Vegetarismus und Christentum
Grundlagen des Christentums
Das Christentum ist die auf Jesus zurückgeführte und nach
dessen Ehrentitel Christus benannte Religion, deren
Anhänger auf zirka 1,9 Milliarden (mit allen Abspaltungen)
geschätzt werden, und stellt somit die grösste Religion
dar.
Neben der römisch-katholischen Kirche und den nicht an Rom
gebundenen katholischen Kirchen gibt es die Gruppe der
reformatorischen (protestantischen/evangelischen) Kirchen sowie die
auf protestantischem Boden entstandenen christlichen
Glaubensgemeinschaften.
Wie das Judentum und der Islam ist das Christentum eine
monotheistische Religion: Der heilige, ewige, mächtige Gott gilt
als der personal Eine und Einzige, neben dem es keine weiteren
Götter gibt. Das heilige Buch der Christen ist die Bibel. Grosse
Bedeutung in der Bibel hat der Gedanke der Sünde. Damit soll
erklärt werden, dass die alltägliche Erfahrung des
Menschseins nicht nur durch Heil, Glück, Liebe gekennzeichnet
ist, sondern vielfach auch durch Unheil und Leid.
Vegetarismus im Christentum
Geht es nach dem derzeit gültigen Katechismus in der
katholischen Kirche, so ist der Stellenwert der Tiere klar. Dort
heisst es: «Man darf sich der Tiere zu Ernährung und
zur Herstellung von Kleidern bedienen. Man darf sie zähmen, um
sie dem Menschen bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar zu
machen. Medizinische und wissenschaftliche Tierversuche sind in
vernünftigen Grenzen sittlich zulässig, weil sie dazu
beitragen, menschliches Leben zu heilen und zu retten» (Nr.
2417). Laut dieser Aussage ist das Essen von Fleisch also keine
Sünde, sondern vielmehr deutlich erlaubt. Doch geht man in die
frühchristliche Geschichte zurück, so findet man einige
Hinweise darauf, dass der Vegetarismus im alten Christentum stark
verbreitet war. In den Pseudo-Klementinen werden Lehrreden zitiert,
die vom Apostel Petrus stammen sollen. Unmissverständlich
hält Petrus in Predigt XII fest: «Das
widernatürliche Essen von Fleisch ist ebenso vergiftend wie die
heidnische Anbetung von Teufeln mit ihren Opferungen und unreinen
Festen. Durch Teilnahme wird der Mensch zum Tischgenossen von
Teufeln.» Seine eigene Ernährung beschreibt Petrus
darin mit den Worten: «Ich lebe von Brot und Oliven, denen
ich nur selten ein Gemüse zufüge.» Clemens von
Alexandrien schreibt über Matthäus, er habe allein von
Pflanzenspeisen gelebt und kein Fleisch berührt (Paidagogus
II,1). Der Kirchenvater und Bischof von Cäsarea Eusebius
(264–349) zitiert in seiner Kirchengeschichte (II,2,3) den
Kirchenschriftsteller Hegesipp, wonach Johannes niemals Fleischkost
genossen hat. In der gleichen Quelle wird Jakobus der Jüngere
als heilig von Mutterleib an beschrieben, der keine berauschenden
Getränke nahm und nichts ass, das beseelt war (II,23,5.6).
Jakobus war der Führer der ersten Christengemeinde in Jerusalem.
Er gilt nach evangelischer Lehre als Bruder Jesu, nach katholischer
Auffassung als Vetter Jesu. Und selbst von Paulus, der in der Bibel
dem Menschen freie Wahl seiner Speisen lässt, ist im Toledoth
Jeschu, in einer Sammlung altjüdischer Quellen zum Leben Jesu,
überliefert: «Jesus befahl mir, dass ich kein Fleisch
esse und keinen Wein trinke, sondern nur Brot, Wasser und
Früchte, damit ich rein befunden werde, wenn er mit mir reden
will.»
Solche ähnlich klare Aussagen sind auch in den Schriften
früher Kirchenstifter und -väter anzutreffen.
Tertullian (160–222), der älteste lateinische
Kirchenstifter, teilte um 200 die Christen sogar in zwei Gruppen auf:
einerseits die «wahren» Christen, die vegetarisch leben,
und anderseits die Fleischesser, die er als die «Leiber ohne
Seelen» bezeichnete.
