Die Macht der so genannten Experten
Im letzten Vegi-Info wurde das neue Positionspapier der
American Dietetic Association (ADA) zur vegetarischen Ernährung
vorgestellt. Diese Organisation ist ein Zusammenschluss von über
70000 Ernährungsexperten und kam zum Ergebnis, dass die
vegetarische und vegane Ernährung in jedem Alter für alle
Personen empfehlenswert ist. Gleichzeitig wird von anderen
«Experten» in der Schweiz die vegetarische Ernährung
als so extrem und gefährlich angesehen, dass Vegetarier und
Veganer von der Ausbildung als diplomierte
Ernährungsberater/innen ausgeschlossen werden.[1] Wie kommt es zu
solch unterschiedlichen Experteneinschätzungen?
Für viele Menschen gilt die Schulmedizin genauso als exakte
Wissenschaft wie die Mathematik. Bei näherer Betrachtung stellt
man jedoch nebst vielen Parallelen auch wesentliche Unterschiede
fest.
In der Mathematik käme niemand auf die Idee zu fragen, wie gross
die Wahrscheinlichkeit sei, dass zwei plus drei fünf ergibt, da
die Mathematik auf Grundregeln aufbaut, die in jedem Fall ausnahmslos
eingehalten werden.
In der Schulmedizin gibt es zwar auch Regeln, jedoch kaum eine, die
ausnahmslos immer gilt. Fast immer wird mit Wahrscheinlichkeiten
gearbeitet. Allen sind die Aussagen der Medizin bekannt: Wenn man
viel raucht, bekommt man mit höherer Wahrscheinlichkeit
Lungenkrebs, oder im Winter ist die Wahrscheinlichkeit höher,
einen Schnupfen zu bekommen, als im Sommer und so weiter. Für
einzelne Personen ist die Medizin nicht in der Lage, exakte Aussagen
zu machen (z. B. gibt es auch viele Raucher, die nie an Lungenkrebs
erkranken).
Die Schulmedizin hat also zu den meisten Fragen keine allgemein
gültigen Gesetze gefunden, wie es in allen anderen
Wissenschaftsbereichen üblich ist. Kein Arzt kann Ihnen
voraussagen, ob Sie jemals einen Krebs bekommen werden, geschweige
denn, was für einen. Natürlich liegt dies auch daran, dass
der menschliche Körper so komplex ist, dass er das
Fassungsvermögen des Menschen (und somit auch der
«Experten») übersteigt. Dennoch müssen die
Experten aber in der Öffentlichkeit so auftreten, als
verfügten sie über gesichertes Wissen.
Die Mathematik in der Schulmedizin
Da allgemein die Mathematik als neutrales präzises Werkzeug
gilt, versucht man also auch in der Medizin möglichst viel mit
dem Werkzeug der Mathematik zu umschreiben. Mangels exakter Regeln
geschieht dies fast immer mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung und
Statistik.
Damit verschaffen sich die so genannten Experten gleich zwei
Vorteile: Sie geben ihren Aussagen durch die Mathematik einen
seriösen Anstrich und können ihre wissenschaftlichen
Resultate so verpacken, dass es (nicht nur für Laien) schwer
wird, auf den ersten Blick Fehler zu erkennen, da man bei
Wahrscheinlichkeitsangaben die Aussage ja nicht einfach über ein
einzelnes Experiment überprüfen kann. Denn über
einzelne Personen können solche Wahrscheinlichkeitsangaben bzw.
Statistiken überhaupt keine konkreten Aussagen machen.
Dies führte dazu, dass heute kaum noch eine medizinische Studie
andere Resultate als Wahrscheinlichkeiten und Statistiken vorweisen
kann.
| «Es handelt sich bei der Medizin ganz allgemein nicht um
eine exakte Wissenschaft.»
