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Wie ein Schmetterling den Stafford-Riesen rettete

Julia Hill, schlägt nun dein letztes Stündlein?
Diese bange Frage musste die Fünfundzwanzigjährige mit dem zusätzlichen Familiennamen Schmetterling (Butterfly) sich in jener furchtbaren Nacht im Februar 1999 stellen, als ein fauchender Tornado sie im Gipfel des von ihr seit Dezember 1997 besetzten Mammutbaumes Stafford-Riese alias Luna hin und her warf. Um sie herum brachen Äste aus der mächtigen Baumkrone, einige der Befestigungen ihrer Wohnplattform waren schon abgerissen und die Plane, die sie vorher wenigstens ein bisschen geschützt hatte, knatterte zerfetzt in Wind und Graupelschauer. Natürlich, sie hätte vom Baum klettern können, doch dadurch hätte sie ein Ehrenwort gebrochen, das sie sich selbst und Luna gegeben hatte. Und dazu war sie einfach nicht bereit!

Warum nur konfrontiert ein Schmetterling einen Tornado?
Im Januar 1997 hatte sich wegen intensiver Abholzungen, welche die Gesellschaft Pacific Lumber (PL) durchgeführt hatte, von den Berghängen über Stafford/Kalifornien eine Schlammlawine gelöst und sieben Häuser unter sich begraben. Im Oktober hörte man entsetzt erneut das Geräusch von Kettensägen von den Hängen: eine weitere Abholzaktion!
Zu dessen Schutz kletterte zunächst Daniel auf den «Stafford-Riesen», den einzigen auf den Stafford-Hügeln noch verbliebenen Mammutbaum mit einem geschätzten Alter von 1500 bis 1800 Jahren, dessen Durchmesser am Boden fast fünf Meter beträgt. Solche prächtigen Bäume ragen bis zu 60 Meter in den Himmel und leben bis zu 2000 Jahren: Wunderwerke der Natur. Früher erstreckten sich Wälder zwischen dem Norden Kaliforniens bis nach Süd-Oregon, doch rücksichtsloses Abholzen hinterliess nur noch einen kläglichen Rest, der weiterhin geplündert wird.
Nachdem Daniel schlecht und recht einige Tage im Gipfel verbracht hatte, wurde in 50 Meter Höhe eine Besetzungsplattform befestigt und mit Planen bedeckt, die verschiedene Aktivisten nacheinander bezogen; als Letzte kletterte im Dezember 1997 Julia hinauf. Wusste sie, auf was sie sich eingelassen hatte? Sicher nicht, denn im Verlauf einer schnell eskalierenden Frontenverhärtung versuchte PL, sie auszuhungern, attackierte sie durch nächtelanges Flutlicht und intensive Megaphon-Beschallung und setzte sogar einen enormen Hubschrauber ein, der sie mit Windstössen von über 100 km/h durchschüttelte. Alles vergeblich! Die junge Frau wich keinen Fingerbreit!
Natürlich stürzte sich die Presse sofort auf diese Story, so dass der kleine Schmetterling im Eilverfahren lernen musste, mit dem Koloss Medien umzugehen. Viele Reporter besuchten Julia, die auch lange Telefoninterviews gab und gefragter Tele-Stammgast in Talkshows wurde.

Der neue Medienstar in Nöten
Alles schon Erreichte war aber vergessen, als Julia in jener Tornadonacht Anfang 1999 um ihr Leben kämpfte, gemeinsam mit Luna, der sie anvertraute: «Ich hab Angst zu sterben. Ich wollte stark sein für dich und den Wald und nun kann ich mich nicht mal selbst verteidigen. Ich weiss nicht mehr weiter. Ich schnappe über!»
Und dann geschah, wie Julia später berichtete, das Unglaubliche: Luna antwortete und kommunizierte mit der jungen Frau: «Julia, denk an Bäume im Sturm. Bäume fügen sich dem Wind. Und alle Bäume und Äste, die unbedingt stark sein wollen, brechen. Nun ist keine Zeit für dich, stark sein zu wollen! Lass dich mit dem Wind wehen. Lass es fliessen, lass es strömen. Glaub mir, dass ich alles tun werde, um uns beide in Sicherheit zu bringen. Wir schaffen das!»
Julia erklärte später in einem Interview, dass sie in der Nacht ihr Leben dem Universum anvertraute: «Benutze mich als Mittler, lass mich Teil sein davon, diese Welt besser zu machen. Und wenn ich sterben muss, sterbe ich in dem Bewusstsein, das Richtige zu tun.»

