Die Berggebiete:
Ideale Region für die Viehwirtschaft?
Es ist sehr interessant, wie viele Menschen bei Kritik an
ihrem Fleischkonsum darauf verweisen, dass man in Berggebieten
(angeblich) ausser Fleisch nichts produzieren könne und es
deshalb ökologisch Sinn mache, Fleisch zu konsumieren. Dabei
geht immer wieder «vergessen», wie klein der Anteil des
Fleisches aus den Bergregionen gegenüber dem Fleisch aus den
Talgebieten ist. Der überwiegende Anteil des Fleisches wird in
Gebieten produziert, wo man problemlos auch pflanzliche Nahrung
anbauen könnte.
Fleischkonsumenten lassen sich ungern das idyllische Bild der
Bergbauern nehmen, da sie nicht an Tierfabriken erinnert werden
wollen, wenn sie Fleisch konsumieren, selbst wenn sie ausschliesslich
konventionell produziertes Fleisch aus dem Supermarkt oder in
Restaurants konsumieren. Die Bergbauern als Alibi für die
«Sünden» im Tal sind so beliebt, dass man sich diesen
Mythos nicht nehmen lassen will. Dennoch wird mit diesem Artikel
gewagt, am Mythos der heilen Welt in den Bergen zu rütteln.

Sensible Berggebiete
Die Schweizer Berge sind ökologisch sensible Gebiete. Die
mageren Bergwiesen sind gerade aus diesem Grunde besonders
erhaltenswert. Auch wenn es nie direkt ausgesprochen wird,
orientieren sich jedoch viele Menschen auch heute noch an der Frage:
«Wie kann man aus dem letzten Winkel Natur noch das Maximum an
Profit herauspressen?»
Die dünne Vegetationsschicht der Alpen ist jedoch nicht dazu
geschaffen, das zehnfache Gewicht der natürlichen Bergbewohner
(Gämsen, Steinböcke) zu tragen. Nebst dem schweren Gewicht
der Rinder werden die mageren Berggebiete durch die Fleischproduktion
auch durch die viel grösseren Nitratmengen aus den Exkrementen
der Rinder belastet. In der Vergangenheit waren diese Einflüsse
recht klein, da nur jeweils wenige Bergbauern mit wenigen Tieren auf
den Alpen lebten und weder Kunstdünger noch tierische
Fäkalien (als Dünger) aus dem Tal herauftransportiert
wurden.
| Gehören Rinder auf die Alpen? | |
|---|---|
| Körpergewicht der Tiere: | |
| Steinbock: Gämse: Kuh: Stier: |
75 bis 120 kg |
Der heutige Fleischmarkt (d.h. die Konsumenten) verlangt jedoch nach viel und billigem Fleisch. Dieses kann mit den alten Methoden nicht mehr produziert werden. Deshalb werden auch in den Alpenregionen nicht nur die dort heimischen Wildtiere immer mehr durch die sogenannten Schlachttiere verdrängt, sondern es wird zunehmend auch die Pflanzenwelt, welche auf magere Böden angewiesen ist, gefährdet.
Wirtschaftlichkeit
Das Argument, dass man in den Schweizer Alpen kaum etwas anderes als
Fleisch und Milch produzieren kann, beruht oft auf dem
Rentabilitätsgedanken. Es trifft jedoch nicht zu, dass
Bergbauern von Fleisch (und Käse) alleine leben können.
Was die Wirtschaftlichkeit der Berggebiete für die
Fleischproduktion anbelangt, reicht bereits ein Blick auf die
Subventionszahlen. Trotz den hohen Landwirtschaftssubventionen an die
Bauern im Tal brauchen alle Fleischproduzenten in den Bergen
zusätzliche finanzielle Hilfen, um wirtschaftlich überleben
zu können. Es lohnt sich also weder aus ökologischer noch
aus wirtschaftlicher Sicht, so weit oben Tiere zur Fleischproduktion
zu halten.
Vergandung / Verwilderung
Ein weiteres oft vorgebrachtes Argument ist, dass die
Berglandwirtschaft eine Vergandung der Berggebiete verhindert.
Um dies genauer betrachten zu können, muss man sich zuerst
einmal im Klaren sein, was man unter «Vergandung» versteht:
Mit diesem Wort wird in der Schweiz das Verwildern, insbesondere von
Berggebieten, bezeichnet. Mit anderen Worten: Verbuschung und
Verwaldung.
