Gesundheitsgefahr Zuchtlachs?
Aus Angst vor BSE und Antibiotika sank der Konsum von
konventionellem Rind- und Schweinefleisch. Gleichzeitig stieg der
Verbrauch von Fisch steil an. Doch höchstwahrscheinlich setzt
der Verbraucher damit wieder auf das falsche Pferd. Denn während
alle Welt und auch unsere obersten Verbraucherschützer
«nur» noch auf BSE und Maul- und Klauenseuche starren,
tickt in der internationalen, zunehmend von Industriekonzernen
kontrollierten Fischzuchtbranche eine weitere ökologische
Zeitbombe.
Weltweit schiessen seit 15 Jahren Lachszuchtfarmen und
Garnelenzuchtteiche wie Pilze aus dem Boden. Die katastrophalen
Folgen, die dieser Boom für unsere Umwelt und Gesundheit haben
kann, kommen aber nur schleppend ans Tageslicht. Die industrielle
Massenzucht von Fischen birgt aber dieselben Gefahren wie die
industrielle Tiermast von Rindern, Schweinen, Puten oder
Hühnern.
In der Lachszucht beispielsweise werden legal tonnenweise Pestizide
und Antibiotika verbraucht. In Norwegen wurden noch bis vor wenigen
Jahren rund 1,5 Tonnen Antibiotika eingesetzt, um eine Tonne
Zuchtlachs herzustellen. Dieser Antibiotikaverbrauch wurde zwar
inzwischen deutlich reduziert und statt dessen die Fische gegen
einige Krankheiten geimpft, dennoch muss ein etwa 4 Kilogramm
schwerer Zuchtlachs bis zur Schlachtreife rund 400 Gramm Antibiotika
fressen. In den 90er Jahren ergaben Untersuchungen von schottischen
Zuchtlachsen: 40 Prozent der Fische enthielten Rückstände
des Pestizids Ivermectin, 60 Prozent enthielten Antibiotika.
Die Fischzuchtfarmen stehen nun im dringenden Verdacht,
antibiotika-resistente Bakterienstämme zu produzieren und in der
Umwelt zu verbreiten, die eines Tages auch den Menschen
schädigen können. In Schottland sorgte bereits ein durch
Zuchtlachse verbreiteter Virus und in Kanada gefährlich
gewordene Bakterien für Aufsehen. Erste Todesfälle von
Schwertwalen – zur Erinnerung: Wale sind Säugetiere wie
wir – durch antibiotika-resistente Keime in der Nähe von
Lachszuchtkäfigen sollten zumindest die Alarmglocken schrillen
lassen. Seit Jahren wird darüber hinaus mit genetisch
manipulierten Lachsen experimentiert, die doppelt oder noch schneller
fett werden als die hochgezüchteten Sorten des
«normalen» Atlantiklachses. Der erste Gen-Lachs hat
bereits seine Produktionsreife erreicht.
Bei der Zucht von Garnelen – auch Shrimps oder fälschlich
Krabben genannt – sieht es übrigens nicht besser aus.
Hoher Medikamenteneinsatz und gentechnische Experimente sind ebenso
Alltag in der Zuchtgarnelen-Branche. Ökologische Bedenken
für die Umwelt oder Bedenken gegenüber der Gesundheit der
Verbraucher spielen dabei eine noch untergeordnete Rolle.
Wer glaubt, die Verwendung von Zuchtlachs schütze wenigstens die
Bestände von Wildfisch, ist gleichfalls falsch informiert. Das
Gegenteil ist der Fall: Zuchtlachse werden vor allem mit Fischmehl
und Fischöl – plus künstliches Färbemittel, um
«schönes» rosafarbenes Lachsfleisch zu erhalten
– gefüttert. Um eine Tonne Zuchtlachs herzustellen, werden
bis über vier Tonnen wild gefangener Fisch (als Mehl und
Öl) eingesetzt. Norwegen allein produziert derzeit etwa 450.000
Tonnen Zuchtlachs jährlich. Die etwa 800 Zuchtfarmen dort gelten
heute als die grössten Meeres- und Umweltverschmutzer des
Landes.
Die ökologischen Folgen der Garnelenzucht sind nicht weniger
harmlos. Während die Lachszucht viele Fjorde der
gemässigten Breiten – also in Nordeuropa, Nordamerika,
aber auch in Neuseeland und Südchile – mit ihren
Rückständen vergiftet, werden für die Garnelenzucht in
den Tropen und Subtropen vor allem Mangroven abgeholzt und
Wasserressourcen verseucht.
Norbert Suchanek
Environment and Development Correspondent
Siemensstr. 13
D-84513 Toeging am Inn
N.SUCHANEK@AMAZONAS.comlink.apc.org
Dies ist nur ein kurzer Abriss von der Problematik der industriellen Praktiken in der Fischzucht. Interessenten sendet der Autor auf Anfrage eine ausführliche Dokumentation (Sammlung von Fachartikeln in Englisch / ca. 100 Seiten oder auf Diskette) zu den Themen Zuchtlachs und Umweltgefahren oder über Zucht-Garnelen und globale Mangrovenzerstörung zu. Kostenpunkt: 50 DM inklusive Porto.
Nachdruck aus: «der Spatz»–Anzeiger für Ökologie und Gesundheit in Bayern, Nr. 2/2001
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008
