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Viehlose Biolandwirtschaft im Westerwald

Eine Landwirtschaft ohne Nutztierhaltung ist unmöglich, weil dadurch kein geschlossener, biologischer Nährstoffkreislauf machbar ist. Diese Meinung ist auch heute noch weit verbreitet, bietet sie doch eine anscheinend «wissenschaftliche» Begründung für die Unmöglichkeit einer vegetarischen Gesellschaft. Die 2. Bio-veganen Landbautage an der Universität für Bodenkultur in Wien von Mitte Dezember zeigten jedoch, dass auch dieses Vorurteil langsam zu bröckeln beginnt. Der folgende Artikel eines Landwirts aus Deutschland demonstriert, dass immer mehr Landwirte das angeblich Unmögliche bereits praktizieren: eine Landwirtschaft ganz ohne Ausbeutung von Tieren.

Eigentlich ist die Nutztierhaltung auf einem biologisch bewirtschafteten Bauernhof in einer typischen Mittelgebirgslage wie dem Westerwald ja durchaus vernünftig …
Viele Gründe sprechen für die Integration von Nutztieren wie Rindern, Schweinen, Hühnern usw. in den Betriebsablauf. So z.B. das landschaftsbedingte Vorhandensein von so genanntem absolutem Grünland, von Flächen also, die landwirtschaftlich sinnvoll nur als Wiesen oder Weiden nutzbar sind. Ein anderes Argument ist die Verwertung von betrieblichen Abfällen wie etwa Ausputzgetreide für die Fütterung von Schweinen oder Hühnern.

Pragmatisch gesehen …
Um ehrlich zu sein, waren es für mich keine grundsätzlichen Motive, also etwa moralische oder andere Weltanschauungsgründe, die zur Reduzierung und dann zur gänzlichen Beendigung der Tierhaltung führten. Vielmehr ging es mir zunächst eher darum, meine persönliche, praktische Lebenssituation zu verbessern. Es ist ja gerade für die kleinen, vielseitigen bäuerlichen Familienbetriebe typisch, dass durch die Tierhaltung eine fast permanente Anwesenheitspflicht besteht und weder freie Wochenenden noch längere Urlaubszeiten drin sind. Ein weiterer Grund, die Tierhaltung aufzugeben, war der Zwang, ständig neue Investitionen tätigen zu müssen. Insbesondere für die Milchviehhaltung wären enorme Summen für Stallneubauten, Melktechnik und Milchquote fällig geworden. Also statt 12 Kühe im Stall 40, 80 oder 120?
Die betriebswirtschaftliche Rentabilität steigt mit der Herdengrösse, ebenso aber auch die arbeitswirtschaftliche Abhängigkeit sowie die Abhängigkeit von externen Faktoren wie dem Milchpreis. Die unternehmerische Entscheidungsfreiheit schwindet, ökonomische Sachzwänge regieren den Alltag.
Durch den Wegfall der Tiere entstehen nach allgemeiner Auffassung im Biobetrieb zwei wesentliche Problembereiche: 1. ein möglicher Rückgang der Bodenfruchtbarkeit und 2. Einkommenseinbussen durch Wegfall der Erlöse für tierische Produkte.

