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Überleben in der Wüste

Seit Jahrhunderten hat eine indische Gemeinschaft in der Wüste überlebt, indem sie den Regeln eines Heiligen des 15. Jahrhunderts folgt. Sogar die momentane Dürre, die sich für andere katastrophal auswirkt, bedeutet für sie kein Unheil.

Im Jahr 1988 machte die indische Regierung das Bishnoi-Dorf Khejerli zum ersten nationalen Naturdenkmal, um den Tod der 363 Bishnoi-Männer, Frauen und Kinder namentlich zu gedenken.

Alles Lebendige, gleich welcher Form, wird hier zum Symbol verzweifelten Überlebenwollens.

Tiere und Menschen leben von allem, was sie nur finden können, folgen Lebensmustern, die die karge Umwelt noch mehr auslaugen. Der Prozeß der Verwüstung steigert sich. Eine Schraube ohne Ende von Hunger, der das Wenige ausbeutet und zur Ausdörrung führt.

Kein Wunder, wenn Menschen die Natur hier als feindlich erleben und sie wenig Sinn dafür entwickeln, wie sehr sie selber der Natur und den Tieren nah verwandt sind. Doch auf dem Weg der Ausbeutung gehen immer mehr Menschen und Tiere dem tödlichen Zirkel von Dürre und Hunger in die Falle.

Die Bishnoi sind eine wohlhabende und blühende Gemeinschaft in diesem kargen Terrain. Ihre Religion, vor über 500 Jahren von dem Reform-Heiligen Jambeshwar gegründet, ist aus der Wüste geboren. Ihr Glaube ist tief verwurzelt in der Teilhabe des Menschen an der Natur, in der er lebt.

Die Menschen von Rajasthan tragen bunte Kleidung, im Gegensatz zu ihrer graufarbenen Umgebung. Die Männer der Bishnoi stechen aus diesem Farbtumult sofort heraus, da sie weiß tragen. Weiße Turbane, vorschriftsgemäß 9 yards lang, weiße Hemden und weiße dhotis, die alle überraschend sauber sind.

"Ja, Wasser ist kostbar hier in unserem Dorf, wie überall in der Wüste, aber wir müssen weiß tragen, denn Jambeshwar verlangt dies.
Weiß zeigt Schmutz, Farben verstecken ihn. Wenn wir unsere Körper, unsere Kleidung nicht täglich waschen, können dann unsere Gedanken sauber sein?"

Dieses Farbverbot gilt nicht für ihre Frauen, die beeindruckend farbenfroh gekleidet sind, wie alle Frauen im ländlichen Rajasthan. Bishnoi-Frauen tragen Blusen, die mit Sternen übersät sind, zusammen mit einem plissierten Rock, der bei allen das gleiche kastanienbraune und weiße Muster hat und der als sara (Abwandlung von sari) bekannt ist. Der schwere Goldschmuck den sie tragen, stellt einen großen Teil ihrer Mitgift dar - schwere sichelförmige Nasenringe, schwere Fußkettchen und dazu Importe aus der Stadt, wie Plastikspangen und Perlenketten.

Die Liebe der Bishnoi zu pflanzlichem und tierischem Leben hat sich im Laufe der Zeit keineswegs abgeschwächt. Seit 500 Jahren legen Wärter auf Plattformen Wasser und Futter für Vögel und Vierbeiner aus, jeden Tag. Wo immer Bishnoi-Gemeinschaften Zonen unberührbarer, "heiliger" Natur beschützen, ist das täglich Routine, das ganze Jahr über. In solchen Schutzgebieten streifen scheue Tiere, wie Schwarzböcke, Chinkaras und andere Antilopen ohne Angst umher.

Bishnoi wohnen in Dörfern mit anderen Gemeinschaften zusammen. Aber in der Nähe ihrer Felder hegen sie Gebüschzonen, die sie "dandhi" nennen, das sind kleine Naturschutzgebiete. Jäger fürchten sich, in solche Zonen zu geraten, denn Bishnoi-Männer werden ziemlich böse, wenn sie Wilddiebe erwischen. Immer wieder, bis in die jüngste Zeit, hört man von Bishnoi, die zum Schutze der Tiere gegen Jäger und Wilddiebe ihr Leben aufs Spiel setzen. Und natürlich töten sie niemals ein Tier oder essen sein Fleisch. Sie lassen Tiere gelten, wie sie sind, als Verwandte in Gottes Schöpfung.

