Steppengebiete: Ideal für die «Fleischproduktion»?
Behauptung:
In weniger fruchtbaren/beackerbaren Gegenden (z. B. Steppen und Prärien Afrikas, Nordamerikas usw.) lässt sich mittels Tierhaltung auch dort noch Nahrung produzieren, wo Ackerbau nicht oder kaum möglich ist: Das Vieh frisst das Gras, das sonst der menschlichen Ernährung nicht dienlich wäre. Mit einer rein vegetarischen Ernährung könnten diese Gebiete also nicht mehr besiedelt werden.
| Fleischproduktion in Steppengebieten verschlimmert somit die Situation und ist alles andere als nachhaltig. |
Richtigstellung:
Auf den ersten Blick scheint es logisch: In einer Steppe Gemüse
anzupflanzen, wird nicht sehr erfolgreich sein. Darf man also von
Bewohnern trockener Weltregionen überhaupt erwarten, vegetarisch
zu leben, oder ist dies zu unrealistisch?
Bei einer ganzheitlichen Betrachtungsweise stellt
sich die Situation ganz anders dar: Wie kommt es zu der stetigen
Ausbreitung der Steppengebiete? Eine Steppe entsteht, wenn der
Grundwasserspiegel immer mehr absinkt und die grössere
pflanzliche Vegetation immer mehr verschwindet.
Ein Hauptgrund dafür ist die Fleischproduktion, da diese sehr
viel Wasser benötigt und Wälder bzw. einzelne Bäume
und Büsche, welche für den Wasserhaushalt jeder Region
wichtig sind, zurückdrängt.
Ein Beispiel: Zur Produktion von einem Kilogramm Getreide werden etwa
100 Liter Wasser benötigt; für ein Kilogramm Rindfleisch
etwa 5000 Liter (je nach Produktionsmethode kann es sogar ein
Mehrfaches davon betragen). Allein dieses Verhältnis von 1:50
zeigt auf, dass Fleischproduktion gerade in trockenen Gebieten sicher
kein guter Umgang mit dem Land sein kann. Aufforstung mit
(Obst-)Bäumen ist zwar eine langwierige Angelegenheit, bringt
aber langfristig das ökologische Gleichgewicht wieder in Ordnung
und erlaubt dann auch wieder eine gesunde vegetarische
Ernährung. Einige Entwicklungshilfe-Organisationen haben dies
bereits erkannt.
Anstatt immer tiefere Brunnen für das Trinkwasser der so
genannten «Schlachttiere» zu graben ist es sinnvoller,
durch einen schonenderen Umgang mit der Umwelt dafür zu sorgen,
dass das Grundwasser nicht immer weiter absinkt. Gras/Weideland kann
nur sehr wenig Wasser speichern und lässt dadurch den Boden viel
schneller austrocknen als Büsche und Bäume.
Fleischproduktion in Steppengebieten verschlimmert somit die
Situation und ist alles andere als nachhaltig.

Fruchtbares Land durch vegetarische Ernährung
Glücklicherweise kann man mit einer pflanzenbasierten Kost nicht nur fruchtbaren Boden bewahren, sondern auch aus kaum mehr fruchtbaren, trockenen Steppenböden wieder fruchtbares, grünes Land machen. Dazu braucht es ein grosses Durchhaltevermögen, da dies nicht von einem Tag auf den anderen geht (allerdings wurden auch die Steppen erst nach vielen Jahren zu dem, was sie heute sind). Dass es aber möglich ist, zeigt folgendes Beispiel:
| Nach 10 Jahren:
Mango- und Nussbäume statt trockene Steppenlandschaft. |
Die Peoples-Clinic
In diesem von Schweizern initiierten Projekt in einer ärmeren
Region in Südindien (in Arai des Chitoor Districts von
Andhra-Pradesh) war es zu Beginn kaum vorstellbar, dass dort jemals
eine blühende, grüne Landschaft entstehen könnte. Die
karge, trockene, steinige Landschaft wurde höchstens für
einige Ziegen genutzt. Um für die Ziegen genug Futter zu
bekommen, schnitt man Äste von den Bäumen, damit die Ziegen
an die Blätter herankommen konnten. Die spärlichen letzten
Bäume wurden wegen ihres Holzes gefällt, um dieses in der
Stadt verkaufen zu können. Dadurch wurde nicht nur das Land
immer ärmer, sondern auch die Bewohner in der ganzen Gegend. Die
Trockenheit konnte sich immer mehr ausbreiten.
Nach über zehn Jahren findet man jedoch in dieser
ehemals unwirtlichen Gegend eine Vegetation, welche nicht nur das
lokale Klima positiv beeinflusst, sondern auch vielen frei lebenden
Tieren wieder erlaubte, sich in der Gegend niederzulassen. Dieses
«Wunder» wurde durch die Umstellung auf eine vegetarische
Nutzung der Gegend vollbracht. Es wurden Bäume gepflanzt, die
nicht nur Schatten spendeten und das Klima positiv beeinflussten,
sondern auch durch ihre Früchte (vor allem Mangos und
Cashewnüsse) für die Gegend neue wirtschaftliche
Einnahmemöglichkeiten eröffneten. Mit den Bäumen
konnte das ökologische Gleichgewicht wieder hergestellt werden.
Die Bilder auf dieser Seite zeigen deutlich, wie die Natur sich
wieder erholen kann, wenn man auf eine nachhaltige, pflanzenbasierte,
vegetarische Kost setzt.
