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Psychologisches Sachverständigengutachten

Zum Kollektiv-Narzissmus1 des frühen Homo sapiens bis zum 21. Jahrhundert
In vorliegendem Gutachten soll der Homozentrismus, also der Glaube, dass der Mensch im Mittelpunkt der Natur steht, des frühen Homo sapiens bis zum 21. Jahrhundert aus psychologischer Sicht beleuchtet werden.

Einleitung:

Im 21. Jahrhundert haben die Befreiungsbewegungen innerhalb der Spezies Mensch im Wesentlichen bereits einen gewissen Abschluss gefunden. Auf die Sklavenbefreiung folgte die Emanzipation der Frauen und auch Homosexuelle, Kinder, behinderte Menschen und weitere zuvor als «anders» klassifizierte Menschen wurden ihrem Wert entsprechend in die Gesellschaft integriert. Auf der artenübergreifenden Ebene hingegen waren noch gravierende Mängel vorhanden, welche im Folgenden psychologisch analysiert werden sollen.

Kurzer Überblick über die Situation im 21. Jahrhundert:

Bereits seit Charles Darwin seine Entwicklungstheorie veröffentlichte, war bekannt, dass der Unterschied zwischen Mensch und nichtmenschlichem Tier ein fliessender und nicht ein, wie zuvor geglaubt, grundsätzlicher ist. Die genetische Forschung fand mit zunehmender Präzision die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Arten und die Ergebnisse von Biologen und insbesondere auch von Verhaltensforschern führten dazu, dass nach und nach Fähigkeiten und Eigenschaften, die zuvor als typisch menschlich angesehen wurden, auch bei nichtmenschlichen Tieren nachgewiesen werden konnten – dazu gehörten unter anderen die Fähigkeiten Freude, Traurigkeit, Trauer und Angst zu empfinden, ein Sinn für Humor, Leidensfähigkeit, Intelligenz, Sprachbegabung2, Werkzeuggebrauch und Moralität. Es wurde deutlich, dass manche Menschen weniger dieser Eigenschaften besitzen als manches nichtmenschliche Tier3 und andersherum und somit grundsätzlich kein moralisch relevanter Unterschied zwischen Mensch und nichtmenschlichem Tier besteht. Über die Richtigkeit des allgemeinen Gleichheitsprinzips, wonach Gleiche bzw. Ähnliche auch gleich bzw. ähnlich behandelt werden müssen, bestand allgemeiner Konsens. Parallel hierzu wurden vom Mensch systematisch und staatlich legalisiert Gräueltaten an Mitgliedern anderer Arten begangen. Nichtmenschliche Tiere wurden für die menschliche Ernährung, Bekleidung, Unterhaltung und in damals üblichen so genannten Tierversuchen ausgebeutet. Der Wert nichtmenschlicher Tiere wurde an ihrem Nutzen für den Menschen bemessen und ihre Selbstzwecklichkeit wurde verleugnet. Nichtmenschliche Tiere wurden also willkürlich aus dem Anwendungsbereich des allgemeinen Gleichheitsprinzips ausgeschlossen. Zeitgenössische Philosophen4 haben diesen Widerspruch zwischen wissenschaftlichen Tatsachen und Moral erkannt und sind insbesondere für eine gegenüber der Artenzugehörigkeit vorurteilsfreie Rechtsprechung, wie wir sie heute kennen, eingetreten.

Diagnose:

