Ohne Wille keine Bewusstseinsänderung
Immer mehr Gründe sprechen für die
vegetarische Ernährung. Zu den früheren (Abneigung gegen
unnötige Gewalt, um den eigenen Gaumen zu befriedigen) kommen
immer stärker auch die gesundheitlichen Auswirkungen des hohen
Fleischkonsums und die ökologischen Folgen der
Fleischmassenproduktion ans Tageslicht.
Zudem beginnt die Wissenschaft, Stück für Stück die
Mauer zwischen Mensch und Tier niederzureissen. Dass sich die Gene
bestimmter Primaten von denen des Menschen nur minimal unterscheiden,
gehört heute zum Allgemeinwissen. Moralisches Empfinden,
Werkzeuggebrauch und komplexe kommunikative Fähigkeiten finden
Verhaltensforscher bei immer mehr Tierarten.
Die früheren «Argumente» für den Fleischverzehr
sind also kaum noch haltbar und neue Gründe für die
vegetarische Ernährungsweise sind hinzugekommen. Dennoch wird
weiterhin in grossem Ausmass Fleisch konsumiert. Weshalb?
Kann man dieses unvernünftige Verhalten alleine mit der
Gewohnheit oder der Genusssucht erklären? Oder liegt es an der
völligen Ignoranz der Folgen des eigenen Handelns auf die
Umwelt?
Mag sein, dass diese Gründe eine wesentliche Rolle spielen. Doch
wie ist es möglich, dass auch ethisch verantwortungsbewusste,
intelligente Menschen in der heutigen Zeit noch immer Tiere
töten lassen, um deren Körper zu konsumieren?
Wenn man nicht das Herz eines Menschen erreicht, erreicht man auch nicht seinen Verstand. |
Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat die versteckte
Kraft, welche es erlaubt, etwas zu tun, obwohl man dafür gar
keine Gründe mehr vorbringen kann, in Worte gefasst:
«Manche Irrtümer halten wir unser Leben hindurch fest
und hüten uns, jemals ihren Grund zu prüfen, bloss aus
einer uns selbst unbewussten Furcht, die Entdeckung machen zu
können, dass wir so lange und so oft das Falsche geglaubt und
behauptet haben.»
Das Phänomen ist heute auch in ähnlicher Form in anderem
Zusammenhang als «rosarote Brille» bekannt. Wenn man
verliebt ist oder ein Idol oder einen Guru hat, prallen alle
negativen Informationen zu dieser Person ab, nur die positiven
Informationen werden wahrgenommen. Der wesentliche Unterschied ist
aber, dass die rosarote Brille (in der Regel) mit der Zeit immer
weniger wirkt. Vermeintliches Wissen, das man schon von den eigenen
Eltern übernommen hat, sitzt dagegen viel tiefer und festigt
sich oft im Laufe der Jahre. Hierbei hat man es ja nicht nur mit der
Furcht zu tun, dass man sich selbst jahrelang getäuscht haben
könnte, sondern auch damit, dass selbst die eigenen Eltern sich
ihr Leben lang irrten. Dadurch wird indirekt auch vieles andere, was
von den Eltern übernommen wurde und als sicher galt, in Frage
gestellt.
Ausserdem braucht es ein stabiles Selbstbewusstsein, um seine Meinung
neuen Erkenntnissen anpassen zu können, wenn man eine Meinung
bereits jahrzehntelang tagtäglich (in diesem Fall durch den
täglichen Fleischkonsum) vertreten hat.
Die Konsequenzen
Es ist kaum möglich, jemanden von den Vorteilen der
vegetarischen Lebensweise zu überzeugen, wenn er dies nicht
selbst will. Alle Fakten dieser Welt nützen nichts, wenn eine
Person sich innerlich dagegen auflehnt, ihr Verhalten ändern zu
müssen.
Bequemlichkeit, Gewohnheit, Genuss, Angst vor Neuem und viele andere
Gründe können einer echten, auf Fakten basierenden
Diskussion im Wege stehen. Es ist zwar sehr wichtig, dass man das
Wissen um die Folgen des heutigen Fleischkonsums jedem
zugänglich macht, dies genügt aber nicht, um alle Menschen
davon zu überzeugen, die Tiere nicht mehr als Nahrungsmittel,
sondern als leidensfähige Mitgeschöpfe zu betrachten.
Wenn man nicht das Herz eines Menschen erreicht, erreicht man auch
nicht seinen Verstand.
Oder um mit Schopenhauer zu sprechen:
«Nichts ist verdriesslicher, als wenn man, mit Gründen
und Auseinandersetzungen gegen einen Menschen streitend, sich alle
Mühe gibt, ihn zu überzeugen, in der Meinung, es bloss mit
seinem Verstande zu tun zu haben, – und nun endlich entdeckt,
dass er nicht verstehen will; dass man es also mit seinem Willen zu
tun hatte, welcher sich der Wahrheit verschliesst und mutwillig
Missverständnisse, Schikanen und Sophismen1 ins Feld
stellt, sich hinter seinem Verstande und dessen vorgeblichem
Nichteinsehen verschanzend.»
Dieses Verhalten hat nichts mit Bosheit zu tun, es ist eine natürliche Reaktion, die hilft, das eigene Weltbild nicht tagtäglich grundlegend in Frage stellen zu müssen. Es gibt einem Halt. Doch die Gefahr ist gross, dass dieser Halt zur Versteinerung führt und jede Weiterentwicklung der eigenen Person blockiert. Menschen, die es nicht gewohnt sind, zumindest von Zeit zu Zeit Grundsätzliches in Frage zu stellen, werden deshalb grössere Mühe haben, ihre Einstellung zu ihrem Fleischkonsum (oder andere Gewohnheiten) zu ändern.