Prof. Dr. H. Kollaritsch in der Ärzte-Woche vom 16.7.2003 |
Falls Sie in der Schule einmal ein Fach Statistik oder
Wahrscheinlichkeitstheorie hatten, gehören Sie mit grosser
Wahrscheinlichkeit zu denjenigen, die froh waren, als es vorüber
war (ausser Sie sind begeisterte/r Mathematiker/in). Dies hat damit
zu tun, dass es ein sehr komplexes Gebiet ist und viele Fehlerquellen
enthält, die man erst auf den zweiten Blick erkennt. Wenn man
sich in diesem Fach auskennt, kann man sich Forschungsresultate fast
immer so zusammenstellen, dass man als Ergebnis das erhält, was
man gerne haben möchte. Das grosse Problem dabei ist, dass man
dies oft sogar unbewusst ohne böse Absicht macht.
Zwei deutsche Wissenschaftler, Hans-Peter Beck-Bornholdt und
Hans-Hermann Dubben, haben sich mit diesem Problem befasst und ein
Buch geschrieben, in dem sie allgemein verständlich einige der
häufigsten Fehlerquellen aufzeigen, die bei solchen
«Zahlenspielereien» gemacht werden. Das sehr
empfehlenswerte Buch heisst: «Der Hund, der Eier legt –
Erkennen von Fehlinformation durch Querdenken». So absurd der
Titel auch klingt, er zeigt gut auf, auf welche Resultate man kommen
kann, wenn man statistische Zahlen falsch interpretiert. Das Buch
enthält viele solch eindeutige, leicht durchschaubare Beispiele
von Fehlinterpretationen und Fehlanalysen, die jedoch als Grundlage
immer Fälle aus der wissenschaftlichen Literatur (den so
genannten wissenschaftlichen Studien) haben.
Beide Autoren verstehen es als Insider (sie sind beide
preisgekrönte Wissenschaftler), die Zusammenhänge humorvoll
und allgemein verständlich aufzubereiten.
Woher kommen die unterschiedlichen
Expertenmeinungen?
Wie kam es dazu, dass man heute für fast jede Meinung eine
Studie findet, die sie unterstützt oder einen Experten, der sich
dafür einsetzt?
Der Professor für Biophysik und Strahlenbiologie mit Fachbereich
Medizin Hans-Peter Beck-Bornholdt und der promovierte Biophysiker
Hans-Hermann Dubben sehen vor allem einen Grund: «Die Forschung
ist gegenwärtig eher darauf angelegt, Quantität zu
produzieren. Qualität in Form von soliden Ergebnissen ist nicht
gefragt.»
Je öfter ein Wissenschaftler etwas publiziert, desto
grösser wird sein Ansehen in den Fachkreisen und desto
öfter bekommt er attraktive Aufträge (z. B.
Expertengutachten zu erstellen).
Die beiden Autoren haben zum Beispiel in der bedeutendsten
radioonkologischen [2] Zeitschrift (Radiotherapy and Oncology) die
veröffentlichten Studien mehrerer Jahre näher untersucht
und sind zum Ergebnis gekommen, dass rund ein Drittel aller dort
publizierten klinischen Arbeiten statistisch nicht haltbare Aussagen
enthalten. Sie haben dazu auch eine Arbeit mit diesen Resultaten in
derselben Zeitschrift veröffentlicht (siehe unter Quellenangaben
am Ende dieses Artikels). Aufgeschreckt durch dieses vernichtende
Resultat haben sie einige Jahre später noch einmal dieselbe
Untersuchung gemacht und kamen zum gleichen Resultat. Dieses zweite
Resultat wurde jedoch zur Veröffentlichung nicht mehr
angenommen. Da die dort publizierten Arbeiten auch heute noch
wegweisend für die schulmedizinische Behandlung von
Krebspatienten sind und es keinen Grund gibt, weshalb sich die
Situation verbessert haben sollte, werden heute auf Grundlage solcher
fehlerhaften Studien Patienten behandelt.
| Die Pharmafirmen stecken wesentlich mehr Geld in das Marketing
ihrer Produkte als in die Forschung und Entwicklung neuer Produkte.
