Hinduismus und Vegetarismus
Grundlagen des Hinduismus
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«Jene edlen Seelen, die Meditation und andere
Arten von Yoga üben, die Rücksicht allen Wesen walten
lassen, die alle Tiere schützen – sie sind es, die
geistige Übung wirklich ernst nehmen.»
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Als Hinduismus bezeichnet man im Westen die dritte und letzte geschichtliche Entwicklung in der indischen Religionsgeschichte nach Vedismus und Brahmanismus. Der Name Hinduismus entstand erst vor kurzer Zeit, als die Muslims in Indien eindrangen. Das persische Wort Hindu ist eine Bezeichnung für die Landschaft und deren Bewohner am Indus, dem grössten Fluss im Nordwesten des indischen Subkontinents. Seither werden die Anhänger der indischen Religion als Hindus bezeichnet. Die Inder selbst sehen ihre Hauptreligion immer noch als (im weiteren Sinne) Brahmanismus an oder als «sanatana-dharma», was soviel heisst wie die ewige Religion oder ewiges Gesetz.
Der Hinduismus kennzeichnet sich durch eine vielfältige und komplexe Glaubens- und Lebensform, die durch das Band einer heiligen Sozial- und Kastenordnung zusammengehalten wird. Nach Christentum und Islam ist der Hinduismus die drittgrösste Religion der Welt, mit einer Anhängerschaft von knapp 700 Millionen. Allein 85% aller Hindus leben in Indien. Im Westen ist der Hinduismus vor allem durch die vielen Sekten und Yoga-Schulen bekannt geworden, die zum Teil auch als Jugendreligion bezeichnet werden können.
Hinduismus und Vegetarismus
Der Hinduismus ist nicht nur eine der ältesten Religionen, sondern wahrscheinlich auch die Religion, in der die Tiere den höchsten Stellenwert besitzen. Seit Jahrtausenden ist «Ahimsa» ein zentrales Gebot im Hinduismus, das vor allem durch den indischen Freiheitskämpfer und Reformer Mahatma Gandhi bekannt wurde. Ahimsa bedeutet Nicht-Verletzen oder Gewaltlosigkeit, das nicht nur den Menschen, sondern alle Lebewesen einschliesst, und zwar in Worten, Gedanken und Taten. Zwar hat der Anteil an Vegetariern in Indien unter den Hindus in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten abgenommen, was unter anderem offenkundig dem Einfluss des Islam (etwa ab 1200 n. Chr.) und des Christentums (etwa 1600 n. Chr.) durch den Einmarsch der Briten zuzuschreiben ist, trotzdem weist Indien unter anderem wegen des Hinduismus immer noch den weltweit höchsten Anteil an Vegetariern auf. Der Grund für die grosse Verbreitung des Vegetarismus unter den Hindus ist in ihrem Glauben zu finden.
Karma und Reinkarnation
Der Hindu glaubt an die Reinkarnation und an das Karma. Karma ist das Prinzip von Ursache und Wirkung. Nach Überzeugung der Hindus sind die gegenwärtigen Lebensumstände eines jeden die Auswirkungen des in einem früheren Leben angesammelten Karmas. Für ein gutes Karma zu sorgen ist deshalb ausschlaggebend für eine spirituelle Weiterentwicklung. Und jede Handlung, jedes Wort und jeder Gedanke sorgt entweder für ein positives oder für ein negatives Karma. Solange sich der Mensch nicht vom Karma befreit hat, ist die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten laut Hindu nicht möglich. Das Essen von Fleisch wird in den zentralen Schriften der Hindus übereinstimmend mit einer schlechten Handlung in Verbindung gebracht.
Klare Anhaltspunkte in den Schriften
In den Schriften der Hindus, insbesondere in den Veden, die die
Gesamtheit der ältesten Texte der indischen Literatur
darstellen, sind über tausend Gebote zu finden, welche sich
gegen eine Ernährung mit Fleisch aussprechen. So heisst es in
der Manu-Samhita, einem uralten Gesetzbuch: «Keine lebenden
Wesen zu töten ist die Voraussetzung zur Erlösung»
(Manu-Samhita 6.60). Weiter warnt die Manu-Samhita davor, Fleisch zu
essen, weil es Töten voraussetzt, wodurch karmische Konsequenzen
(= bandha) entstehen (Manu-Samhita 5.49). In der vierten und letzten
Sammlung der Veden, dem Atharva Veda, ist Ähnliches zu finden:
«Jene edlen Seelen, die Meditation und andere Arten von Yoga
üben, die Rücksicht allen Wesen walten lassen, die alle
Tiere schützen – sie sind es, die geistige Übung
wirklich ernst nehmen» (Atharva Veda 19.48.5). Viele weitere
Verse sind in den Veden und anderen Schriften zu finden, die es als
einen Widerspruch ansehen, Fleisch zu essen und Befreiung (= moksha)
zu erlangen. So steht im Padma Purana, einem der achtzehn
Erzählwerke über die Götter: «Wie soll es
jemanden, der Fleisch isst, und selbst wenn es sich um einen Brahmana
(= Priester) handelt, möglich sein, erhoben zu werden oder
Befreiung zu erlangen?» (Padma Purana 1.13.321).
