Brief von einem Vegi-Baby
Von Chris Wernke, übersetzt von Nicole Wernke-Wyss
So war das nicht geplant: Da sass ich also in meinem
Königreich aus Nass, Warm und Weich – zugegeben etwas
eingezwängt, aber alles in allem recht bequem – mit
permanenter 1a-Intravenös-Ernährung (nur vom Feinsten) und
dann musste ich plötzlich raus. Schock total!
Ich fand mich im Geburtshaus wieder, einlullende Musik und weiche,
warme Handtücher um mich herum. Und alle freuten sich
offensichtlich, dass ich nun da war: ich, Chris Wernke. Man schrieb
den 4.Juni 2003. Ich checkte kurz die Lage, alles in allem gar nicht
schlecht, aber da fehlte doch was …
Ich kann euch sagen, es war für mich der Hammer, als ich feststellte, dass ich nun nicht mehr alles Notwendige von Mami abzweigen konnte. Da musste ich nun selber atmen und da war dieser unwiderstehliche Drang zu saugen. Also sperrte ich meinen kleinen Mund auf, so weit ich konnte, und siehe da, meine Wünsche wurden erhört. So durfte ich in Ruhe gleich nach der Geburt an Mamis Brust saugen. Das war für mich die Erleuchtung und ich darf – nicht ohne Stolz – sagen, dass dies seither mein Spezialgebiet ist.
In den kommenden Wochen und Monaten nuckelte ich also wie ein
Weltmeister. Und: Es war (und ist immer noch) traumhaft. Wow! Mir
gehts blendend. Alles wieder da: mein warmes, weiches und nasses
Paradies. Und der Geschmack erst! Ich wusste ja, dass Mami sich
gesund ernährt, das hatte ich ja schon lange vor der Geburt
mitbekommen (siehe Vegi-Info 2/2003). Sie isst kein Fleisch
und dafür umso mehr Früchte und Grünzeug. Ehrlich: Ich
bin wirklich froh darüber, dass sie so vernünftig ist.
Krank sind nur die anderen
Ich habe nämlich meine Baby-Kollegen ausgehorcht und da kam
Schreckliches zu Tage: Die litten oftmals an Blähungen und
Krämpfen und schrien bis tief in die Nacht hinein. Uff, zum
Glück blieb mir das alles erspart! Ausserdem haben wir jetzt
Winter und alle sind krank. Die Liste der Krankheiten ist schier
endlos: Husten, Schnupfen, Magen-Darm-Grippe,
Mittelohrentzündung, Dreitagefieber, Neurodermitis (wobei Papi
meint, das sei vermutlich ein Impfschaden, aber das ist wieder ein
anderes Thema). Ehrlich, ich will gar nicht wissen, was das alles
bedeutet. Mir gehts nämlich toll.
Ganz am Anfang, da waren wir mal beim Doktor im Dorf, weil man uns
gesagt hatte, dass alle Kinder, die im Geburtshaus auf die Welt
kommen, mindestens einmal zum Doktor müssten. Aber der Doc war
wirklich blöd, hat mich immer impfen wollen und ausserdem hat er
über Vegetarier gelästert. Von wegen, die würden nicht
älter als andere, aber sähen älter aus. Papi hat dann
gesagt, dass der keinen Anstand und auch sonst keinen Verstand hat,
und seither gehen wir da nicht mehr hin. Basta. Ich bin schön
froh darüber.
Frau Doktor von der Homöopathischen Praxis SHI in Zug ist da
viel besser: Die war nett zu mir und will mich nicht unnötig oft
sehen. Einmal pro Jahr reicht, hat sie gesagt.
Meine Mami sagt oft, dass die gute Gesundheit unserer kleinen
Familie vor allem an der vollwertigen, fleischlosen Ernährung
liegt, die ja auch ich über die Milch erhalte, und dass sie
nicht versteht, dass die anderen Eltern (die meiner kränkelnden
Kollegen) das nicht begreifen, ja nicht einmal in Erwägung
ziehen wollen. Tsss ... dabei liegt es doch auf der Hand.
Natürlich kommt auch hinzu, dass Mami und Papi mich
überallhin tragen, dass ich nicht geimpft bin und ich mit ihnen
im grossen Bett schlafen darf. Es ist einfach toll, immer jemanden um
sich zu haben. Ich bin ein kleiner König und meine Eltern
meinen, das dürfe ruhig so sein, zumindest am Anfang.
Mit meinen nun acht Monaten habe ich viel Erfahrung mit Mamis
Zaubertrank sammeln können. Mir tut diese Milch so gut, dass ich
sie auch heute noch fast ausschliesslich trinke. Ich kriege zwar
Kartoffeln und Rüebli und Bananen, manchmal auch etwas Brot,
aber am liebsten trinke ich immer noch bei Mami. Mein Kampfgewicht
ist kontinuierlich auf zehn Kilo angestiegen und meine Energie, die
Umwelt zu erkunden, ist schier unerschöpflich.
Lifestyle ohne Kuhmilch
Mami hat nun beschlossen, dass ich weiterhin mit Früchten und
Gemüse (und natürlich Muttermilch) ernährt werden
soll. Sie sagt, es sei noch zu früh für Kuhmilch, denn sie
befürchtet, dass ich dann Probleme mit dem Magen bekomme, weil
die Verdauung von kleinen Leuten wie mir nicht gemacht ist für
Tierisches. Kuhmilch ist für Kälber und Menschenmilch
für kleine Jungs wie mich.
Ich habe vor, meinen jetzigen Lebensstil weiterhin zu pflegen (bis
es Mami verleidet) und kann allen meinen jüngeren Baby-Kollegen
nur anraten, dasselbe zu tun. Ihr könnt mir glauben (denn ich
bin ja jetzt Experte): Es gibt nichts Besseres für uns als
Vegi-Muttermilch.
Irgendwann aber läuft man nicht mehr nur auf den Felgen und dann
will man seine ersten Beisserchen auch benützen. Das ist
natürlich okay und ich werde mich jetzt auch langsam mit diesem
Gebiet vertraut machen. Nächstes Mal schreibe ich euch dann, wie
ihr euren Mamis erklären sollt, welche Vegi-Menüs sie euch
auf den Tisch stellen sollen.
Bis dahin grüsse ich euch alle herzlich
Chris Wernke, chris@wernke.ch
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Fortsetzung: Neues vom Vegi-Baby
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[Vegi-Info 2004/1 Inhaltsverzeichnis]
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008
