Arbeitslose durch Vegetarismus?
Behauptung:
Würden alle Menschen aufhören Fleisch zu essen, hätte dies katastrophale Folgen für die Fleischindustrie, weil dadurch alle in diesem Gewerbe Tätigen auf einen Schlag arbeitslos werden würden.
Richtigstellung:
1. Bei jeder zivilisatorischen Veränderung gibt es Verlierer und Gewinner:
- Beim Übergang vom Pferd zum Auto als Transportmittel mussten sich viele in der Pferdebranche tätigen Personen nach einer anderen Arbeit umsehen. In der Automobilindustrie gab es dafür viele neue Arbeitsplätze.
- Wenn man sich gegen Atomkraftwerke einsetzt, werden einige Spezialisten auf diesem Gebiet gezwungen, sich ihr Geld in einem anderen Bereich zu verdienen. Gleichzeitig können neue Arbeitsplätze im Bereich der alternativen Energiequellen entstehen.
- Auch in der Diskussion über die Todesstrafe hörte man kaum jemals das Argument, dass durch die Abschaffung der Todesstrafe die «armen» Henker ihre Arbeit verlieren würden.
- Wenn es keine Kriege mehr gäbe, bräuchte es auch keine Rüstungsindustrie mehr. Sollten deshalb die Kriege gefördert oder die in der Rüstungsindustrie Beschäftigten umgeschult werden?
- Wenn der Fleischkonsum stark sinkt, heisst dies, dass in mindestens einem anderen Nahrungsmittelsektor die Nachfrage steigt. Es gehen also keine Arbeitsplätze verloren, sie werden nur verlagert. Während des sehr starken Anstiegs des Fleischkonsums nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich auch niemand darum gekümmert, was mit den Personen geschehen ist, die in anderen Nahrungsmittelsektoren tätig waren und durch die sinkende Nachfrage weniger Arbeit bekommen haben. Die Arbeitsplätze werden bei einem sinkenden Fleischkonsum demzufolge nur wieder zurückverlagert.
2. Es werden wohl kaum je alle Menschen sich
rein vegetarisch ernähren. Deshalb wäre es
völlig ausreichend, wenn sich die Fleischindustrie den
Marktverhältnissen anpassen würde und sich in
Zukunft anstatt auf Quantität auf Qualität
konzentrierte. Da die Fleischindustrie (wie in der
Planwirtschaft der ehemaligen Ostblockländer) daran
gewöhnt wurde, für die produzierte Menge an
Fleisch Millionensubventionen vom Staat zu kassieren,
erfordert die Umstellung eine grundsätzliche
Neuorientierung der gesamten Fleischindustrie und der
Subventionspolitik des Bundes. Beides brächte bestimmt
viele Vorteile. Sich blindlings auf die Subventionen des
Staates zu verlassen und die realen Marktveränderungen
zu ignorieren, bringt für alle Beteiligten langfristig nur Nachteile.
Ausserdem hat auch die fleischverarbeitende Industrie
längst damit begonnen, sich auf die sich ändernden
Marktverhältnisse einzustellen, und entwickelt schon
länger Fleischalternativen.
3. Der Übergang zur vegetarischen Lebensweise eines Grossteils der Bevölkerung ist ein langsamer, schon lange voraussagbarer Prozess. Da das Metzgergewerbe sowieso seit einiger Zeit mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hat, müssten die Verantwortlichen nur ihre Anstrengungen, möglichst viele Lehrstellen zu besetzen, aufgeben und könnten sich durch die natürlichen Abgänge auf den sinkenden Fleischkonsum einstellen. Dies hätte keine Massenentlassungen zur Folge.
4. In der heutigen schnelllebigen Zeit ist ein Berufswechsel nichts Besonderes mehr und kann den Beschäftigten im Fleischgewerbe bestimmt ebenso zugemutet werden wie allen anderen Personen. In einer Marktwirtschaft muss sich ständig jeder Industriezweig den sich verändernden Marktverhältnissen anpassen. Es nützt nichts, wenn man versucht, die sich ändernden Marktverhältnisse zu verteufeln und mit allen Mitteln seine Produkte dem Markt aufzuzwingen. Dies wäre eine Strategie von sehr kurzsichtigen Managern.
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