| Sie sind hier: Startseite > Vegi-info > 2001-1 > Der alltägliche Speziesismus: Vegi-Info ... |
Der alltägliche Speziesismus
Unser Umgang mit Tieren ist ein ethisches Verbrechen und ein faktischer Wahnsinn
Rinderwahnsinn, Schweinepest, Maul- und Klauenseuche: Wer die Zeitung aufschlägt oder den Fernseher einschaltet und die Berichte und Kommentare zu den gräßsslichen Bildern liest oder hört, könnte meinen: Für die Tiere ist jetzt aber eine besonders schlimme Zeit angebrochen. Dieser Eindruck ist völlig falsch. Leider: Es wird lediglich jetzt erst sichtbar, was bereits seit Jahrzehnten das alltägliche Schicksal der Tiere ist: Terror, Folter und Tod. Dass die Tiere jetzt nach ihrem Martyrium verbrannt anstatt gegessen werden, ist für sie belanglos.
Dennoch ist die jetzige «Krise in der
Landwirtschaft» alles andere als bedeutungslos: Nie zuvor wurde
die Schamlosigkeit, Brutalität und Allgegenwärtigkeit des
menschlichen Speziesismus so offenkundig: Die Ausbeutung von
leidensfähigen Lebewesen einzig und allein deshalb, weil sie zu
einer anderen biologischen Spezies gehören – und sich
nicht wehren können.
Dieser Speziesismus ist moralisch um nichts weniger fragwürdig
als es Rassismus und Sexismus sind, übertrifft letztere in
seinen Dimensionen aber um ein Vielfaches: Zu keiner Zeit wurden so
viele Menschen auf so schreckliche Weise mit so perfekten Methoden so
systematisch massakriert, wie dies heute mit Tieren geschieht.
Die Menschheit gleicht einem grenzenlosen Egoisten, dem es
glänzend geht, der sich aber dennoch weigert, auch nur einen
kleinen Finger zu krümmen, um anderen unnötiges und
unvorstellbares Leid zu ersparen: Wir könnten uns problemlos
vegetarisch ernähren, wollen aber dennoch keinesfalls auf
Fleisch verzichten.
Dieses Verhalten ist nicht nur moralisch widerwärtig, sondern
auch faktisch kurzsichtig und dumm: Die Fleischproduktion bedeutet
auch für uns nur Nachteile: Eine immense Ressourcenvergeudung
(bei pflanzlicher Ernährung könnten wir zehnmal soviel
Menschen ernähren) und eine verheerende Umweltzerstörung
(Grundwasserverseuchung, Regenwaldzerstörung, Treibhauseffekt
– um nur einige Stichworte zu nennen). Ganz zu schweigen von
den immensen gesundheitlichen Vorteilen einer vegetarischen
Lebensweise.
Die moralische Ungeheuerlichkeit unseres Speziesismus gegenüber
Tieren soll noch anhand zweier weiterer Tatsachen verdeutlicht
werden:
Während wir Wohlbefinden und Komfort für den Menschen durch
immer raffiniertere Erfindungen und Konzepte zu steigern trachten
(Luxusautos, -schiffe, -flugzeuge, -hotels, der gesamte widerliche
«Wellness»-Kram, usw.), arbeiten wir mit ebensolchem Elan
an der weiteren Automatisierung und Perfektionierung der Ausbeutungs-
und Hinrichtungs-Apparaturen für die Tiere. Und: Während
wir kranke Menschen mit Blaulicht ins Krankenhaus fahren,
prügeln wir kranke Tiere mit Elektroschocks und Eisenstangen ins
Schlachthaus.
Weil die barbarische Brutalität unseres Umgangs mit Tieren noch
nie so offenkundig war, waren auch Möglichkeit und
Wahrscheinlichkeit des Nichtwissens um diese Brutalität noch nie
so gering. Wer weiterhin Fleisch isst, tut dies nicht, weil er nicht
weiss, was er damit Tieren antut, sondern weil er es nicht wissen
will – oder weil es ihm egal ist.
Deshalb ist es ebenso erstaunlich wie erschütternd, dass so
viele Menschen jetzt lediglich (aus gesundheitlichen Gründen)
beim Fleischessen umsteigen und nur so wenige (aus moralischen
Gründen) aus dem Fleischessen insgesamt aussteigen. Und das
bedeutet nichts Gutes: «Solange es Schlachthäuser
gibt», sagte Leo Tolstoi, «wird es auch Schlachtfelder
geben.» Dieser Satz wird täglich wahrer: Je grösser
das Wissen eines Menschen um ein Verbrechen, das er duldet, ist,
desto roher und im Grunde gefährlicher wird dieser Mensch wohl
auch sein.
Dennoch: Jeder kann jederzeit mit dem Fleischessen aufhören und
damit jenen Schritt setzen, der ihn vom mitwissenden Täter zum
mitfühlenden Menschen macht.
© Helmut F. Kaplan
Helmut F. Kaplan ist Philosoph und Autor, zählt zu den
Pionieren der Tierrechtsbewegung und ist Berater und Sprecher
für ethische Grundfragen bei Arche 2000.
Er ist Autor zahlreicher Bücher zur Ethik der
Mensch-Tier-Beziehung.
Letzte Buchveröffentlichung: Tierrechte – Die Philosophie
einer Befreiungsbewegung.
HomePage: www.vegetarismus.org/kaplan
Danke für Ihr Interesse an den Informationen der Schweizerischen Vereinigung für Vegetarismus (SVV). Damit wir diese Homepage (mit rund 2000 Seiten) weiterhin kostenlos anbieten und erweitern können, benötigen wir auch Ihre Unterstützung!
Werden Sie Mitglied der SVV oder abonnieren Sie unsere Zeitschrift Vegi-Info.
Oder spenden Sie ganz einfach online: Paypal/Kreditkarte. Damit ermöglichen Sie den Weiterbestand dieser Homepage. Danke!