habt vielen dank für eure reaktionen auf meinen text "vegetarisch oder vegan" im vegi-info (2008-1). ich möcht die gelegenheit nutzen, einen punkt zu präzisieren, der immer wieder angesprochen wird und der um die frage kreist, ob die vegetarische lebensweise ein schritt "in die richtige richtung" sei.
VEGETARISMUS – EIN SCHRITT AUF DEM "RICHTIGEN WEG"?
wie jörg richtig bemerkt, bin ich grundsätzlich der meinung, dass dies falsch ist. nun bedeutet das aber nicht (wie heinz das nahelegt), dass ich der ansicht wäre, vegetarier/innen könnten genauso gut wieder fleisch konsumieren. der grund besteht u.a. darin, dass die vegetarische lebensweise (im vergleich zu den essgewohnheiten eines carni- oder omnivoren!) durchaus dazu führen kann, dass tiere weniger leiden müssen. und wenigstens das dürfte unter uns doch unbestritten sein: dass es immer besser ist, wenn tiere weniger leiden!
der punkt, um den es mir geht, ist ein anderer: wer der meinung ist, dass der vegetarismus ein schritt in die "richtige richtung" ist, sollte sich darüber gedanken machen, welche richtung genau die "richtige richtung" ist. und er oder sie sollte es auch möglichst laut aussprechen. dabei reicht es m.e. nicht aus zu sagen: alles, was zur verminderung von tierleid führt, führt auch schon in die richtige richtung!
denn erstens kann man sich ohne mühe vorstellen, dass jemand, der sich für weniger tierleid einsetzt, zugleich der auffassung ist, dass es "richtig" – und zwar: moralisch richtig – ist, tiere für unsere zwecke zu nutzen. tatsächlich sind nicht bloss "tierfreunde", sondern auch viele tierausbeuter der ansicht, dass tiere nicht "unnötig" leiden sollten oder dass wir ihnen nur dann schmerzen zufügen dürfen, wenn wir dafür auch wirklich "vernünftige" gründe haben (wobei nicht klar ist, was hier "unnötig" oder "vernünftig" heissen soll). m.a.w.: wenn jedes bemühen um minderung von tierleid bereits in die "richtige richtung" führt, dann scheint es so, dass auch tierausbeuter auf dem richtigen weg sind.
mir selbst kommt eine solche auffassung ziemlich schräg vor. wie ich in meinem vegi-info text "die wurzel des übels: das tier als eigentum" anzudeuten versucht habe, gibt es m.e. keine moralische rechtfertigung dafür, tiere als blosses mittel für unsere zwecke – als unser eigentum – zu behandeln. wenn ich damit recht habe (und soweit ich sehen kann, wurde meine argumentation in diesem forum nicht kritisiert), dann kann es unmöglich sein, dass jene, die zwar gegen "unnötiges" tierleid sind, aber die ausbeutung der tiere grundsätzlich befürworten, auf dem richtigen weg sind.
nehmen wir also an, es sei moralisch falsch, tiere als unser eigentum zu behandeln, als ressource, deren sinn und zweck darin besteht, für uns da zu sein und die wir entsprechend nutzen dürfen. dann gilt es – mit bezug auf den vegetarismus – einen zweiten punkt zu beachten: wer vegetarisch lebt, lebt nicht nach diesem grundsatz!
