Von der Theorie zur Praxis:
Der Tierrechtsaktivist Henry Spira
Wenn der bekannte Tierrechtsethiker Peter Singer eine
Biographie über einen Tierrechtsaktivisten veröffentlicht,
lohnt sich ein Blick darauf. Henry Spira war nicht irgendein
Aktivist, sondern setzte als erster Tierrechtler in den USA die
Philosophie der Tierrechte in konkrete erfolgreiche Aktionen um.
Bis 1974 setzte sich Henry Spira ausschliesslich für
unterdrückte Menschen ein. Sein Leitsatz war dabei immer:
«Wenn man merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist, muss
man etwas dagegen unternehmen.»
Die Begegnung mit Peter Singer 1974 änderte seine Stossrichtung
zugunsten der Tiere, die er bis dahin völlig ignoriert hatte.
Nicht dass ihn die Ungerechtigkeiten gegen Menschen nicht mehr
interessiert hätten, doch er sah einen grossen Unterschied:
Menschen können aufstehen und für ihre Rechte kämpfen,
Tiere aber nicht. Sie brauchen jemanden, der für sie spricht und
für sie kämpft.
Die traditionelle Tierschutzbewegung schien mit ihren Methoden nicht
sehr erfolgreich zu sein. Seine Strategie grenzte er deshalb stark
von den bisherigen Organisationen ab:
«Wir wollten keinen von der Steuer befreiten,
gemeinnützigen Verein bilden, der Geld sammelte, um noch mehr
Geld sammeln zu können.
Wir wollten auf die Bewegung für die Tiere die traditionellen
Kampfstrategien anwenden, die sich in der Bürgerbewegung, der
Gewerkschaftsbewegung und der Frauenbewegung als wirksam erwiesen
hatten. Wir wussten, dass wir von Unterdrückungssystemen umgeben
waren, die alle miteinander zusammenhingen und sich gegenseitig
verstärkten, aber wir wussten, wenn wir den Lauf der Dinge
beeinflussen wollten, mussten wir uns ganz auf eine einzelne
augenfällige Ungerechtigkeit konzentrieren, auf ein einziges
klar abgegrenztes Ziel. Und das musste auch noch erreichbar
sein.»
(Seite 65)
| «Es geht nicht um die theoretische Frage, ob das Leben einen
Sinn hat. Es geht um die praktische Frage, welchen Sinn wir ihm
geben.»
Margit Spira 1954 in einem Brief an ihren Sohn Henry. |
Bei seiner ersten Kampagne griff er eine Serie von Tierversuchen mit
Katzen an, die keinen konkreten Nutzen für die Menschen hatte.
Er wusste, dass er einen Grossteil der Bevölkerung damit hinter
sich vereinen konnte und erreichte dieses Ziel nach vielen Monaten
hartnäckiger Kleinarbeit. Darauf aufbauend führte er 20
Jahre lang laufend weitere Aktionen durch, die er jeweils so lange
verfolgte, bis er sein Ziel erreicht hatte, auch wenn es sich
über viele Jahre hinzog. Er suchte jeweils nach
Koalitionspartnern und erreichte so einen sehr grossen
öffentlichen Druck, dass selbst Grosskonzerne einlenken mussten.
Seine Vorgehensweise kann ein Vorbild und Ideenschatz für viele
heutige Aktivisten sein. Das Buch zeigt auf, welche Strategien er
erfolgreich anwendete, wo er Rückschläge erlitt und wie er
Probleme löste. Es wird z.B. auch auf die
«Gewaltfrage» in der Tierrechtsszene eingegangen: Darf man
Gewalt anwenden, um Gewalt gegen Tiere zu verhindern? Wenn ja, wie
weit darf man dabei gehen?
Auch hierzu hat Henry Spira klar Stellung bezogen:
«Ich meine, dass wir uns unter grundsätzlichen wie auch
strategischen Gesichtspunkten gegen Gewalt und Gewaltandrohung wenden
müssen, denn:
1. läuft sie der Grundlage der Tierschutzbewegung völlig
zuwider, wonach es falsch ist, anderen zu schaden (seien es
menschliche oder nichtmenschliche Lebewesen);
2. lenkt sie ab von der massiven institutionalisierten Gewalt, die
routinemässig Milliarden von Tieren angetan wird; und
3. ermöglicht sie den Verteidigern der Tyrannei, sich als Opfer
zu präsentieren.»
Henry Spira weigerte sich jedoch auch immer, die Menschen in
Sünder und Heilige einzuteilen. Er zog es vor, mit denjenigen,
die auf der anderen Seite standen, direkt Kontakt aufzunehmen und
(falls möglich) seinen Gegnern keinen Gesichtsverlust zu
verursachen. Deshalb war sein erster Schritt bei jeder neuen
Kampagne, den direkten Kontakt mit dem Gegner zu suchen, ohne diesen
in der Öffentlichkeit anzuprangern.
Er wollte nie bloss eine Kampagne machen oder einen grossen Wirbel
verursachen (um Spendengelder zu kassieren oder nur um bekannter zu
werden), sondern immer ein ganz konkretes Ziel durchsetzen. Auch dies
unterschied ihn von einigen grossen Tier- und
Umweltschutzorganisationen, die mit ihren Kampagnen immer mehrere
Ziele verfolgten: neben dem Verhindern von Tierleid auch das
Bekanntmachen des Namens ihrer Organisation, um dadurch auch mehr
Mitglieder und Spendengelder zu erhalten.
Auch Henry Spira war natürlich bei manchen Aktionen,
insbesondere Zeitungsinseraten, auf finanzielle Unterstützung
angewiesen, allerdings richtete er seine Aktionen nie nach den
Sponsoren aus, sondern immer nach seinem Hauptziel, den Tieren so
viel als möglich und so schnell als möglich zu helfen.
Peter Singer schreibt über Spiras Lebensgeschichte:
«Henrys Arbeit kann uns lehren, wie wir aus unseren ethischen
Auffassungen mehr machen können als Worte – wie wir sie in
die Tat umsetzen können, so dass sie die Welt verändern. Es
dürfte schwierig sein, sich etwas Wichtigeres
vorzustellen.»
Es ist ein grosses Verdienst des Harald Fischer Verlages, dieses 1998
(kurz vor dem Tod Henry Spiras) in Englisch erschienene Buch auch dem
deutschsprachigen Leserkreis zugänglich gemacht zu haben.
Die Buchreihe «Tierrechte – Menschenpflichten» des
Verlages umfasst bereits 8 Bände. Alle Bände können in
der Schweiz beim Vegi-Büro
bestellt werden.
Infos zu den anderen Bänden finden Sie teilweise in den
früheren Vegi-Info-Ausgaben und auf unserer Internetseite.
Peter Singer: Henry Spira und die Tierrechtsbewegung
(Tierrechte – Menschenpflichten, Bd. 5), 228 Seiten und 16
Seiten Abbildungen
Harald Fischer Verlag, Erlangen, 2001
Preis: Fr. 33.50 (+ Porto)
ISBN 3-89131-404-3
www.haraldfischerverlag.de