Praktische Folgen
Bevor man versucht, jemanden zu überzeugen, sollte man
feststellen, ob die Bereitschaft, neue Informationen aufzunehmen,
überhaupt vorhanden ist. Wenn der Wille fehlt, gilt es
herauszufinden, weshalb die Abneigung vorhanden ist. Diese kann sehr
viele Ursachen haben und muss auch dementsprechend vielfältig
angegangen werden. Hier nur einige Stichworte dazu:
Angst vor Verlust des Genusses am Essen: Hier gilt
es aufzuzeigen, welche Vielfalt an schmackhaften Alternativen zu den
üblichen Fleischmenüs besteht. Am einfachsten lässt
sich dies durch praktische Erfahrung bei einem gemeinsamen Essen
aufzeigen. Falls dies nicht möglich ist, durch ein schön
bebildertes Kochbuch mit vielen Rezepten. Man muss hierbei
berücksichtigen, dass ein typischer Fleischesser sich bei der
vegetarischen Ernährung oft einen gewöhnlichen
Menüteller vorstellt, bei dem man bloss das Fleisch entfernt
hat. Dies führt natürlich zu einer Abwehrreaktion:
«Man will mir etwas wegnehmen!» Der Blick sollte also auf
die für Fleischesser oft völlig unbekannte Vielfalt der
vegetarischen Ernährung gelenkt werden.
Abneigung gegen das
«Körnerpicker»-Image: Hier gilt es
aufzuzeigen, dass heute auch viele ganz «normale» Personen
vegetarisch leben. Vor allem, da immer mehr aus ethischen,
ökologischen und ähnlichen Überlegungen zur
vegetarischen Ernährung wechseln und deshalb die Gesundheit oft
nur noch einen unter mehreren Beweggründen darstellt. Es gibt
auch viele prominente Beispiele von Vegetariern, die man als Beweis
aufführen kann, dass dieses Image längst der Vergangenheit
angehört.
Gesundheitliche Bedenken: Leider noch immer sehr
verbreitet ist die Angst davor, dass man ohne Fleisch nicht gesund
leben könne. Dieses Argument kann man natürlich am
einfachsten durch die eigene Person entkräften oder man kann auf
Völker verweisen, die problemlos seit Jahrtausenden vegetarisch
leben (z.B. Inder). Die gesundheitlichen Bedenken wurden nur in den
Ländern vorgebracht, in denen sehr viel Fleisch gegessen wird.
Neuerdings wird jedoch eingestanden, dass die eigentliche Gefahr
für die Gesundheit der zu hohe Fleischkonsum darstellt.
Erst wenn man herausgefunden hat, weshalb sich eine Person gegen
die vegetarische Ernährung wehrt und darauf eingegangen ist
(ohne die Person persönlich anzugreifen), kann man auch
erwarten, dass die weiteren Fakten aufgenommen werden. Da die Fakten,
neutral betrachtet, eindeutig für eine vegetarische Lebensweise
sprechen, ist man damit praktisch bereits am Ziel angelangt.
Allerdings braucht es auch dann oft noch viel Geduld. Die Einstellung
den Tieren gegenüber ist Teil des eigenen Weltbildes und das
Essen ist wohl die verbreitetste «Gewohnheit» der Menschen,
deshalb kann man eine Änderung in solch zentralen Dingen nicht
von einem Tag auf den anderen erwarten.
Aber manchmal kann man auch eine Person treffen, bei der es nur noch
eines letzten Anstosses bedarf, der dann den Ausschlag gibt für
diesen grundsätzlichen Wandel in der Einstellung gegenüber
den Tieren.
Renato Pichler
Fussnote:
1. Als Sophismus bezeichnet man einen gedanklichen Fehlschluss, der mit Absicht erfolgt. Beispiel: Böse Terroristen haben zwei Hochhäuser zerstört. Ein Diktator ist böse. Also hat der Diktator die Hochhäuser zerstört.
Literatur:
- Schopenhauer-Zitate aus «Sollen wir jede sogenannte ehrliche Überzeugung achten?» von Magnus Schwantje, 2. Auflage 1950, Seite 6–7
- Sue Savage-Rumbaugh, Roger Lewin: «Kanzi der sprechende Schimpanse – Was den tierischen vom menschlichen Verstand unterscheidet», Droemer Knaur, 1995
- Volker Arzt, Immanuel Birmelin: «Haben Tiere ein Bewusstsein? Wenn Affen lügen, wenn Katzen denken und Elefanten traurig sind», Goldmann, 1997
- Bernd Heinrich: «Die Seele der Raben», List, 1994
Weitere Informationen:
- Ernährungsethik als Gesundheitsfaktor, Auszug aus einem Vortrag von Renato Pichler
- Psychologie und Vegetarismus
- Selbstliebe, Menschenliebe, Tierliebe, Vegi-Info 2009-4
- Psychologische Abwehr gegen die Ernährungsumstellung, Vegi-Info 2006-4
- Gibt es Grenzen der Toleranz?, Vegi-Info 2007-3
- Dürfen wir Pflanzen töten?
- Es sind ja nur Tiere ...
- Vorurteil: Die Menschen kommen zuerst, Vegi-Info 2007-4
[Vegi-Info 2004/2 Inhaltsverzeichnis]
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 19.4.2011
