Fernsehsendung bei TV3:
Fohrler live. Nein, Fleisch kommt nicht auf meinen Tisch
Diese beliebte Fernseh-Reihe hatte sich für einmal ein
Thema nach unserem Geschmack vorgeknöpft. Gefunden waren bereits
eine Gruppe Tierrechtlerinnen, eine Veganerfamilie mit Kind, gesucht
wurde noch ein Vegetarier-Ehepaar, welches gegen eine Mannschaft aus
einer Metzgerin-Lehrtochter, einem Metzger-Fachlehrer, einem
passionierten Jäger und einem Fleischkünstler sowie eine
Metzger-Klasse im Zuschauerraum anzutreten hatte. Meine Frau Vreni
und ich sagten zu, wurden zum Thema ausgiebig befragt und für
fernsehtauglich befunden.
Dass eine Fernsehsendung nicht einfach steht, sondern im
Laufe der Entstehung je nach den Umständen Änderungen
erfährt, lernten wir in der Vorbereitungsphase von rund zwei
Wochen kennen. Fünf Tage vor der Aufzeichnung stieg die
Veganerfamilie aus. So kurzfristig Ersatz zu finden, war nicht
einfach.
Schliesslich fand sich Frau Marianne W., von Beruf
Stillberaterin, Mutter dreier Kinder, alle Veganer und
Rohköstler, die sich spontan bereit erklärte, mitzumachen
und die Kinder (14, 12 und 10 Jahre) mitzubringen.
Vegi-Info-Leser konnten im Heft Herbst 1997 einen interessanten
Artikel von Marianne W. lesen,
der zur Anfrage geführt hatte.
Schliesslich kam der 24. Januar. Aufzeichnungstermin. Lockeres
Auftreten in bequemer Kleidung war gefragt, gar nicht so einfach,
wenn man zum erstenmal vor der Fernseh-Kamera antreten soll und
innerlich ganz zappelig ist. Als Ansprechform für alle
Beteiligten war das «Du» vorgesehen.
In einem kleinen Warteraum wurden die Teilnehmer der
«Vegetarier-Crew» willkommen geheissen, von der
Redaktorin Carol Kessler über den Ablauf orientiert und mit den
Spielregeln vertraut gemacht. Ein Gläschen Sekt sollte zu einem
ruhigen Auftreten verhelfen und fand regen Zuspruch, während die
standardmässig aufgelegten Schinken- und Käsebrote liegen
blieben. Fruchtsäfte und frische Früchte fanden hingegen
regen Absatz. Die Trennung der Kontrahenten vor der Sendung hatte
sich als notwendig erwiesen, da es im Vorfeld von
Diskussions-Sendungen schon zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen
den Parteien gekommen war.
Sodann gings ab zu Dani Fohrler, dem Moderator der Sendung, zum
Kennenlernen, anschliessend in die Schminke und schon war
höchste Zeit für die Aufzeichnung.
Die Bühne wurde von der Sendung Fohrler 1 für die Sendung 2
umfunktioniert. Dani Fohrler begrüsste das Publikum,
erklärte die Spielregeln für die Publikumsgäste, die
an der Diskussion ebenso willkommen waren wie die Exponenten auf dem
Podium.
Die Podiumsgäste traten einzeln ein. Zuerst Pia von der
Tierrechtsgruppe Animal Peace, unterstützt von Gabi und Jenni im
Publikum. Drei gutaussehende nette junge Frauen – Veganerinnen
– Traum jedes ledigen Veganers, aber unerreichbar für die
angehenden Metzger – worin die drei gar keine Zweifel aufkommen
liessen. Pia erklärte auf die Frage von Dani, ob es sie
stören würde, einen Freund zu küssen, der zuvor
Fleisch gegessen hätte, rundheraus. «S’würd mi
gruuse», und erntete dafür regen Applaus.
Die Metzgerschaft hatte mit ihrer Lehrtochter Susanne ebenfalls einen
«hübschen Käfer» ins Rennen geschickt, die
ihren Einsatz genauso lebendig spielte. Sie gab auch unumwunden zu,
es würde ihr Mühe bereiten, selbst zu töten.
Männer-Bekanntschaften verliefen im Sande, sobald die Jungs
erfuhren, dass sie Metzgerin sei. So habe sie sich halt
angewöhnt, zu erklären, sie sei Fleischveredlerin.
Ihr folgte der Metzger-Fachlehrer Raymond, der das Schlachten als
eine schnelle, schmerzlose Sache beschrieb. Hier erhob Peter, aktiver
Tierrechtsaktivist und Veganer, aus dem Publikum Einspruch und
verhalf mit seinem Auftritt der Sendung zu Würze, mobilisierte
aber zugleich die Metzgerklasse gegen sich und hatte seinen Disput
noch auszufechten, als die Sendung schon längst vorüber
war.
