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Als Veganer durch die Wüste

Darf ich mich kurz vorstellen? Mein Name ist Joost Oerlemans, Jahrgang 1953. Wir, meine Lebenspartnerin Karola und unsere Tochter Lea (10 Jahre), wohnen in Basel. Beruflich bin ich Informatiker und entwickle medizinisch-administrative Systeme für Spitäler. Aus ethischen Gründen bin ich seit 5 Jahren Vegetarier, die letzten 4 Veganer.

Eine meiner wichtigsten Freizeitbeschäftigungen ist das Laufen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich erst vor 4–5 Jahren mit Sport angefangen habe und dies auch nur, um die Extra- Kilos loszu- werden, die sich nach dem Aufhören mit dem Rauchen angesammelt hatten. Mittlerweile trainiere ich 3–4 mal in der Woche und laufe regelmässig Marathons und andere Langstreckenrennen. Meine Lauf-Erfahrungen beschreibe ich auf meiner persönlichen Internetseite: www.trinakria.com

Da ich häufig gefragt werde, ob es für einen Veganer überhaupt möglich ist, Ausdauersport zu treiben, möchte ich kurz über meine Erfahrungen berichten:
Bis heute bin ich 12 Marathons und ein Zwölf-Stunden-Rennen gelaufen. Mein bisher grösstes Laufabenteuer war die Teilnahme am 16. Marathon des Sables, einem Ultra-Rennen in der marokkanischen Sahara über 6 Etappen in 7 Tagen mit einer Gesamtstrecke von 245 Kilometern. Die längste Non-Stop Strecke ist 82 Kilometer lang. Übernachtet wird – in Achtergruppen – in zweiseitig offenen Berberzelten mitten in der Wüste. Ausser diesen Zelten und dem Trinkwasser müssen die Teilnehmer alles, was sie in der Laufwoche benötigen – inkl. Verpflegung – im Rennrucksack transportieren. Und dies bei Temperaturen von bis zu 55°C.
Es war ein schönes Erlebnis. Ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, dass es mir als Veganer schlecht ergangen ist, im Gegenteil. Ernährt habe ich mich von Studentenfutter mit zusätzlichen Nüssen sowie Getreideriegeln. Ich hatte vier Fertigmahlzeiten (Abenteuerfood) dabei. Und natürlich viel Gemüsebouillon. Jeder Teilnehmer musste minimal 2000 kcal pro Tag bei sich haben. Am Ende hatte ich noch sehr viel übrig, die Berber-Kinder, die regelmässig unser Lager besuchten, hatten ihre Freude daran.
Viele Teilnehmer bekamen Magenprobleme, wahrscheinlich durch die grosse Anstrengung, kombiniert mit dem selbst gekochten Essen einmal am Tag, sowie die grossen Wassermengen, die man zu sich nehmen musste, bis zu 13 Liter am Tag. Zum Glück blieben mir diese Unannehmlichkeiten erspart. Ich hatte auch das Gefühl, dass mein Energiehaushalt – trotz der Strapazen – sehr ausgewogen war.
Die Tage vor dem Start wurden alle Teilnehmer durch die (französische) Organisation verpflegt. Es kam die gleiche Equipe zum Einsatz, die auch das Rennen Paris–Dakar versorgt. Dieses Essen war leider überhaupt nicht auf Vegetarier – geschweige denn Veganer – ausgerichtet. Dies hatte zur Folge, dass es die zwei Tage vor dem Rennen für mich nur Brot und Teigwaren nature gab. Auch die Suppe war – in meinem Sinne – ungeniessbar.
Trotz allem fühlte ich mich ausgezeichnet, was sich in meinem Resultat, 246. von 620 Teilnehmern, niederschlug. Natürlich war das Rennen sehr anspruchsvoll und verlangte den Teilnehmern einiges ab. So dramatisch, wie es jedoch in der Dokumentation von Tele24 dargestellt wurde, war es sicher nicht.
Für mich ist es absolut klar, dass meine vegane Lebensweise überhaupt kein Hindernis für Ausdauersport ist, im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, dass mein Energiehaushalt ausgewogener ist. Es gibt keine grossen «Verdauungs-Pausen», alles verläuft viel konstanter. Mein Hausarzt, selbst ein (nicht vegetarischer) Sportler, unterstützt mich mit Ratschlägen (was leider bei Ärzten eher die Ausnahme ist). Seit meinem 40. Geburtstag lasse ich einmal pro Jahr einen medizinischen Check- up machen, bis heute immer mit positiven Resultaten. Mein Ruhepuls hat sich bei 40 eingependelt (max. 190). Erwähnenswert ist noch die Tatsache, dass viele Läufer – auch bei den Weltklasseläufern – Vegetarier sind.
Für mich ist eine vegane Lebensweise normal und in Einklang mit den universalen Gesetzen der Ethik. In diesem Sinne bin ich ein Anhänger von Singer und Kaplan und versuche, wo immer es möglich ist, nach diesen Grundsätzen zu leben. Auch wenn es mir als Veganer nicht in allen Belangen so gut gehen würde, würde ich nach Verbesserungen suchen, die ohne Unrecht für andere Wesen angewandt werden können. Obwohl ich zu meinen Überzeugungen stehe und diese auch kommuniziere, versuche ich nicht übertrieben «missionarisch» zu sein. Beispiele überzeugen schneller und nachhaltiger.


Joost Oerlemans