indem vegetarier/innen auf den fleischkonsum verzichten, behandeln sie gewisse tiere zwar nicht mehr als ressourcen (als fleischlieferanten); in anderen tieren aber sehen sie durchaus nichts anderes als gebrauchsobjekte, nämlich milch- oder eimaschinen. das aber geht unmöglich zusammen, *falls* wir der auffassung sind, dass es falsch ist, tiere als unser eigentum zu behandeln. denn einerlei ob schweine oder milchkühe, all diese tiere werden als eigentum behandelt, und es ist wirklich nicht einzusehen, mit welchem recht man aufgrund der art und weise, wie man sich nun einmal ernährt, die einen tiere (z.B. schweine) gegenüber anderen (milchühe oder legehennen) bevorzugen kann (ich hab diesen punkt im beitrag "sind vegetarier tierausbeuter" näher ausgeführt: http://www.vegetarismus.ch/forum/viewtopic.php?id=201)
diese ungleichbehandlung der tiere (die, wie ich eben meine, auf einem moralischen widerspruch beruht) hat natürlich unmittelbare konsequenzen für das viel zitierte "wohl der tiere" – und das ist ein dritter punkt, den es m.e. im zusammenhang mit dem vegetarismus zu bedenken gilt:
vielleicht mag es sein, dass die vegetarische lebensweise zur verminderung von tierleid führt (ich selbst hege da zweifel, da mir nicht klar ist, wie man das messen könnte). unbestritten dürfte aber sein (und das deuten z.B. auch beat und luna in ihren beiträgen an), dass die vegetarische lebensweise zur qual zumindest gewisser tiere beiträgt, ja diese sogar unmittelbar verursacht. wenn wir nicht bloss der ansicht sind, dass es besser ist, wenn tiere weniger leiden, sondern darüberhinaus die auffassung vertreten, dass es grundsätzlich falsch ist, tiere für unsere zwecke zu nutzen (und zwar einerlei, ob in gestalt von fleischlieferanten oder 'bloss' in form von milch- oder eimaschinen), dann dürfte auch klar sein: der vegetarismus ist nicht schon deshalb ein schritt in die "richtige richtung" ist, weil er (vielleicht) auch zur verminderung von tierleid führt.
damit stellt sich natürlich die frage: unter welchen bedingungen ist denn der vegetarismus – wenn überhaupt (!) – ein schritt in die "richtige richtung"? in meinen augen lautet die antwort (und damit gehe ich mit beat einig): nur dann, wenn er (möglichst rasch) überwunden wird, und zwar zugunsten eines ethischen veganismus. tatsächlich besteht das beste am vegetarismus darin, dass wir ihn beiseite legen und vegan leben sollten.
denn halten wir am vegetarismus fest, so stehen wir entweder auf seiten der tierausbeuter (nämlich dann, wenn wir meinen, dass es richtig ist, tiere für unsere zwecke zu nutzen). oder aber wir nehmen in kauf, dass wir tiere völlig willkürlich auf ungleiche weise behandeln und damit aktiv dazu beitragen, dass die von uns benachteiligten tiere zusätzlichen qualen und leiden ausgesetzt sind.
zumindest aus meiner perspektive liegt keine dieser beiden varianten auf dem "richtigen weg".
THEORIE vs PRAXIS, ODER: WIE SCHWIERIG IST ES, VEGAN ZU LEBEN?
das alles mag theoretisch oder philosophisch klingen und noch nicht allzu viel über die praxis aussagen (wie das z.B. jörg und teilweise auch renato zu bedenken geben). davon abgesehen, dass mir bei dieser gegenüberstellung von theorie und praxis nicht sonderlich wohl ist, scheint mir folgendes doch ziemlich wichtig zu sein:
zwar geht es hier zunächst einmal um einen moralischen standpunkt (d.h. um die überzeugung, dass wir keine rechtfertigung haben, tiere als unser eigentum zu behandeln). doch ist dieser standpunkt nicht einfach ein abstrakt-philosophisches gebilde, im gegenteil: alle mir bekannten studien über leute, die sich ums wohl der tiere kümmern (und jetzt egal, ob es sich um bewusste fleischkonsumenten handelt, um vegetarier/innen oder veganerInnen), belegen, dass der ethische gesichtspunkt der wichtigste überhaupt ist: es sind in erster linie moralische überlegungen, welche diese leute dazu bringen, ihren umgang mit den tieren zu überdenken und entsprechend zu handeln.
