und Geldgeber spielen bei den Resultaten oft eine ebenso entscheidende Rolle.

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist, dass man nur Antworten zu Fragen erhält, die man vorher auch gestellt hat. Die Fragestellung ist deshalb von entscheidender Bedeutung.
Zwei Beispiele: Wenn man eine Studie durchführt, ob Fleischesser an Eiweissmangel leiden, wird man herausfinden, dass dies nicht der Fall ist. Ist Fleisch deshalb gesund? Oder hätte man auch bei derselben Frage mit Vegetariern auf das Resultat kommen können, dass auch sie keinen Eiweissmangel haben? Oder was wäre das Resultat gewesen, wenn man gefragt hätte, ob Fleischesser eine Überversorgung mit Eiweiss haben?
Zweites Beispiel: Wenn kein Wissenschaftler der Frage nachgeht, ob der Konsum von grossen Mengen Fleisch die Aggressivität der Fleischesser erhöht (durch die Stress- und Angsthormone, die bei der Tötung im Schlachthof ins Fleisch gelangen), wird man die Antwort auf diese Frage nie erfahren.
Welche Fragen gestellt werden, hängt aber sehr davon ab, welches Interesse an der Beantwortung bestimmter Fragen vorhanden ist. Denn in jeder seriös durchgeführten Studie steckt sehr viel Arbeit und Geld. Die Antwort muss also irgendjemand (finanziell) dienen, damit man der entsprechenden Frage nachgeht.
Noch etwas verfälscht die Aussagekraft von gesponserten Studien: Kommt eine Studie zu einem Resultat, das sich nicht mit den Wünschen des Sponsors deckt, kann sie problemlos einfach wieder unveröffentlicht vernichtet werden. Es gibt keinen Zwang, alle Studien auch zu publizieren.

Besserung in Sicht?

Dennoch gibt es auch heute noch Studien, die unabhängig von Wirtschaftsinteressen gemacht werden (insbesondere an Universitäten). Das Wirtschaftssponsoring wird aber auch in diesem Umfeld (insbesondere in den USA) immer stärker: Wenn die Staaten bei der Wissenschaft und Forschung sparen müssen, springen Interessenvertreter der Wirtschaft in die Lücken.
Gegenüber früher zeichnet sich aber heute auch eine positive Veränderung ab: Das Problem ist in Wissenschaftskreisen kein Tabu mehr. Deshalb gehen immer mehr Fachzeitschriften dazu über, von ihren Studien-Autoren nicht nur die Finanzquellen der Studie offenzulegen, sondern auch alle möglichen Interessenkonflikte (z.B. durch ein Nebenamt in der Industrie).
Nur in der «Laienpresse» wird dies leider noch zu oft übersehen. Unabhängig von den Geldgebern und Interessen der Wissenschaftler werden Studien kritiklos als Tatsachen veröffentlicht und dadurch die Menschen durch sich immer wieder widersprechende Studienresultate so verwirrt, dass die meisten Menschen heute kaum noch etwas glauben oder sich die Resultate heraussuchen, welche es ihnen erlauben, ihren Lebensstil wie bisher weiterzuführen.

Schlussfolgerung

Mit der Aussage «wissenschaftlich bestätigt» oder «eine Studie hat bewiesen» versucht man jegliche Kritik an einer Aussage als unwissenschaftlich hinzustellen. Dennoch sollten Sie Studien nicht blind glauben. Zwar können oft nur ausgebildete Statistiker und andere Wissenschaftler Fehler in Studien aufdecken, doch der Blick auf die finanziellen Verflechtungen bei einer Studie kann auch einem Laien bereits einen ersten Hinweis auf die Seriosität der Ergebnisse geben. Eine Studie, welche Kritisches zum Fleischkonsum äussert, obwohl sie von der Fleischindustrie gesponsert wurde, kann z.B. als seriös angesehen werden (obwohl natürlich auch dies keine 100%ige Garantie über die Wissenschaftlichkeit der Studie ist). Oft hilft es aber auch schon, eine Studie im Original ganz zu lesen, da die Zusammenfassung (Abstract) und erst recht ein Artikel über eine Studie (Sekundärliteratur) nicht immer nach rein wissenschaftlichen Kriterien zusammengestellt werden.
Da es sehr zeitaufwändig ist, jeden Artikel über eine Studie zu hinterfragen, versuchen wir, Ihnen diese Arbeit im Vegi-Info abzunehmen. Dennoch wird möglichst immer auch die Quelle zur Studie angegeben, damit Sie es auch selbst nachlesen können.

Renato Pichler

1 «Relationship between Funding Source and Conclusion among Nutrition-Related Scientific Articles», PLoS Medicine, 9. Januar 2007, Vol. 4, Ausgabe 1
2 Hans-Peter Beck und Hans-Hermann Dubben: «Der Hund, der Eier legt – Erkennen von Fehlinformation durch Querdenken», 2004, Rowohlt-Taschenbuch.