Neptuns bedrohte Kinder
Auf einer Fachtagung im letzten Sommer stellte Jean Lubchenco, Zoologin an der Oregon State University fest, dass der Mensch dabei sei, Arten hundert- bis tausendmal schneller auszurotten, als dies der natürliche Verlauf der Evolution bislang geschafft hat. Die Richtigkeit dieser Behauptung wird ganz besonders untermauert durch das dramatische Verschwinden von Meeressäugern.
Während vor nicht allzu
langer Zeit noch eine prächtige Artenvielfalt im feuchten
Element gedeihen konnte, sind wir nun betroffene Zeugen des grossen
Sterbens, was eindringlich am Beispiel der Blauwale verdeutlicht
wird: Vor achtzig Jahren pflügten noch ca. 275’000 dieser
bis zu 30 m langen Riesen durch die Ozeane, heute jedoch wird der
Bestand auf weniger als 5000 Exemplare geschätzt, Tendenz
sinkend.
Wenn Menschen auch schon seit eh und je den Meeressäugern nach
Fell und Fett trachteten, so nahm die Jagd doch erst durch den
Einsatz der Technik das Ausmass einer Ausrottung an. Allein fast drei
Millionen Grosswale wurden seit den Zwanzigerjahren fette Beute der
Fangflotten! Die wehrlosen Tiere hatten nie die geringste Chance
gegen einen Gegner, der immer durchschlagendere Gewehre brauchte und
immer besser geleitete Harpunen durch die Luft zischen liess! Eine
frenetische Jagd füllte Taschen und leerte in wenigen
Jahrzehnten die Meere, denn die Tiere vermehrten sich nicht in dem
Tempo, in dem sie vernichtet wurden. Welch Spielverderber die Natur
doch sein kann!
1975 wurde endlich die Öffentlichkeit aufmerksam, als eine
tapfere Greenpeace-Crew einen sowjetischen Walfänger
konfrontierte und dadurch das routinemässige Gemetzel an Walen
einem schockierten internationalen Publikum bekannt machte.
Überall aufwallende Entrüstung führte allerdings erst
1986 im Rahmen der Internationalen Walfang-Kommission (IWC) zu einem
Moratorium: ein weltweites Walfangverbot.
Leider unterschrieb Hauptakteur Norwegen das Abkommen nicht und
schiesst nach wie vor Wale ab. Auch Japan schlachtet weiterhin Wale,
wenn auch «zu wissenschaftlichen Zwecken…».
DNA-Bestimmungen von in Tokio gekauften Fleischproben ergaben, dass
sie von Zwerg-, Finn-, Buckel- und sogar Blauwalen stammen.
Walfleisch gilt in Japan als Delikatesse, ist extrem teuer und selbst
Dioxinbelastungen, die die zugelassenen Werte 172fach
überschreiten, wie auch eine hohe Konzentration von Quecksilber
im Fett von Walen und den 20’000 jährlich gemetzelten
Delphinen, verderben den Appetit keinesfalls (in Deutschland sind
gestrandete Wale als Sondermüll zu entsorgen!).
Aber nicht nur fabrikmässiges Schlachten bedroht die
Meeressäuger. So verenden jährlich zehntausende von ihnen
in 50 km langen Fischernetzen. Das Leerfischen der Meere entzieht
vielen die Lebensgrundlage und eine globale Verschmutzung vergiftet
Flüsse, Weltmeere und damit den Beginn der Nahrungskette.
Weitere Gefährdungen stellen immer häufigere
Ölkatastrophen und zunehmender Lärm unter Wasser dar,
Sonar-Tests der Marine und das Einfangen von Tieren für
Unterhaltungszwecke. Der Killerwal als Clown-Symbol abfälliger
Bewertung tierischen Lebens!
Nun stehen einige Spezies kurz vor dem endgültigen Aus und
werden uns in Zukunft wohl nur noch im Bereich Multimedia begegnen.
Anderen dagegen könnte konsequenter Schutz möglicherweise
noch Rettung bringen! Statt einer von Japan und Norwegen energisch
angestrebten Aushöhlung des Moratoriums nachzugeben, wäre
vielleicht der im IWC als «Irischer Vorschlag»
diskutierte Kompromiss hilfreich, nach dem die Walschlächter im
eigenen Küstenbereich aktiv sein dürfen, aber abgesehen
davon alle Weltmeere als Schutzgebiete betrachtet werden. Unter
diesen Bedingungen könnten sich möglicherweise auch stark
gefährdete Arten wieder so erholen wie die vor achtzig Jahren
noch als ausgerottet gegoltenen See-Elefanten: Aus einer versprengten
Gruppe von nur 100 Überlebenden hat sich unter konsequentem
Schutz erfreulicherweise wieder eine Kolonie von ca. 150.000 Tieren
entwickelt.
Aber natürlich ist bei diesem dringenden Problem nicht nur die
internationale Politik angesprochen, sondern auch nationale und
private Initiativen! Ein nachahmenswertes Beispiel bietet das
Aquarium von Vancouver, das nach 33 Jahren die Ausstellung von
Schwertwalen aufgibt: «Wir haben versprochen, keine Tiere mehr
zu fangen oder andere dazu zu veranlassen», erklärte Chef
Dick Bradshaw.
Möge Neptun noch viele solche Verbündete finden, und zwar
schnell!
Quellen:
Herma Brockmann
- Sea Shepherd International Conservation
- Arbeitsgruppe zum Schutz der Meeressäuger Schweiz (ASMS)
- Ocean Defense International - Defending The Oceans
- International Whaling Commission
- «Irish Proposal» Opening Statement Of The Government Of Ireland, International Whaling Commission, 1997
- The Whale and Dolphin Conservation Society - Whale watching, Dolphin facts, Whale facts, Swimming with dolphins
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