Wie kann es sein, dass das eigentliche vernünftigste Tier andere Lebewesen nur aufgrund moralisch irrelevanter Merkmale wie der «Zahl der Beine, [der] Behaarung der Haut und [des] Ende[s] des os sacrum»5 diskriminierte, obwohl bereits erkannt wurde, dass beispielsweise «die Schwärze der Haut»6 für moralische Berücksichtigung irrelevant ist? Aus psychologischer Sicht könnte für die damalige Gesellschaft eine kollektive narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert werden. «Menschen, die diese Störung aufweisen, haben ein übertriebenes Gefühl der eigenen Bedeutung, sie beschäftigen sich vorwiegend mit Erfolgs- oder Machtphantasien und haben ein Bedürfnis nach ständiger Anerkennung – auch ohne besondere Leistungen erbracht zu haben. […] Auf Kritik […] reagieren von dieser Störung Betroffene mit scheinbarer Gleichgültigkeit oder mit deutlichen Überreaktionen. […] [Es] fehlt ihnen an Empathie für die Gefühle anderer.»7 All diese Symptome können festgestellt werden. «Bösartiger Narzissmus ist charakterisiert durch das Bedürfnis immer Recht zu haben, durch Hochmut und durch Verneinung persönlicher Fehlbarkeit.»8 Die Mitglieder anderer Spezies wurden durch den damaligen Menschen als entpersonalisierte Objekte eingestuft, was deren Ausbeutung ohne Gewissenskonflikte ermöglichte. Die Fähigkeit zu leiden und Bewusstsein wurde nichtmenschlichen Tieren abgesprochen und ihnen somit fast jegliche moralische Relevanz aberkannt, was sich in der auf Descartes’ Charakterisierung des nichtmenschlichen Tieres als Automat zurückgehenden, blinden oder dummen Überzeugung ausdrückte, dass «Tiere keine Schmerzen [empfinden]. Ihre Schreie [seien] genau wie das Quietschen eines Standbohrers.»9 Der Mensch handelte in reiner Arten-Selbstsucht. «Narzissmus auf dem Arten-Level ist vielleicht am eindeutigsten als Empathie-Defizit charakterisierbar. Empathie ist die Fähigkeit, die Gefühle eines anderen stellvertretend zu fühlen.»10 Leider ist bekannt, dass zwischen hoher Intelligenz und Empathie keine enge Verbindung besteht11. Auf Kritik an den herrschenden Moralvorstellungen wurde mit infantiler Ärgerlichkeit, Ungeduld und Rage reagiert, wie es typisch für diese Art der psychischen Erkrankung ist, wenn alte Gewohnheiten gestört werden. Im Gegenteil hat der Mensch sogar seine Intelligenz dazu genutzt, den Homozentrismus auch im akademischen Bereich zu rechtfertigen. Dazu wurden Konstrukte wie beispielsweise Gott12 oder die unantastbare und einzigartige Würde des Menschen erfunden, um die herausragende Stellung des Menschen in der Welt allen biologischen Tatsachen zum Trotz ins Nicht-Fassbare zu verschieben und somit in sichere Reichweite zu den Kritikern zu bringen. Eine Tierart wie den Homo sapiens, der «ein Eigenbild entwickelt hat, das grandios, stolz, selbstzentriert und mangelnd an Empathie ist»13 und welche als an Narzissmus erkrankt angesehen werden kann, zu behandeln, erforderte viele mutige Menschen, die uneigennützig für die Rechte anderer eingetreten sind und viel Zeit wie jede Befreiungsbewegung. Heute können wir stolz sein, unseren Artenegoismus überwunden zu haben und vorurteils- und gewaltfrei mit den «anderen» zusammen durch das Leben zu gehen.

Ich versichere, das vorstehende Sachverständigengutachten unparteiisch und nach bestem Wissen und Gewissen erstattet zu haben.

Heidelberg, den 31. Mai 2134
Diplom-Psychologe
Prof. Dr. Sigmund Reuter14

Fussnoten:
1 Narzissmus: lustbetonte, sexuell unterlegte Verliebtheit in den eigenen Körper.
2 Von besonderer Bedeutung waren hier die Grossen Menschenaffen, welche sich in der amerikanischen Zeichensprache verständigen konnten.
3 Vergleiche einen erwachsenen normal begabten Schimpansen, Gorilla oder Orang-Utan mit einem schwer geistig behinderten Menschen oder einem Kleinstkind.
4 Die so genannte Tierrechtsbewegung fand anfangs vorwiegend im angloamerikanischen Kulturkreis statt. Bedeutsame Vertreter waren Peter Singer und Tom Regan.
5 Jeremy Bentham zitiert nach Singer, Rowohlt 1996, S. 35 f.
6 Jeremy Bentham, a.a.O.
7 P. G. Zimbardo und R. J. Gerrig, Psychologie, Heidelberg 1999, S. 608.
8 S. J. Bartlett, Wurzeln menschlichen Widerstands gegen Tierrechte, Animal Law 2002.
9 T. G. Kelch, Toward a Non-Property Status for Animals, New York 1998, S. 556 f.
10 S. J. Bartlett, a.a.O.
11 Vgl. mit einer Studie eines Psychiaters über inhaftierte Nazis. D. Kelley, Cells in Nuremberg, W. Allen 1947.
12 Die Rechtfertigung des Homozentrismus erfolgte dann über die postulierte Gottesebenbildlichkeit des Menschen.
13 S. J. Bartlett, a.a.O.
14 Dieser Name ist frei erfunden, der eigentliche Autor des Textes ist Rainer Ebert, der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Tierrechte in Ulm.

Zum Autor:

Rainer Ebert studiert Physik und Philosophie und beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit der Philosophie der Tierrechte und dem Tierrecht in den Rechtswissenschaften. Er lebt in Ulm und leitet dort die Arbeitsgruppe Tierrechte.
Weitere Informationen im Internet unter www.tierrechte-ulm.de