Südwestrundfunk, Radio-Akademie, 24.5.2003 |
Auf dem Ernährungssektor würde eine Untersuchung kaum ein viel besseres Bild ergeben. Im Gegensatz zur Krebsforschung kommt hier sogar noch ein wesentlicher zusätzlicher Faktor hinzu, der die Resultate kaum wissenschaftlich exakter werden lässt: Jeder Wissenschaftler ist auch ein Mensch und ernährt sich auf irgendeine Art. Deshalb muss er sich als Privatperson auch entscheiden, ob er z. B. Fleisch isst oder nicht. Da die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler noch immer Fleischesser sind, werden die Resultate dadurch bewusst oder unbewusst auch entsprechend beeinflusst. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Aspekte. Durch die sehr hohen Subventionen der Produktion und Verarbeitung tierischer Produkte fliesst in diesem Bereich sehr viel Geld, das auch entsprechend verwendet werden kann. Wenn also die persönliche private Einstellung zum Vegetarismus sich mit derjenigen des Geldgebers deckt, ist es umso schwerer, wissenschaftlich exakte Arbeiten zu diesem Thema zu erstellen.
Was folgt aus alldem?
Nicht jede Aussage, die auf angeblich wissenschaftlichen Fakten
beruht, muss deshalb auch stimmen.
Klären Sie ab, wer hinter einer Veröffentlichung steht.
Also z. B., wer den Wissenschaftler, der die neue Erkenntnis
veröffentlicht hat, finanziert. Die Auftraggeber sagen oft schon
viel über das Resultat aus, obwohl rein wissenschaftlich
natürlich kein Zusammenhang zwischen der Finanzierung und den
Resultaten einer Studie bestehen sollte.
Versuchen Sie zu jeder Aussage Expertenmeinungen aus
unterschiedlichen Quellen zu berücksichtigen. Idealerweise
sollte man immer auch die gegenteilige Meinung anhören, bevor
man sich ein Urteil bildet.
Wann immer möglich, sollte man sich auf Originalaussagen
stützen. Ein Journalist, der über eine Studie schreibt,
schreibt dies in der Regel aus seinem Blickwinkel und somit selektiv.
Leider kommt es oft vor, dass selbst die Zusammenfassungen
wissenschaftlicher Studien nicht immer übereinstimmen mit dem,
was wissenschaftlich in der Studie herausgefunden wurde. Um ganz
sicher zu sein, muss man also jeweils die ganze Studie lesen.
All diese Massnahmen sind leider sehr aufwändig und ohne
wissenschaftliche Ausbildung ist auch nicht alles umsetzbar. Deshalb
wird man auch in Zukunft auf Expertenaussagen angewiesen sein. Man
sollte aber dennoch nie blind einer Expertenmeinung Glauben schenken,
bloss weil es ein so genannter Experte ist, sondern nur, weil seine
Argumente auch nachvollziehbar sind und die gegenteilige Meinung der
anderen Experten mit weniger glaubwürdigen Argumenten vertreten
wird.
Und natürlich sind nicht alle Experten unfähig, korrekte
Studien zu erstellen, oder gar Betrüger. Deshalb lohnt es sich,
sich die Namen von guten, vertrauenswürdigen, unabhängigen
Experten zu merken.
Dasselbe gilt natürlich auch für Fachorganisationen. Diese
verfügen meist über eigene Experten, welche
wissenschaftliche Arbeiten vor der Veröffentlichung nochmals
kritisch prüfen können und Gegendarstellungen zu
fehlerhaften Studien bringen.
Um sich ein Urteil bilden zu können, bleibt einem also nur, die
Meinung unterschiedlicher Experten anzuhören und daraus selbst
einen Schluss zu ziehen.
Wenn also eine neue Studie «beweisen» würde, dass
hoher Fleischkonsum gesund sei, könnten Sie z. B. bei einer
Vegetarierorganisation oder einer neutralen
Ernährungsorganisation nachfragen, wie sie diese Studie
beurteilen.
| «Wir sind gewohnt, selbst zu entscheiden, welches Auto oder
welchen Kühlschrank wir kaufen. Wir informieren uns vorher sehr
gut. Wenn es jedoch um unseren eigenen Körper und unsere
Gesundheit geht, dann ist es so, dass wir diese Entscheidung
häufig gar nicht haben wollen.»