Mythos und Praxis
Nach nunmehr über 10-jähriger Erfahrung im viehlosen Biolandbau kann ich sagen, dass sich für unseren Betrieb beide Bereiche als lösbar erwiesen haben. Dass die Bodenfruchtbarkeit kaum ohne die Verwendung von Rindermist erhalten werden kann, ist m.E. ein Mythos. Natürlich muss im biologischen Ackerbau die Erhaltung und Förderung der eigenständigen Bodenfruchtbarkeit sehr ernst genommen werden. In unserem Betrieb geschieht das durch ein Bündel aufeinander abgestimmter Massnahmen. Hierzu gehören: schonende, aber konsequente Bodenbearbeitung (kein Befahren des Ackers bei zu feuchtem Boden, kein tiefes Vergraben organischer Materialien) sowie eine vielseitige Fruchtfolge mit nicht zu hohem Getreideanteil (um die 50%) und einem Grünbracheanteil von 20 bis 25%.
Auf der restlichen Fläche stehen Kartoffeln. Sowohl das Stroh als auch die gesamte Biomasse der Grünbrache bleiben auf dem Acker zurück, so dass keine negative Humusbilanz entsteht (Gehalt unserer Ackerböden an organischer Substanz konstant 5–8%). Bei der Düngung wird vor allem auf eine ausreichende Kalkversorgung geachtet, eine evtl. zusätzlich notwendige N-Düngung erfolgt durch im Bioanbau zugelassene pflanzliche Düngemittel, die im Allgemeinen stets auch eine positive Wirkung auf die bodenbiologischen Prozesse haben.
Als besonders förderlich für unseren biologischen Ackerbau hat sich die Einführung der einjährigen Grünbrache erwiesen. Hierbei wird ein Gemisch aus verschiedenen Kleearten (mehrschnittiger Alexandrinerklee, Perserklee) und einjährigen Weidelgräsern verwendet, welches zusätzlich mit etwa 10% Ackersenf angereichert ist. Gesät wird Ende April, wobei zunächst der Ackersenf sehr schnell aufläuft und einen fast geschlossenen Bestand bildet. Im Laufe des Sommers wird dann mehrmals gemulcht und möglichst spät im Herbst umgebrochen. Darauf folgende Kulturen wie Sommerweizen oder Kartoffeln bedürfen keiner weiteren Düngung, das Distelproblem ist wesentlich eingedämmt. Mit diesem Verfahren habe ich bisher auch recht gute Qualitäten im Weizen (bis 12,5% Rohprotein) und gute Kartoffelerträge erzielt (bis 38 t/ha nach amtlicher Ertragsermittlung).

Die Wandlung vom Stall zum Laden
Wie ist es aber nun mit den Ausfällen der betrieblichen Wertschöpfung durch den Wegfall der tierischen Produkte und den Nutzungsausfall durch die Grünbrache? Die Lösung hiess für unseren Betrieb: Gemüseanbau und Ausbau der Direktvermarktung. Der Anbau schon relativ kleiner Flächen von Gemüse kann die brachebedingten Geldeinbussen gut kompensieren. Im ehemaligen Kuhstall wurde mit relativ geringem Geldaufwand ein Hofladen eingerichtet, der ziemlich schnell mehr einbrachte als die vorher dort stehenden Kühe.

Erkenntnis durch Abstand
Natürlich ist der so geschilderte Weg unseres Betriebes ein individueller Einzelfall (wie alle Bauernhöfe) und nicht ohne weiteres zu verallgemeinern. Darüber hinaus klingt die Darstellung unseres Weges zur bio-veganen Landwirtschaft sicher sehr profan und recht wenig von irgendwelchen höheren Idealen geleitet. Interessanterweise muss ich sagen, dass sich meine emotionale und auch theoretische Einstellung zu diesen Dingen erst im Nachhinein stärker verändert hat. D.h. also, eine bio-vegane Orientierung war nicht die Ursache der betrieblichen Veränderungen, sondern die Praxis der nutztierfreien Landwirtschaft ist in meinem Fall die Ursache für meine Sympathie mit der bio-veganen Bewegung. Es ist schon erstaunlich, wie sich meine Sensibilität in diesem Zusammenhang verändert hat. Nahm ich als Kind das Anbinden der Tiere, Einsperren, Misten und Schlachten als selbstverständlich hin, so glaube ich heute immer weniger, dass die technisch und wissenschaftlich organisierte Ausbeutung der Tiere als ökonomische Nutzobjekte ethisch verantwortbar ist.
Wenn es überhaupt so etwas wie Zivilisationsfortschritt gibt, dann muss er doch, wie beispielsweise von Albert Schweitzer gefordert, vor allem durch einen zunehmenden Respekt vor dem Leben an sich in Erscheinung treten.

Rainer Philippi

Der Artikel ist ein Nachdruck aus der Zeitschrift REGENWURM Nr. 13 von BioVegaN – kostenloses Probeexemplar unter: www.biovegan.org oder Tel. +43/676/9221433.

Weitere Informationen zu diesem Thema: Landwirtschaft ohne Tierleid