Das Wort wird praktisch immer als negativer Ausdruck verwendet. Dies
geht so weit, dass man Reglemente zur Verhinderung der Vergandung
erlassen hat. Mit welchen «Problemen» die Bekämpfer
der Vergandung zu tun haben, zeigt die Einleitung zum Reglement gegen
die Vergandung der Gemeinde Staldenried: [1]
«Es kommt immer vermehrt vor, dass der aufgehende Graswuchs
weder geerntet noch entfernt wird. Dadurch wird die Brandgefahr
erheblich erhöht. Das gepflegte Ortsbild wird negativ
beeinträchtigt. In ungeernteten Wiesen und Weiden sammelt sich
alles Ungeziefer an.»
Selbst naturbelassene Wiesen, welche Unterschlupf für viele
Insekten bieten, werden somit bereits als
bekämpfungswürdige «Vergandung» bezeichnet.
Blühende Landschaften werden als Unkraut betrachtet. [2]
Doch zurück in die Berge: Hier sollte doch der
Umweltschutzgedanke etwas stärker ausgeprägt sein? Ein
Argument, das hier gegen die Vergandung vorgebracht wird, ist, dass
die Lawinengefahr steigt, wenn man die Wiesen nicht mäht (um
daraus Futter für die Schlachttiere zu machen) oder abweiden
lässt, weil auf nassem, niedergedrücktem Gras der Schnee
nur schlecht hält. Auch dies klingt auf den ersten Blick
logisch. Wenn man sich aber vor Augen hält, was damit in erster
Linie langfristig verhindert wird (die Verbuschung und Verwaldung),
dann ist das Lawinenargument kaum noch haltbar. Gerade wegen Weiden
in hohen Lagen wurden auch dort der Wald und die Büsche und
damit auch die dort heimischen Wildtiere zurückgedrängt.
Und oberhalb der Waldgrenze die schweren Rinder weiden zu lassen,
anstatt dieses Gebiet den viel leichteren und besser angepassten
Wildtieren zu überlassen, kommt für die Verfechter der
Berglandwirtschaft leider auch nicht in Frage. Durch die Jagd und die
Anwesenheit der Bergbauern werden die heimischen Tiere
zurückgedrängt, wodurch die natürliche Abweidung der
Alpregionen längst kaum noch ausreichend stattfindet. Man
schafft sich also ein Problem durch die Jagd und erhält ein
Argument für die wirtschaftliche Ausbeutung der Berge. Wenn man
sich die Lage neutral ansehen würde, gäbe es bestimmt auch
noch ganz andere Lösungen (siehe weiter unten).
Die einzige Frage in Bezug auf eine mögliche Vergandung ist aber
immer: Wie kann man sie verhindern? Nie wird danach gefragt, ob man
sie überhaupt verhindern sollte oder gar welchen Nutzen eine
Verwilderung für die Natur bringen würde.
Mythos Berggebiete
In der Schweiz ist die Berglandwirtschaft zu einem Mythos geworden. Jede Kritik daran kommt schon fast einem Landesverrat gleich. Nicht nur mit Steuergeldern wird deshalb dafür gesorgt, dass sich dort oben nichts ändert, sondern auch durch diverse Organisationen, die reichlich Spendengelder dafür sammeln (Stichwort: Berghilfe). Es geht in diesem Artikel nicht darum, die Berggebiete völlig zu entvölkern (obwohl dies für die dortige Flora und Fauna an manchen Orten sicher eine Erleichterung sein könnte), sondern darauf aufmerksam zu machen, dass die Art der heutigen Nutzung dieses Gebietes verfehlt ist und somit sicher nicht als Begründung für den Fleischkonsum dienen kann.
| «Dieselbe Strecke Landes, welche als Wiese, d.h. als
Viehfutter, zehn Menschen durch das Fleisch der darauf
gemästeten Tiere aus zweiter Hand ernährt, vermag, mit
Hirse, Erbsen, Linsen und Gerste bebaut, hundert Menschen zu erhalten
und zu ernähren.» Alexander von Humboldt (1769–1859) |
Alternativen
Das Schweizer Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) [3] schreibt in seiner Selbstdarstellung: Das BLW leistet einen
wesentlichen Beitrag zur dezentralen Besiedlung des Landes.