Einen ausführlichen Bericht zu diesem erfolgreichen Konzept
können Sie in einer der kommenden Vegi-Info-Ausgaben
lesen.
Was geht mich das an?
Indien ist weit weg und Wasser gibt es in der Schweiz genügend.
Dennoch hat unser Ernährungsverhalten in der Schweiz einen
Zusammenhang mit der Ausbreitung der Steppen im Ausland. Der eine
Zusammenhang besteht darin, dass die reichen Industrienationen eine
Vorbildwirkung auf ärmere Länder haben. Heute ist es so,
dass die meisten Menschen, die kein Fleisch essen, dies aus
wirtschaftlichen Gründen nicht tun können (nebst der
religiös begründeten vegetarischen Ernährung). Sobald
diese Menschen genügend Geld haben, werden sie jedoch versuchen
sich auch das anzueignen, was zuvor den reicheren
Bevölkerungsschichten vorbehalten war. Wenn die Schweizer
Bevölkerung, welche im Ausland als sehr wohlhabend bekannt ist,
weitestgehend auf den Fleischkonsum verzichten würde, obwohl sie
ihn sich leisten könnte, wäre dies ein Zeichen dafür,
dass Wohlstand und Fleischkonsum nicht zwingend zusammengehören.
Das Fleisch würde in seinem Ruf als Statussymbol angegriffen
werden. Ein hoher Fleischkonsum wäre demnach nicht mehr so sehr
erstrebenswert für Menschen, die es sich (noch) nicht oder nur
selten leisten können.
Mit gutem Beispiel
vorangehen
In der heutigen Situation mit dem höchsten Fleischkonsum in den
Industriestaaten ist es völlig unglaubwürdig, wenn den
ärmeren Ländern gesagt wird, dass ein hoher Fleischkonsum
nicht erstrebenswert sei. Dies ist ein grosses, weltweites Problem:
Falls eines Tages alle Chinesen sich so fleischreich ernähren
würden wie heute die Industrieländer, würde die
gesamte weltweite Getreideernte nicht ausreichen, um all die Tiere zu
füttern, die dazu nötig wären, China mit genügend
Fleisch zu versorgen. Es ist also dringend nötig, sofort diesen
Trend zu stoppen, solange noch nicht alle Regenwälder und andere
Gebiete für die Fleisch- oder Futtermittelproduktion zu Steppen
umgewandelt wurden. Und mehr als alle Argumente zählt das eigene
Vorbild.
Der zweite Zusammenhang besteht darin, dass der Schweizer
Fleischkonsum auch direkt durch die Fleischproduktion negative
ökologische Auswirkungen im Ausland hat:
Internationale Verflechtung der Fleischproduktion
Im Jahre 2002 wurden 9,5 Millionen Geflügeltiere importiert.1 Diese werden praktisch ausschliesslich mit Kraftfutter
(Getreide/Hülsenfrüchte) gefüttert. Über 140000
Tonnen Fleisch importierte die Schweiz im Jahr 2002.
Doch auch bei dem Fleisch, das in der Schweiz «produziert»
wird, besteht der indirekte Zusammenhang mit dem Futtermittelanbau im
Ausland. Die Schweizer Fleischproduktion wäre im heutigen
Ausmass unmöglich, wenn nicht aus dem Ausland Futter importiert
würde.
Diesen Schwachpunkt hat auch die Fleischindustrie vor einigen Jahren
bemerkt. Deshalb wird heute vermehrt Tierfutter in der Schweiz
produziert. Wie stark sich diese Lobby durchsetzen konnte, zeigt,
dass bereits 1994 einseitig die Subventionen für Brotgetreide
aufgehoben wurden, während die Subventionen für
Futtermittelanbau weiterhin bestehen blieben. Die Folge: Noch mehr
Brotgetreide und andere pflanzliche Nahrungsmittel müssen in die
Schweiz importiert werden, da der Landwirtschaftsboden nun vermehrt
für den Futtermittelanbau genutzt wird.
| Die Schweiz importierte 2002 rund 720'000 Tonnen Futtermittel. |
Im Jahr 2002 wurden deshalb 300'000 Tonnen Weizen in die Schweiz
importiert. Hinzu kommen dennoch nochmals rund 720'000 Tonnen an
Futtermitteln aus dem Ausland.
All dies muss zuerst einmal auf irgendeinem Boden wachsen. Um dieses
Importfutter in der Schweiz produzieren zu können, wären
über 100'000 ha zusätzliches Ackerland nötig (heute hat
die Schweiz ca. 250'000 ha Ackerfläche). Deshalb ist die Schweiz
durch den Fleischkonsum unmittelbar mit dem Ausland verbunden.
Reicht der Fleischverzicht?
Nebst dem Fleischverzicht kann man sich anhand dieser Tatsachen
natürlich auch jeweils überlegen, ob eine Organisation eine
nachhaltige Entwicklungshilfe leistet oder kurzsichtig unsere
Viehwirtschaft zu exportieren versucht. Denken Sie daran, bevor Sie
das nächste Mal eine Organisation unterstützen!
Renato Pichler
Fussnote:
1 Statistische Zahlen gemäss Schweizerischer Aussenhandelsstatistik, publiziert unter:
www.bauernverband.ch
Weitere Informationen:
- Die Berggebiete: Ideale Region für die Viehwirtschaft? Vegi-Info 2004/1
- Ökologische Folgen des Fleischkonsums. Umfassendste Zusammenstellung zum Thema.
[Vegi-Info 2004/1 Inhaltsverzeichnis]
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008