Stefan, passionierter Jäger, schilderte, wie er zu seinem Hobby
gekommen sei, und was für eine schöne, sinnvolle und
wichtige Aufgabe das «edle Waidwerk» sei,
unterstützt von seiner Frau im Publikum.
Nächster Podiumsgast: «Le Corpatoo»,
Metzger und Fleischkünstler. Unter seiner Hand entstehen
Plastiken und Gemälde mit Fleischthemen in Öl, womit sie
genau betrachtet vegan sind und theoretisch eine Vegetarier-Stube
verschönern könnten. Merken Sie sich also: Eine Plastik von
Jean-Pierre Corpataux schmückt auch Ihr Heim! Sein Auftritt war
brilliant und publikumswirksam mit welschem Charme. Mit einem Stapel
Cervelats betrat er die Bühne. Er war zuvor bei der
Wurst-Produktion gefilmt und in die Sendung eingeblendet worden,
schilderte die Übelstände bei den Bauern, die immer mehr
und immer schneller produzieren, und dem Metzgergewerbe, das immer
mehr von der Fleischwarenindustrie verdrängt wird. Esst weniger
Fleisch, gab er den Leuten mit auf den Weg.
Dann kam für mich das Zeichen für meinen Auftritt. Mit
einer Platte vegetarischer fleischähnlicher Häppchen aus
Katharinas Vegi-Service und dem Reformhaus, vor der Sendung liebevoll
arrangiert von Susi und Vreni, betrat ich die Bühne und bot sie
den Publikumsgästen an. Dann wurde ich kurz befragt, wie sich
bei mir der Übergang zum Vegetarier vor rund vierzig Jahren
vollzogen hatte, aber die erwarteten brisanten Fragen blieben aus,
und Vreni, die das Schicksal in die Metzgerklasse verschlagen hatte,
kam gar nicht mehr zu Wort.
Nun betrat Ex-Veganerin und Heilpädagogin Regula die Bühne,
die unter Vitamin B12-Mangel gelitten hatte und von ihrer
Ernährungsberaterin dazu angehalten worden war, dreimal
wöchentlich ein Ei zu essen. Mit Vitamin B12-Mangel wird
Veganern häufig unberechtigterweise Angst gemacht (siehe auch
SVV-FIugblatt). Über diese Frau machten wir uns nachher noch
viel Gedanken. Lange hatte sie mit uns und den andern in der
Empfangshalle gesessen. Alle hatten wir uns bisher nie gesehen und
nicht persönlich gekannt, aber wir hatten uns alsbald gefunden
und freudig begrüsst. Von ihr ging kein Erkennungszeichen aus.
Sie war auch nicht bei der vegetarischen Gruppe zur Instruktion und
suchte auch nach der Sendung keinen Kontakt zu uns.
Nach Regula erklärte ihre Gesundheits-Beraterin Sibylle die
Situation ihrer Patientin so, dass Vitamin B12-Mangel nicht
eigentlich ein Problem für Veganer sei, sondern weit eher ein
Aufnahmeproblem für dieses Vitamin und auch bei Nichtvegetariern
vorkomme.
Die letzte Szene spielte im Publikum bei der Veganerfamilie Widmer,
die durch Gesundheitsprobleme auf vegane und schliesslich auf
Rohkosternährung gekommen war und auch ihre Position in der
Dorfgemeinschaft auf sympathische Weise schilderte. Die ruhige Art
von Marianne und die liebenswerte Schilderung durch die Kinder
ernteten grosse Sympathien auch bei den Zuschauern zuhause und
überzeugten, dass sich vegan und mit reiner Rohkost gesund und
lebenswert leben lässt.
Und dann läutete es – die Sendung war zu Ende. Dani
Fohrler dankte allen fürs Mitmachen. Die Publikumsgäste
stürmten die Bühne und schnappten sich die Happen, die sie
eine Sendung lang vor Augen hatten, wobei Cervelats und
Vegi-Häppchen gleichermassen zugesprochen wurde.
Die Sendung war weniger ein Kreuzfeuer der Argumente und
Gegenargumente, sondern mehr Erfahrungsaustausch, gepaart mit
Unterhaltung, wobei man durchaus den Eindruck gewann, die
«Fleischverächter», wie immer sie sich nennen, seien
keine Sektierer und Asketen, sondern durchaus nette, vernünftige
und liebenswerte Menschen, die ihre Lebensweise als Bereicherung
empfinden.
Die Ausstrahlung erfolgte am 7. Februar 22.00 Uhr mit Wiederholung am
folgenden Tag. Wie die Sendung auf mich gewirkt hat, möchten Sie
vielleicht wissen? Ich schäme mich fast, es zu sagen, ich habe
sie noch nicht gesehen, da wir keinen Fernseher haben.
Fredy Forster
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008