Und einer der kenntnisreichsten unter den lateinischen
Kirchenvätern, der heilige Hieronymus (347–419), spricht
sich deutlich gegen den Fleischverzehr aus: «Der Genuss von
Tierfleisch war bis zur Sintflut verboten; seit der Sintflut aber
gibt man uns die Nerven und den stinkenden Saft des Fleisches unter
die Zähne, gleich wie man dem murrenden Volk in der Wüste
Wachteln vorwarf. Jesus Christus, der am Ende der Tage gekommen ist,
hat das Ende an den Anfang zurückgeführt, so dass es uns
heute nicht mehr gestattet ist, Fleisch zu essen» (Lib. I,
Adversus Jovinian). Verwunderlich ist jedoch, dass in der heutigen
Bibel wenig von dieser entschiedenen Auffassung durchschimmert.
Immerhin gilt Hieronymus als Verfasser der Vulgata, der
meistbenutzten lateinischen Bibelübersetzung.
Vom Kirchenlehrer und Bischof, dem heiligen Basilius (330–379),
ist folgende Aussage überliefert: «Der Leib, der mit
Fleischspeisen beschwert wird, wird von Krankheiten heimgesucht; eine
mässige Lebensweise macht ihn gesünder und stärker und
schneidet dem Übel die Wurzel ab. Die Dünste der
Fleischspeisen verdunkeln das Licht des Geistes.»
Solche Überlieferungen lassen darauf schliessen, dass der
Vegetarismus ein wesentlicher Bestandteil des frühen
Christentums war.
Fragen muss man sich aber, wie dann der Fleischverzehr
«christlich» wurde.
Bis ins 4. Jahrhundert weisen die Spuren der frühchristlichen
Gemeinden deutlich darauf hin, dass das Trinken von alkoholischen
Getränken und das Essen von Fleisch weitgehend abgelehnt wurde.
Doch im 4. Jahrhundert kommt Kaiser Konstantin in Rom an die Macht,
ein Herrscher, der sich zum Christentum bekehren lässt und der
das Christentum zur Staatsreligion macht. Kaiser Konstantin ist
jedoch nicht gewillt, auf Fleisch und Wein zu verzichten, und
entschied, dass die römische Form des Christentums die Religion
für alle Bürger seines Reiches sein solle. Diesen
bedeutenden Entschluss setzte er notfalls auch unter Gewaltanwendung
durch. Interessant ist auch, dass Konstantin im Jahre 325 das Konzil
von Nicäa einberief, bei dem gewisse Gelehrte beauftragt wurden,
die zahlreichen frühchristlichen Dokumente über das Leben
und die Lehren Jesu «zu sortieren» und zu
«korrigieren».
Unter der Herrschaft Konstantins mussten sich die ursprünglichen
Christen, die sich nicht Konstantins christlicher Auffassung
unterordnen wollten, verstecken, denn Konstantin duldete weder
Ungehorsam noch Kritik. Es wird berichtet, dass er gefangene Christen
hinrichten liess, indem ihnen gemäss römischem Brauch
heisses Blei in die Kehle gegossen wurde. Auf solche Weise begann
sich die neue Form des Christentums unter Kaiser Konstantin und
seinen Nachfolgern auszubreiten.
Was aber meint die Bibel zum Thema Fleischessen? Die verschiedenen
Aussagen der Kirchenbibel stützen sich auf den Codex
Sinaiticus, den ältesten verwendeten Bibeltext. Dieser Text
ist in griechischer Sprache geschrieben und stammt aus dem vierten
Jahrhundert, also aus der Zeit nach Kaiser Konstantins Konzil von
Nicäa. Frühere Bibeloriginale sind heute offiziell nicht
mehr zu haben. Andere anerkannte Bibeltexte, wie der Codex
Vaticanus und der Codex Alexandrinus, wurden noch
später verfasst und sind, wie auch schon der Codex
Sinaiticus, nur kirchliche Übersetzungen und Abschriften
von Abschriften.
