Vorlesung an der ETH Zürich (Abteilung
für Nutztierkunde)
Ethische Bedenken zu einem vermehrten Fleischkonsum
Aus der ETH Zürich erhielt ich die Anfrage für eine Vorlesung zum obigen Thema. Man wollte die Meinung eines Veganers oder Vegetariers hören.
Am 12. Dezember 2000 war es dann so weit. Nach einem Referenten,
der die Gesundheit von Fleisch und Ei als Nahrung unterstrich,
skizzierte Frau Flury zwei mögliche Szenarien: Einmal jene
Studie, die zwar für die Schweiz die obere Grenze des
Fleischkonsums als überschritten betrachtet, jedoch weltweit
– vor allem auch in Drittweltländern – noch mit
einem markanten Anstieg der Nutztierhaltung und des Fleischkonsums
bis ins Jahr 2020 rechnet.
Andererseits existiert auch ein Szenario des bekannten australischen
Ethikers Isaac Singer, der voraussagt, bis zum Jahr 2020 würde
die Menschheit zwangsläufig vegan leben, da die nicht
mitwachsende Erde die rapid wachsende Bevölkerung mit der
unwirtschaftlichen Schlachttierhaltung gar nicht mehr verkraften
könnte.
Mein Vortrag gliederte sich in drei Teile:
Die Sünden der Nutztierhaltung aus vegetarischer/veganer Sicht.
Wer kämpft gegen die Missstände der Nutztierhaltung an?
Visionen für eine nutztierfreie Zukunft.
Die Vorreferenten hatten mir den Einstieg leicht gemacht, indem ich
kurz die zweifelhafte «Gesundheit des Eikonsums» aus
vegetarischer Sicht streifte, und zum Szenarium «2020 sind alle
Veganer» erfreut reagierte, obschon damit eine Menge Arbeit auf
uns zukomme, der Menschheit zu dieser Erkenntnis zu verhelfen.
Als erstes prangerte ich die vielen Sünden der Nutztierhaltung
an, angefangen bei der künstlichen Besamung durch den
«Köfferlimuni», die Zuchtstierhaltung, Rindermast,
Kälbermast, Schweinemasthaltung mit Kastration der
männlichen Tiere ohne Betäubung und über Schafherden
bis zur Geflügelzucht (Hähnchen, Legehennen, Wachteln).
Sodann beleuchtete ich die Kritiker der Nutztierhaltung von den
Tierschützern über Vegetarier, Veganer bis zu den
Tierrechtlern mit ihren Zielvorstellungen.
Im dritten Teil skizzierte ich die Chancen für eine
Landwirtschaft ohne Nutztierhaltung, beginnend mit der Anbauschlacht
im 2. Weltkrieg, die, verbunden mit einer drastischen Reduktion der
Viehbestände, die Ernährung der Menschen sicherstellte. Die
Kalorien-Vernichtungs-Maschinerie bei der Produktion von Fleisch und
tierischen Produkten war schon zuvor zur Sprache gekommen, wurde
jetzt aber noch an Beispielen verdeutlicht. Auf einem Landstück
können folgende Mengen Nahrung erzeugt werden: entweder Kirschen
1000 kg, Äpfel 4000 kg, Karotten 6000 kg oder Rindfleisch 50 kg.
Im Klartext heisst das: Auf der gleichen Fläche kann wesentlich
mehr pflanzliche Nahrung produziert werden, oder: Die gleiche
Fläche ernährt mehr Menschen mit pflanzlicher Nahrung als
beim Umweg übers Tier, oder die gleiche Anzahl Menschen kann bei
pflanzlicher Nahrung auf einem Bruchteil der Landfläche leben,
wenn die Futtermittel-Anbauflächen entfallen. Die globalen
ökologischen Probleme der Viehhaltung entfallen ebenfalls. Es
entsteht so Raum für eine ökologische Bewirtschaftung und
für mehr Natur, oder wir nutzen die Anbaufläche für
wenig bekannte Nahrungspflanzen wie Knollenziest (Stachys),
Erdmandeln oder Süsslupinen, um nur einige zu nennen.
Es wurde die Subventionsmisere geschildert: 73 % des bäuerlichen
Einkommens stammen aus Subventionen/Direktzahlungen, vorwiegend
für die Nutztierhaltung. Wer zahlt diese Subventionen? –
Die Steuerzahler, nicht zuletzt auch die Vegetarier.
Dass der Mensch sehr gut von Pflanzenkost leben kann, wurde vielfach
untersucht. Die Märchen vom Eiweiss-, Kalzium- und Eisenmangel
bei veganer Ernährung dürfen wir vergessen, denn wir lassen
ja nicht einfach die tierischen Produkte weg, sondern ersetzen diese
durch eine Pflanzenkost, die unserem Körper bestens bekommt. Die
gesundheitlichen Nachteile der Fleischkost wurden vielfach untersucht
und bestätigt. Die im allgemeinen bessere Gesundheit der
Vegetarier und vor allem der Veganer kam zur Sprache, und vieles
mehr, was Vegetarier und Veganer Fleischessern voraushaben.
Aber auch Visionen für die Landwirtschaft kamen zur Sprache,
denn ich wollte ja nicht nur die Misere anprangern, sondern auch
Zukunftsperspektiven für die Landwirtschafts-Studenten
aufzeichnen.
Anschliessend an den 25minütigen Vortrag entwickelte sich eine
rege Diskussion. Das Publikum setzte sich schliesslich mehrheitlich
aus Nutztier-Wissenschaftern (Professoren und Studenten) zusammen,
für die der Vortrag sicher keine leichte Kost war.
Ich glaube nicht, dass eine Vorlesung einen
«Nutztier-Wissenschafter» zum Pflanzenbauern wandelt,
aber immerhin sind unsere Anliegen heute ein Thema, das durchaus
ernst genommen wird.
Fredy Forster
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008