Gerd Gigerenzer, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung |
Wenn Sie eine Studie lesen, die besagt, dass die vegetarische Ernährung gesund sei, können Sie natürlich dasselbe z. B. beim Metzgermeisterverband tun.
Schliesslich bleibt der Entscheid, wem man glauben soll, immer ein persönlicher, den man ganz alleine treffen sollte. Eine wichtige Hilfe sind dabei der gesunde Menschenverstand und die Natur als Vorbild. Wenn Sie z. B. jemanden kennen, der seit Geburt noch nie Fleisch konsumiert hat, sollte dies stärker bewertet werden als eine Aussage eines Wissenschaftlers, der behauptet, eine vegetarische Ernährung sei unmöglich.
Renato Pichler
Fussnoten:
[1] Die Ernährungsberater-Ausbildung kann in der Schweiz nur an drei Institutionen absolviert werden. Im Universitätsspital in Zürich lehnt die Schulleitung alle Vegetarier, die sich zu dieser Ausbildung anmelden, ohne weitere Prüfung prinzipiell ab. Im Inselspital in Bern werden Vegetarier nicht grundsätzlich abgelehnt, jedoch haben dort Veganer keine Möglichkeit, die Ausbildung zu absolvieren. Siehe dazu auch: Sind Vegetarier in Schulen für Ernährungsberatung unerwünscht? (Nachtrag von 2008: Diese Situation hat sich geändert)[2] Radio = Strahlen, Onkologie = Krebswissenschaft
Quellen:
- «Der Hund, der Eier legt – Erkennen von Fehlinformation durch Querdenken», Rowohlt-Verlag, ISBN 3-499-61154-6, 2001, Fr. 17.70, 287 Seiten.
- «Deutsche Forscher fälschten Krebsstudie» Spiegel, 12.9.2003
- «Manipulieren, fälschen, unterdrücken», Spiegel, 11.8.2003
- «Die so genannten Experten – Auf welches Wissen kann ich mich verlassen?», Südwestrundfunk, Radio-Akademie, 24.5.2003
- «Jährlich 25 000 Tote durch falsche Medizin in Deutschland», Die Welt, 13.10.2002
- «Grösster Forschungsskandal Deutschlands bleibt ohne weitere Folgen», Bild der Wissenschaft, 7.12.2001
- «Medizin-Forschung oft wissenschaftlich unsauber», Bild der Wissenschaft, Online-Ausgabe, 26.5.2001
- «Fälschung statt Forschung», Bayerisches Fernsehen, 21.3.2001
- «Forschungsskandal: Streit um die richtige Mischung», Die Zeit 29/2001
- «Pharma setzt Wissenschaftler massiv unter Druck, wenn Studien nicht ihren Vorstellungen entsprechen», Surfmed news, 2.11.2000
- «Anatomie einer Fälschung», Berlin-Online, 28.5.1997
- H.-P. Beck-Bornholdt, H.-H. Dubben: «Potential pitfalls in the use of p-values and in inter-pretation of significance levels.», Radiotherapy and Oncology, 33 (1994) 171-176.
- «So lügt man mit Statistik», Piper-Verlag, ISBN 3-492-23038-5, 206 Seiten.
Weitere Artikel zu diesem Thema :
- Wirtschaftsförderung oder Volksgesundheit, Vegi-Info 2000/4
- Forschung und Betrug: Zusammenstellung verschiedener Wissenschafts-Betrugsfälle.
- Wahrheitssucher auf Abwegen – Mogelnde Forscher und ihre Motive, Deutschlandfunk. Teil 2
- Wenn Forscher zu Fälschern werden, PulsTipp, September 1998
- Das Pharma-Kartell: Wie Patienten betrogen werden, diese Dokumentation des ZDF zeigt eindrücklich auf, wie Medikamente auf den Markt gedrückt werden und deren Nebenwirkungen verheimlicht werden. Lügen und Korruption sind an der Tagesordnung. Der ganze Film kann online angesehen werden.
[Vegi-Info 2003/4 Inhaltsverzeichnis]
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 12.1.2009