So scheint es nicht verwunderlich, dass heute nur noch
Bruchstücke von der Ernährung Jesu bekannt sind. Und so
lässt sich sicher die Frage, ob Jesus Fleisch und Fisch ass,
historisch nicht mehr klären. Die Bibel bejaht das zwar
ausdrücklich, doch wer diese Thematik vertieft, wird
feststellen, dass die Frage der Interpretationen eine wichtige Rolle
einnimmt. So wurden beispielsweise die griechischen Begriffe
opsarion, broma, brosis, phago, brosimos, trophe, proshagon oft mit
Fleisch oder Fisch übersetzt, obwohl sie Zubrot, Zuspeise oder
auch Nahrungsmittel bedeuten. Doch bis heute berücksichtigen die
gängigen Auslegungen dies nicht.
Im Mittelalter verkündete Thomas von Aquin (1225–1274),
dass das Töten der Tiere durch die Vorsehung erlaubt sei, denn
Tiere hätten keine Seele. Interessant ist auch, dass er sagte,
auch Frauen hätten keine Seele. Leider war dies keine
Einzelmeinung aus dem Mittelalter, sondern setzte sich bis heute
fort, denn laut Katholizismus besitzen die Tiere auch heute noch
keine Seele. Und obwohl der Vegetarismus im frühen Christentum
weit verbreitet war und auch gelehrt wurde, sind heute Christen, die
aus religiös-motivierten Gründen vegetarisch leben, relativ
selten. Doch trotz der Gefahr für das eigene Leben sind in der
christlichen Tradition immer wieder Gläubige auch für den
Vegetarismus als Bestandteil christlicher Ethik eingetreten und zum
Teil sind daraus christliche Orden wie die der Trappisten,
Benediktiner, Karthäuser oder Zisterzienser hervorgegangen.
«Was erwarten wir von einer Religion, wenn wir das Leid mit
den Tieren ausschliessen?», fragte sich mit Recht Richard
Wagner im 19. Jahrhundert.
Daniel Meyer
Weiterführende Info im Internet:
www.aktion-kirche-und-tiere.de
info@aktion-kirche-und-tiere.de
Tel.: +49 (0)234.4142917,
Fax: +49 (0)234.9138914
Weiterführende Literatur:
Guido Knörzer: Töten und Fressen? – Spirituelle Impulse für einen anderen Umgang mit Tieren
Kösel-Verlag, ISBN 3-466-36563-5
Dr. E. Bordeaux Székely: Das Friedensevangelium der Essener – Gesamtausgabe
Verlag Bruno Martin, ISBN 3-921786-61-4
Dr. E. Bordeaux Székely: Heliand – Evangelium des vollkommenen Lebens
Drei Eichen Verlag, ISBN 3-7699-0443-5
Ein Auszug des Friedensevangeliums der Essener zum Thema Ernährung.
Steven Rosen: Die Erde bewirtet euch festlich – Vegetarismus und die Religionen der Welt
Adyar-Verlag, ISBN 3-927837-41-5
Enthält ein Vorwort von Isaac Bashevis Singer und ein Essay von Eugen Drewermann.
G. J. R. Ouseley: Das Evangelium des vollkommenen Lebens
Humata-Verlag, ISBN 3-7197-0384-3
Christa Blanke: Da krähte der Hahn – Kirche für Tiere? Eine Streitschrift
Eschbach-Verlag, ISBN 3-88671-159-5
Eugen Drewermann: Über die Unsterblichkeit der Tiere – Hoffnung für die leidende Kreatur
Walter-Verlag, ISBN 3-530-16874-2
Weitere Infos im Internet:
- Ingolf Bossenz: Das Osterlamm und die Verlorenen der Schlachthöfe, natürlich vegetarisch, VEBU
- Infoblatt der SVV
- Katholische Blunzengröstl-Reform, Der Standard, 23. april 2012
- Schweinefleischindustrie gegen Kirche, Albert schweitzer Stiftung, 18. April 2012
Dieser Artikel gehört zur Religions-Serie der Vegi-Info. Die anderen Weltreligionen werden hier beschrieben:
[Vegi-Info 2003/4 Inhaltsverzeichnis]
Tweet
© Schweizerische Vereinigung für Vegetarismus (SVV) | www.vegetarismus.ch | Impressum

