Wie ist das eigentlich mit ...?
Oder:
Keine Angst vor offenen Fragen!
Tierrechtsgegner wie -befürworter entwickeln einen erstaunlichen Erfindungsreichtum, wenn es darum geht, tatsächlich oder vermeintlich schwierige Fragen aufzuwerfen: Wie ist das mit Pflanzen, das sind doch auch Lebewesen? Womit füttern Sie eigentlich Ihre Katze? Was ist mit den Eskimos, die müssen doch Fleisch essen? Und so weiter.
Wenngleich die Mehrzahl der immer wieder gestellten Fragen
leicht zu beantworten ist, gibt es darunter auch schwierige
Probleme. Wer dies allerdings der Tierrechtsbewegung zum
Vorwurf machen möchte – nach dem Motto: «Tierrechte sind
ja doch unsinnig!» –, offenbart eine bemerkenswerte
Naivität. Denn Tierethik ist ein Teil der Gesamtethik
und diese besteht nun einmal aus nichts anderem als aus
Problemen und den Versuchen, sie zu lösen!
Die triviale Tatsache der Zusammengehörigkeit von
Tierethik und Ethik ist im übrigen auch der schlichte
Grund dafür, dass wir auch bei Tierrechtsfragen
zunächst und vor allem unseren Verstand benützen
müssen und uns nicht mit infantilen Vorurteilen und
Ausreden zufrieden geben dürfen.
Eine fatale Folge der Missachtung der
Zusammengehörigkeit von Ethik und Tierethik ist das
immer wieder zu beobachtende Alles-oder-nichts-Prinzip: Kann
auch nur eine einzige Tierrechtsfrage nicht zweifelsfrei und
zudem sofort beantwortet werden, wähnt man gleich das
Gesamtkonzept Tierrechte im Wanken. Dies führt
seinerseits zu zwei ebenso voreiligen wie unbegründeten
Reaktionen.
Tierrechtsgegner triumphieren: Die ganze Idee von Rechten
für Tiere erweist sich also doch als windiges
Wunschdenken, das genauerem Nachfragen nicht
standhält!
Tierrechtsbefürworter verfallen hingegen in Panik:
Vielleicht ist in unserem Konzept doch irgendwo der Hund
begraben und unsere Kritiker behalten am Ende doch recht!
Beiden Reaktionen gemeinsam ist ein völlig irrationaler
und irrealer Begriff von Ethik insgesamt: Ethik nicht als
ständiges mühsames Ringen um richtige
Lösungen, sondern Ethik als Ersatzreligion, die für
jedes Problem ein massgeschneidertes Patentrezept
bereitzuhalten hat.
Diese vollkommen absurde Vorstellung von Ethik verstellt den
Blick auf primitivste Selbstverständlichkeiten. Zum
Beispiel darauf, dass ein ungelöstes Problem
zunächst einmal nicht mehr bedeutet als: Auf diese Frage
haben wir momentan keine befriedigende Antwort.
Und das sollte weder Anlass zu Besorgnis noch zu Verwunderung
sein. Würden wir bei allen offenen ethischen Fragen so
panisch reagieren wie bei Tierrechtsfragen, hätten wir
die gesamte Ethik schon längst über Bord werfen
müssen – mit verheerenden Folgen: Wir wären ohne
jegliche rationale Orientierung und ausschliesslich auf
momentane Intuitionen angewiesen.
Konkretes Beispiel: Weil es im Zusammenhang mit Euthanasie
und modernen Reproduktionstechniken – Stichworte
würdiges Sterben, künstliche Befruchtung,
Leihmutterschaft – schwierige Menschenrechtsprobleme gibt,
müssten wir das Konzept Menschenrechte insgesamt verwerfen!
Soweit einige prinzipielle Gründe dafür, dass wir
uns von offenen ethischen Fragen nicht dazu verleiten lassen
dürfen, das Kind mit dem Bade auszuschütten und uns
auf diese Weise jeder rationalen Orientierung zu berauben.
Abschliessend noch einige Erwägungen zum praktischen
Umgang mit Tierrechtsfragen:
Kümmern wir uns zunächst um die grossen, einfachen
Probleme, also um jene Probleme, wo die Zahl der betroffenen
Tiere gross, die moralische Bewertung eindeutig und die
praktische Umsetzung einfach ist.
Das so beliebte und häufige «Festbeissen» an
ausgefallenen moralischen Detailfragen ist oft nur ein
fadenscheiniger Vorwand: Solange man redet und angeblich um
die richtige Lösung ringt, braucht man nicht zu handeln
bzw. sein Verhalten nicht zu ändern.
Und: Es gibt genügend Missstände, deren Unrecht so offenbar und himmelschreiend ist, dass sie überhaupt kein ethisches Problem darstellen. Zum Beispiel: Tiere umbringen, um sie aufzuessen. Mit der Beseitigung dieser Missstände lasst uns beginnen!
Helmut F. Kaplan
Helmut F. Kaplan ist Berater und Sprecher für ethische Grundfragen bei Animal Peace sowie Autor von «Leichenschmaus» und Herausgeber von «Warum ich Vegetarier bin» (rororo).
Homepage des Autors: Tierrechte.
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