Laut Veden und anderen Schriften der Hindus ist es also eine
Unvereinbarkeit, Fleisch zu essen und so das Töten zu dulden und
Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten zu erlangen. In den
Schriften wird aber auch angedeutet und erklärt, was die Folge
vom Fleischkonsum sei. So steht im Padma Purana eine Erzählung
zwischen Vyasadeva und seinem Schüler Sanjaya. Darin sagt
Vyasadeva zu seinem Schüler: «Diejenigen, die Kühe
essen und deren Genuss es ist, verbotene Dinge zu sich zu nehmen,
gehören zu den niederträchtigsten unter den Menschen, und
dementsprechend sind die Reaktionen, die sie erleiden werden»
(Padma Purana 1.76.17a). Im Mahabharata, dem umfangreichsten Epos mit
rund 110000 Doppelversen, ist Vergleichbares niedergeschrieben:
«Wer sein eigenes Fleisch dadurch vermehren will, dass er das
Fleisch anderer Kreaturen isst, wird im Elend leben, egal in welcher
der Arten er wiedergeboren wird» (Mahabharata 115.47). Im
Mahabharata gibt es weitere Verse, die die Haltung vom Fleischkonsum
ausdrücken, etwa in der Geschichte des grossen Kriegers Bhishma
und Yudhisthira. Darin erklärt Bhishma Yudhisthira, dass das
Fleisch von Tieren wie das Fleisch des eigenen Sohnes ist und dass
jemand, der die Torheit besitzt, Fleisch zu essen, der übelste
unter den Menschen ist (Mahabharata, Anusana-parva, 114.11). Eine
weitere Geschichte, die die Abneigung des Hinduismus gegenüber
Fleisch bezeugt, ist im Shrimad Bhagavatam zu finden. Darin
erklärt der Weise Narada Muni dem König Prachinabarhi, der
eine Freude für Tieropfer hegte, Folgendes: «Oh Herrscher
aller Bürger, oh geschätzter König, sieh im Himmel
jene Tiere, die du ohne Mitleid und Gnade auf der Opferstätte
getötet hast. Sie alle warten auf deinen Tod, damit sie das
Leid, das du ihnen angetan hast, rächen können»
(Shrimad Bhagavatam, 4.25.7-8). Die aufgezählten Verse und
Geschichten sind nur eine kleine Auswahl aus den vielen Geboten, die
sich deutlich gegen eine Ernährung mit Fleisch richten.
Doch nicht nur in den Schriften der Hindus sind Nachweise für
eine vegetarische Kost zu finden, sondern auch bekannte Hindus wie
Paramahansa Yogananda, Sri Aurobindo, B.K.S. Iyengar, Sai Baba u.v.m.
erklär(t)en ihre Abneigung gegenüber Fleisch. Der
bekannteste dürfte Mahatma Gandhi sein, der sich selbst als
einen orthodoxen Hindu bezeichnete. Gandhi sagte, dass der
«Vegetarismus ein unschätzbares Geschenk des
Hinduismus» sei. Der Vegetarismus hat also eine lange Tradition
im Hinduismus, die sich bis heute fortsetzt.
Die Verehrung der Kuh
Eine grosse Bedeutung und ein weiteres Indiz für die Achtung
des Hinduismus vor den Tieren, die man in anderen Religionen nicht
vorfindet, ist die Verehrung von Tieren. Im Hinduismus werden viele
Tiere wie der Elefant, die Ratte oder bestimmte Affen verehrt. Doch
kein Tier hat eine so hohe Stellung unter den Tieren wie die Kuh. Der
Grund, warum die Kuh eine so hohe Stellung einnimmt, ist umstritten.
Einige sagen aus ökonomischen Gründen. Dies dürfte ein
Grund sein. Schliesslich ist die Kuh mit ihrem Dung, als Pflüger
oder als Geber von Milch ein wichtiger Faktor bei der
Selbstversorgung einer Familie. Ein weiterer, wahrscheinlich der
Hauptgrund für die Verehrung der Kuh dürfte sein, dass
Krishna, der als Inkarnation Gottes gilt, Kuhhirte war und Kühe
sehr liebte. Oft sieht man auch auf Abbildungen Krishna zusammen mit
einer Kuh. Das Töten einer Kuh gilt im Hinduismus als eine der
grössten Sünden, die man überhaupt begehen kann. Bis
auf zwei Bundesstaaten ist das Töten einer Kuh in Indien
verboten. Im vedischen Lexikon Nighantu gibt es insgesamt neun
Bezeichnungen für die Kuh, eine davon ist «aghnya» und
heisst übersetzt «darf nicht getötet werden». Ein
weiteres Indiz für die Heiligkeit der Kuh ist unter anderem im
Mahabharata zu finden. Dort steht: «Zweifellos begeht das
abscheulichste Verbrechen, wer eine Kuh oder einen Bullen
tötet» (Shantiparva 262.47).
Während in den meisten anderen Weltreligionen zum Teil nur
Andeutungen zur vegetarischen Ernährung zu finden sind, ist es
im Hinduismus klar, dass, dem Glauben nach, eine
«gewaltlose» Ernährung wichtig ist für die
spirituelle Entwicklung des Menschen. Nicht ohne Grund sagte die
«grosse Seele» (= Mahatma) Gandhi: «Ich glaube, dass
geistiger Fortschritt an einem gewissen Punkt von uns verlangt, dass
wir aufhören, unsere Mitlebewesen zur Befriedigung unserer
körperlichen Verlangen zu töten.»
Daniel Mayer
Dieser Artikel gehört zur Religions-Serie der Vegi-Info. Die anderen Weltreligionen werden hier beschrieben:
[Vegi-Info 2004/3 Inhaltsverzeichnis] [Veg. Bishnoi aus Rajasthan]
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