Die Anfänge des Glaubens der Bishnoi waren nicht leicht. Tausende flohen damals aus Rajasthan vor Hunger, Durst und Tod. Jambeshwar versprach ihnen das Überleben, sogar Wohlstand, wenn sie mit Achtung gegenüber Mensch und Natur hart und geduldig arbeiten. Jambeshwar meditierte darüber an einem Ort namens Sambhara, heute vollziehen dort Pilger ihre Riten zu seinem Gedächtnis.

Sie klauben die trockene Erde aus dem Grund, um sie dann einen Hang hinaufzutragen und an der Stelle auszuschütten, wo die legendäre Meditationsdüne gewesen sein soll. Der Ritus erinnert an die unermüdliche Arbeit der Vorfahren, die sie, in der Hoffnung auf Jambeshwars Verheißung, auf sich genommen hatten.

Die Bishnoi dringen mit den Fingernägeln in die Rinde des Khejri-Baumes, ohne ihn dabei zu verletzen. Eine Berührung mit dem anderen Leben. Der Khejri-Baum ist das Bishnoi-Symbol des Auskommens in der Wüste. Bei jedem Tempel wächst ein solcher Baum, oft mitten durch das Bauwerk hindurch.

Einige Lebensweisheiten Jambeshwars:

Gesundheit ist den Bishnoi ein hoher Wert, der auch zur Achtung des Lebens gehört.

Die Bishnoi sind heute eine wohlhabende Gemeinschaft. Viele sind Bauern und Milchhändler, oft beneidet von anderen. Doch niemals betrachten die Bishnoi ihren Erfolg als Selbstverständlichkeit, sondern als Ergebnis der Balance von Nehmen und Geben.

Viele Riten sind erdbezogen. Man schaufelt kleine Sandhügel auf und verbindet mit dem Gedenken der Erde persönliche Gebete und Bitten um eine gute Ernte. Doch nach jeder Ernte gibt man der Erde und den Tieren das ihrige zurück. 30 - 40 Kilo Korn legt jeder beiseite für die gemeinschaftlichen Futterplätze, gemäß den Lehren des Jambeshwar.

"Tiere haben dasselbe Recht auf die Früchte der Erde, darum gib sie ihnen - gedenke, du lebst mit ihnen auf demselben Planeten. Darum versage ihnen ihren Anteil nicht."

Doch nicht nur die Schranken zwischen Mensch und Tier, sondern auch die zwischen den Menschen selbst, versuchte Jambeshwar vor einem halben Jahrtausend abzubauen.

Die Bishnoi stellen auch noch in anderen Punkten ein Modell für das indische Volk dar: Sie erkennen das Kastensystem nicht an und beide Geschlechter können gleichberechtigt arbeiten. Sie befürworten außerdem die Familienplanung. Die Bishnoi kennen keinen Egoismus, was das Wasser angeht. Es sind zwar sie, die die Seen nahe den Dörfern anlegen, sie unterhalten, jährlich von Schlick reinigen und mir Khejri-Bäumen umpflanzen, aber jeder kann die Seen frei benutzen, Menschen so gut wie Tiere.

Auch Schlachttiere wie Ziegen und Schafe, die den Bishnoi tabu sind, können ihren Durst hier stillen. Die Bishnoi selbst halten solche Tiere nicht, weil es oft keine andere Möglichkeit gibt, als sie irgendwann zu töten.

Die Bishnoi verstehen auch die Gefahr von unkontrolliertem Weiden von zuviel Vieh. Sie haben noch nie Schafe oder Ziegen gehalten, wegen der Auswirkung, die diese Tiere auf die Umwelt haben.

Den Erlassen des Jambeshwar folgend, wird ein Bishnoi niemals ein Tier oder einen Baum töten. Als Vegetarier essen sie nach Einbruch der Dunkelheit nichts mehr, um zu vermeiden, daß ein Insekt in ihr Essen gelangen und aus Versehen gegessen werden könnte.

Viele Bishnoi haben ihr Leben gegeben in dem Versuch, Wilderer daran zu hindern, Tiere zu töten. Solches Märtyrertum im Namen von Tieren und Pflanzen hat es zuvor in der Welt noch nie gegeben, selbst in einer Gesellschaft wie Indiens, die Kühe verehrt und viele andere Tierarten respektiert, da die Menschen größtenteils an die Wiedergeburt und Gewaltlosigkeit glauben.