Von da an änderte sich alles
Julia und Luna überlebten den Tornado nicht nur fast unbeschadet, sondern in den nachfolgenden Monaten begannen endlich auch geheime Verhandlungen mit PL. Nach vielen Komplikationen wurde eine Einigung erreicht, so dass Julia am 18. Dezember 1999 nach ihrem Protest-Weltrekord herunterklettern konnte. Ein Augenzeugenbericht: «In einem der bewegendsten Momente … berührten Julias Füsse den Boden, sie sank auf die Knie und fiel dann weinend in sich zusammen. Nach einem langen Moment richtete sie sich wieder auf, streckte ihre Arme dem Baum entgegen und rief: ‹Wir haben es geschafft!› … Kein Auge blieb trocken.»

Julia verlor keine Zeit
Schon zwei Tage später sagte sie in einer Talkshow: «Viele Menschen sehen mich fast als ein mythisches Wesen an, aber eine solche Kraft liegt in jedem von uns. Wir müssen nur unser tiefstes Inneres befragen und werden erkennen, dass jeder von uns unglaubliche Änderungen herbeiführen kann. Wirtschaft und Politik haben uns das Gefühl gegeben, machtlos zu sein. Aber die wirkliche Macht des Einzelnen und die enorme Energie des Universums kann jeden Widerstand besiegen. Wir müssen uns dieser Kräfte nur bedienen. Nichts anderes sollte die Baumbesetzung zeigen! Natürlich kann jeder von uns auch allein Enormes bewirken, wenn wir jedoch unsere Herzen, Gedanken und Seelen vereinen, ist nichts als der Himmel die Grenze!»

Herma Brockmann

Julia hat über ihre Aktion ein bewegendes Buch geschrieben, das anregt, sich auch selbst aktiv für seine Ziele einzusetzen, auch wenn man auf grosse Widerstände stösst.

Es ist nun auch auf Deutsch erschienen:
Julia Butterfly Hill: Die Botschaft der Baumfrau. 254 S. ISBN 3-442-15191-0, Fr. 14.10, Goldmann Taschenbuch.

Ausserdem gibt es das Buch auch zum Anhören auf Audio-CDs:
Julia Butterfly Hill (gelesen von Pigulla, Franziska): Die Botschaft der Baumfrau. 5 CDs. Laufzeit 370 Min. ISBN 3-88698-576-8, Fr. 52.60, J. Steinbach Verlag.

Julia Butterfly Hill gründete den Circle of Life
Ein Video über ihre Aktion können Sie hier bestellen: Butterfly (in Englisch)

Kalifornien: Baumbesetzungen sind lebensgefährlich

Obwohl Julia Hill so zäh und erfolgreich den Baum «Luna» beschützen konnte, ging die rücksichtslose Abholzung durch Pacific Lumber unaufhaltsam weiter. Wissenschaftliche Studien, welche die damit verbundenen Schäden klar belegen, werden nach wie vor noch ignoriert. Also besetzten Aktivisten (unter ihnen ein vierzehnjähriger Junge) immer wieder einige der alten Bäume im Humboldt County, um sie dadurch vor dem Fällen zu bewahren.
Pacific Lumber reichte daraufhin eine Klage ein, der zuständige Richter entschied im Sinne der Gesellschaft und ordnete am 10. März 2003 die Räumung aller Bäume an.
Mit diesem Urteil in der Tasche startete die Gesellschaft dann am 17. März eine Grossaktion, für die sogar einige Strassen abgesperrt werden mussten. Durch rohe Gewalt vertrieben Spezialisten einige Besetzer, unter ihnen auch Remedy, die im März 2002 auf ihren Baum geklettert war und dort im Januar 2003 ihren 28. Geburtstag in luftiger Höhe feierte (ihr Kommentar: «Es gibt niemand als diesen Baum, mit dem ich an diesem Tag lieber zusammen sein würde ...»).
Obwohl Protestierer am Boden zunächst durch Drohungen und schliesslich mit Pfefferspray in Schach gehalten wurden, schafften es einige Aktivisten in Windeseile, die Bäume erneut zu besetzen. Da aber der zuständige Staatsanwalt versprochen hatte, jeden Widerstand zu bestrafen, sind mindestens zwanzig Aktivisten inzwischen festgenommen worden. Auch Pacific Lumber greift nun noch rigoroser durch und fällt sofort jeden Baum, sobald die Squatter, verpackt wie Pakete, von ihm abgeseilt werden können. Es gibt entschlossenen Widerstand und Klagen gegen die oft extrem brutalen und halsbrecherischen Vertreibungen.
Trotz aller Risiken haben sich einige Aktivisten bis jetzt auf «ihren» Bäumen behaupten können. Aber sie leben gefährlich. Nicht nur haben sie Pacific Lumber und ungünstige gerichtliche Entscheidungen im Nacken, sie sind auch durch Witterung und Unfälle bedroht. An Kapitulation denken sie aber nicht, obwohl es schon zwei Tote bei den Auseinandersetzungen gab.

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