Damit ist natürlich nicht zuletzt die Besiedlung der hintersten
Winkel der Schweizer Alpen gemeint. Wenn man als Rahmenbedingung also
akzeptieren würde, dass es die Pflicht der Steuerzahler ist, die
wenigen Menschen, welche in hohen Bergregionen leben möchten, zu
finanzieren, bleibt die Frage, ob es dort Alternativen zur Fleisch-
und Milchproduktion gibt.
Solche Alternativen gibt es tatsächlich. Sie sind aber kaum in
den offiziellen Lehrbüchern der Landwirtschaft zu finden und
werden auch von den Bauernorganisationen nicht propagiert (abgesehen
von bestimmten touristischen Tätigkeiten).
Das System der heutigen Berglandwirtschaft hat sich in den letzten
Jahrzehnten durch die Subventionspolitik festgefahren. Deshalb werden
noch heute Produkte erzeugt, die nicht konkurrenzfähig sind und
dennoch grossen Arbeitsaufwand ergeben. In jedem anderen Beruf
hätte man längst nach profitableren Alternativen Ausschau
gehalten, weil man nicht auf die Subventionierung der Steuerzahler
zählen kann.
Glücklicherweise gibt es aber auch unter den Bergbauern
Aussteiger, die sich nicht mehr länger von den Steuerzahlern
finanzieren lassen wollen. Hier deshalb ein Beispiel, wie eine
Alternative zur heutigen ausschliesslich auf Tierhaltung fixierten
Berglandwirtschaft aussehen könnte:
Der Krameterhof
Auf einer Höhe von 1000 bis 1500 m liegt in den Alpen im
österreichischen Lungau der Krameterhof von Sepp Holzer. Weder
er noch seine Pflanzen halten sich an die Regeln, die in den
landwirtschaftlichen Lehrbüchern vermittelt werden. Auf heute
bereits über 45 ha Land, welches meist steil und steinig ist,
hat er nebst unzähligen Gemüsesorten, Kräutern etc.
rund 15'000 Obstbäume gepflanzt. Selbst Kiwis wachsen und reifen
auf seinem nach den Prinzipien der Permakultur angelegten Hof. Der
Österreichische Rundfunk nahm dieses Phänomen zum Anlass,
ein Feature über diesen Hof zu senden. Der Titel: «Zitronen
von der Alm – Die naturkundliche Rebellion des Sepp
Holzer». [4] Viele Studenten und ganze Schulklassen
besuchen seinen Hof, um mit eigenen Augen zu sehen, was möglich
ist, wenn man von den festgefahrenen Lehrmeinungen der Landwirtschaft
abweicht. Obwohl (oder gerade weil!) dort vieles genau im Gegensatz
zur offiziellen Lehrmeinung gemacht wird, ist die Ernte
ausgezeichnet. Trotz der sehr hohen Lage mitten in den Alpen.
Für alle, die sich näher mit einer solchen wirklich
nachhaltigen Landwirtschaft befassen möchten, gibt es bereits
mehrere Möglichkeiten:
Besuchen Sie die Internetseite des Hofes: www.krameterhof.at
Seine Geschichte ist auch in Buchform erhältlich: Sepp Holzer
– Der Agrar-Rebell, 240 Seiten, 30 Bildseiten, ISBN
3-7020-0970-1.
Renato Pichler
Fussnoten:
- Zum Beispiel Reglement zur Verhinderung der Vergandung der Gemeinde Staldenried, www.staldenried.ch/pdf/vergandung.pdf.
- www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=572171.
- Homepage des Bundesamtes für Landwirtschaft: www.blw.admin.ch.
- Diese Sendung kann beim Österreichischen Rundfunk, ORF-Shop, Argentinierstr. 30a, 1040 Wien auf CD bestellt werden: «Zitronen von der Alm – Die naturkundliche Rebellion des Sepp Holzer», ein Feature von Ernst Weber. Im Internet unter: http://shop.orf.at.
Weitere Informationen:
- Steppengebiete: Ideal für die «Fleischproduktion»? Vegi-Info 2004/1.
- Ökologische Folgen des Fleischkonsums. Umfassendste Zusammenstellung zum Thema.
[Vegi-Info 2004/1 Inhaltsverzeichnis]
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008