Kamele bringen in Behältern Wasser zu den Menschen, die weit entfernt leben. Das Gebundensein an Wasserlöcher ist die Bedingung des Wüstenlebens. Wasser ist knappe Ware und Landwirtschaft in der Wüste hängt von nicht vorhersehbaren Regenfällen ab. Dessen bewußt, hatte Jambeshwar die Milchwirtschaft empfohlen. Heute ist sie das Rückrat der Bishnoi-Wirtschaft. Die Tiere werden jedoch nur zur Milcherzeugung genutzt, niemals geschlachtet.

Es gelingt den Bishnoi der Ausbeutung der Natur Grenzen zu setzen und trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - ökonomisch erfolgreich zu sein.

Bishnoi liefern Milch in Dörfer und Städte, sogar in Perioden der Trockenheit. In guten wie in schlechten Zeiten wird den Tieren eine begrenzte Menge von Khejriblättern verfüttert. Der Milchertrag soll sich dadurch um 10-15% steigern.

Selbst in der schlimmen Trockenzeit der 80er Jahre fühlte kein Bishnoi die Notwendigkeit wie andere, aus Rajasthan zu emigrieren.

Viele Bishnoi sind ungebildet und folgen einfach blindlings den Geboten ihrer Religion. Die einfache Tatsache ist für sie, daß diese Lebensweise immer genügend Korn, Milch und Butter erbracht hat, ohne die empfindliche Umwelt zu beschädigen. Ein mit allem Lebendigen harmonisierender Lebensstil hat sich in religiösen Glaubenssätzen und Lehren verdichtet und diese Regeln, so glauben die Bishnoi, lassen sie nicht fehlgehen.

Viele Verse Jambeshwars und seiner Schüler sprechen von Bäumen, speziell vom Khejri-Baum, mit dem botanischen Namen "Prosopis cineraria".

"Laßt uns einfühlsam mit allem Lebendigen umgehen. Darum beschneidet niemals einen grünenden Baum. Alle Bäume sollen mit Liebe gehegt werden. Der Khejri-Baum soll immer unseren Schutz genießen."

Der Khejri-Baum wird bewußt auf landwirtschaftlichen Feldern gepflanzt. Seine 30 Meter tiefen Wurzeln bereichern den Boden. Mehrfach-Ernten sind unter Bishnoi-Bauern keine Seltenheit. Der Baum spendet Frucht, Viehfutter und Humus. Die Liebe zu ihm zahlt sich aus.

Frauen nehmen an der landwirtschaftlichen Arbeit teil. In den Dörfern sind Bishnoi-Frauen eine Kraft, die man nicht unterschätzen sollte, weder innerhalb noch außerhalb der Gemeinden. Über Jahrhunderte wurden sie zu erbitterten Verteidigern von Land, Tieren und Bäumen - von allen Elementen der Religion, die ihren Familien ein so gedeihliches Auskommen beschert.

Gemäß den Bishnoi-Geboten wird von der Frau eine 30-tägige Quarantäne nach einer Geburt erwartet; auch während der Menstruation soll sie sich 5 Tage isoliert halten.

Abseits dieser Ausnahmen jedoch gibt es kaum etwas, das Frauen ihre öffentlichen Rechte streitig machen kann. Viele lokale Anekdoten erzählen von Bishnoi-Frauen, die Wilderer auf die Straße gezerrt und verdroschen haben. In den Gemeinden wird ihr Wort respektiert und beachtet.

Der heilige Jambeshwar hat schon im 15. Jahrhundert die Gleichberechtigung der Geschlechter betont. Von der großmütigen und achtungsvollen Beziehung zwischen Mann und Frau spricht das erste der 29 Gebote.

Bishnoi-Frauen können außerordentlich eindrucksvoll in den einen Dingen sein und schlicht und einfach unwissend in anderen.

Die Lehre Jambeshwars besagt:

"Filtere Wasser und Milch durch ein Tuch. Vor dem Gebrauch befreie alles Wasser, alle Milch und jeglichen Brennstoff (Tierdung) von Lebendigem Wesen."

Das stammt aus einem Zeitalter, in dem das Mikroskop noch nicht erfunden war. Die Existenz von Bakterien war noch nicht entdeckt.