nichts anderes aber versuche ich, wenn ich leute, die aus überzeugung vegetarisch leben, mit dem moralischen gesichtspunkt eines abolitionisten konfrontiere. mir geht es dabei nicht (nur) um eine theorie, die schlank und rank und in sich stimmig ist. es geht v.a. darum, gute gründe dafür zu liefern, unseren umgang mit tieren auf ganz grundsätzliche art und weise zu hinterfragen, und zwar ganz konkret auf die praxis und unseren alltag bezogen.
natürlich, ob gute gründe (falls es solche sind) auch gründe sind, danach zu *handeln*, muss – wie das renato richtig sagt – jede und jeder für sich selbst entscheiden.
dabei mag es dinge geben, die einem diesen entscheid – nämlich: vegan zu leben – einfach machen, andere, die sich als hindernisse erweisen. was mir am wichtigsten überhaupt scheint, ist die einsicht, dass es möglich ist, vegan zu leben. das mag auf anhieb trivial klingen, aber immerhin: niemandem von uns ist es möglich, aus eigener kraft eine tonne zu stemmen, aber (fast) alle von uns können vegan leben.
und genau darauf kommt es an: wir – und nur wir – haben es buchstäblich in der hand, denn wir allein sind es, die das recht der tiere, niemandes eigentum zu sein, tag für tag für tag und ganz konkret in die tat umsetzen können!
dazu brauchen wir keinem verein beizutreten (sorry, renato :-) ), auch müssen wir nicht an demos teilnehmen oder barrikaden errichten, noch haben wir auf den segen eines veganen gurus zu warten oder müssen uns nächtelang in die literatur über tierrechte vertiefen (natürlich, all das können wir auch).
nein, in gewisser hinsicht geht es viel, viel einfacher: wir müssen bloss "basta!" sagen zu jeder art und weise, wie empfindungsfähige wesen in blosse gebrauchsobjekte verwandelt werden. auf der ganz persönlichen ebene mündet diese haltung (wie charlotte sagt) in einen boykott sämtlicher "tierischer produkte", nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. in einer gesellschaft, in der über 90% prozent der leute die ausbeutung der tiere für selbstverständlich halten, bedeutet ein solch persönlicher boykott nicht "nichtstun", sondern ist aktivismus pur.
ob man diesen entscheid konsequent umsetzen kann, ob man (wie lisa fragt) 100% vegan leben kann?
vermutlich nicht. wir leben in einer durch und durch nicht-veganen welt. doch wichtiger als die frage nach prozenten, scheint mir die einsicht, dass es hier darum geht, mit allen uns verfügbaren mitteln das vermeidbare (die ausbeutung der tiere) zu vermeiden!
natürlich: auch wenn wir einmal davon absehen, dass es z.B. leute gibt, die aus gesundheitlichen gründen nicht vegan leben können, mag es immer noch gründe geben, weshalb das vermeidbare offenbar unvermeidbar ist. das wären dann wohl die hindernisse, vegan zu leben.
aber um welche gründe könnte es sich dabei handeln? ist es gewohnheit? bequemlichkeit? genuss? oder die angst, sozial isoliert zu werden, sei es am arbeitsplatz, in der schule oder im freundeskreis? welche gründe es auch immer sein mögen, mir scheint, es sollten wirklich gute gründe sein. zumindest sollten sie so gut sein, dass sie für uns eine rechtfertigung dafür bieten, den wert der tiere auf den nutzen und vorteil zu reduzieren, den wir aus ihnen ziehen.
falls wir aber meinen, dass dies keine sonderlich guten gründe sind, dann sollten wir nicht länger warten und am besten schon heute damit beginnen, vegan zu leben. oder wenigstens ab morgen früh. denn darüber ist selten genug die rede, wenn der veganismus immerzu als radikale lebensweise oder als "letzter schritt" bezeichnet wird: es macht wirklich spass, vegan zu leben! ehrlich wahr.
PS: jörg sowie renato und charlotte sprechen das problem der zwischenschritte an und damit auch die frage, wie man die abolitionistische position auf gesellschaftlich-politischer ebene umsetzen kann. und das zu recht! ich werd später mal versuchen, darüber was zu sagen.