Für diese Frauen existieren sie bis heute nicht. Sie praktizieren das Filtern schlicht im Gehorsam einer religiösen Vorschrift.

Die Bishnoi-Religion kennt einige solcher Regeln, die heute kaum mehr religiös, sondern wie Hygiene- oder Überlebensregeln klingen. Umweltbewußtsein, Überlebensregeln und Religion sind eine Einheit, und das schon seit mehr als 500 Jahren.

Wie die meisten indischen Frauen verbringen auch die Bishnoi-Frauen einen großen Teil des Tages mit dem besorgen von Wasser und Brennstoff. Auch hier jedoch wieder der charakteristische Unterschied: Eine Bishnoi schneidet kein Brennholz, stattdessen geht sie stundenlang Tümpelufer und Weideland ab, auf der Suche nach Dung.

Das 23. Gebot besagt: beschneide niemals einen grünenden Baum. Aber Bishnoi-Frauen lassen sogar vertrocknete Bäume unberührt. Allenfalls lesen sie einmal abgefallene vertrocknete Zweige vom Boden auf. Die Kinder helfen, den Dung zu sammeln und zu trocknen. Er ist der einzige häusliche Brennstoff. Auf einer gemeinschaftlichen Lagerfläche wird er dann gestapelt. Die Familien entnehmen täglich ihren Bedarf an trockenen Fladen, um sie Zuhause beim Kochen zu verfeuern.

Dies alles, um der Natur so wenig wie möglich zu schaden und kein Leben zu zerstören. Nach den Geboten soll auch der Dung vor dem Verbrennen von möglichen Lebewesen, die in ihm noch hausen mögen, getrennt werden.

Es ist ein Verfahren, von dem viele Generationen nicht abwichen. Die Umweltdisziplin ist zur zweiten Natur geworden, wie zur Bestätigung von Jambeshwars Philosophie.

Die Bishnoi leben in kleinen Gemeinschaften, normalerweise ungefähr 100 Familien groß. Sie sind seßhafte Hirten und ihre Nahrung stammt hauptsächlich von ihren Rindern: Milch, Joghurt und Käse. Meist hat jede Familie 8-10 Rinder. Die Bishnoi bauen auch Nahrung an, die wie von den meisten Wüstenvölkern, von wilden Pflanzen ergänzt wird.

Die Häuser sind aus Lehm. Die Dächer werden aus einheimischem algoroba Bohnengras geflochten. Einige Dörfer verwenden zum Häuserbau Luftziegel.

Die Bishnoi trocknen Mist zur Energiegewinnung; sie düngen damit nicht ihre Felder, um Keimlinge mit dem sauren Dung nicht zu beeinträchtigen. Ein gutes Verständnis von Biologie haben alle Bishnoi, deren geistige Identität mit dem Land und seiner Stütze für den Menschen verbunden ist.

"Betrachtet dies sorgfältig: wenn ihr maßvoll Lebt, der Gier aus dem Wege geht und hart arbeitet, wird diese Erde immer Früchte tragen. Ihr werdet immer genug haben und mehr. Haltet das im Sinn, seid klug. Dann werdet ihr glücklich sein."

Und glücklich scheinen sie zu sein. Mit genügend Nahrung, Gesundheit, Gold und einer unbeschädigten Umwelt. Einmalig auf der Welt ist wohl, wie Bishnoi-Frauen verletzten oder mutterlosen Antilopen-Babys die Brust gegeben und sie mit den eigenen Kindern zusammen großgezogen haben.

Hinter all diesen Dingen steht ein gemeinsamer Glaube: daß allen Tieren und Pflanzen von der Schöpfung her dieselbe Erlaubnis zukommt, zu leben, wie den Menschen. Daß sie gleiche Rechte haben. Daß der Verstand den Menschen so weit aus dem Tierreich auch wieder nicht heraushebt. Daß Leben in jeder Form so kostbar ist, daß es allen Einsatz und alle Liebe lohnt, bis hin zum eigenen Leben. Wie vor langer, langer Zeit die 363 Bishnoi.

Rajasthan ist ein Land, wo sich seine Bewohner ihr Leben mit mehr als den gewöhnlichen Attributen wie Blut, Schweiß, Arbeit und Tränen erkämpfen. Die Bishnoi tun es mit der Liebe zur Natur.



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